Geleakte Briefe zeigen: Russische Kommandeure setzen eigene Soldaten “auf null„
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Soldatenjargon

Geleakte Briefe zeigen: Russische Kommandeure setzen eigene Soldaten “auf null„

Geleakte Beschwerdebriefe offenbaren, wie russische Offiziere eigene Soldaten misshandeln, erpressen und als “Fleisch„ in den Tod schicken. Das Wort “Obnulenije„ – auf null setzen – steht für die Vernichtung durch das eigene Kommando.

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Russische Kommandeure setzen eigene Soldaten „auf null“ – so steht es in tausenden geleakten Beschwerdebriefen. Zwischen Ende April und Anfang September 2025 wurde eine schlecht gesicherte Datenbank mit 9.476 Eingaben an den russischen Menschenrechtsbeauftragten zugänglich.

6.739 der Schreiben – 71 Prozent – stammen von Soldaten oder Angehörigen, die über die digitale Plattform in Moskau Hilfe suchen. Ein technischer Fehler, entdeckt vom unabhängigen Exilmedium „Echo“, ermöglichte den Download der Korrespondenz.

Die Sozialanthropologin Alexandra Archipowa und der Psychologe Jurij Lapschin haben aus diesem Material das „Ethnografische Wörterbuch des Krieges“ zusammengestellt: 77 Einträge, die das staatliche Schweigen unterlaufen. Das Verstehen der Tötungspraxis sei nicht gleichbedeutend mit Zustimmung, betonen die Forscher.

Obnulenije: Vom Machterhalt zur Vernichtung

Der Begriff „Obnulenije“ – wörtlich „auf null setzen“ – lernte Russland 2020, als Wladimir Putin per Verfassungsänderung seine Amtszeiten auf null setzte. Fünf Jahre später bedeutet dasselbe Wort in den Beschwerden die Beseitigung eigener Soldaten durch das eigene Kommando.

Die 15-jährige Anastassija aus der Nähe von Moskau schildert, wie ihr Vater vor die Wahl gestellt wird: entweder Vertrag unterschreiben oder „in die Sturmangriffe zur Obnulenije“. Ihre Mutter habe am 18. August 2025 eine Eingabe an die Hauptmilitärstaatsanwaltschaft geschickt, doch die Familie fürchtet, den Vater nicht rechtzeitig retten zu können.

Vom Machterhalt zur Vernichtung

  1. 2020
    Obnulenije für Machterhalt

    Wladimir Putin lässt per Verfassungsänderung seine Amtszeiten auf null setzen, um bis 2036 regieren zu können.

  2. 2022
    Doppelte Kriegssprache

    Nach Beginn des Angriffskriegs bilden sich offizielles Newspeak und informeller Frontjargon heraus.

  3. April – September 2025
    Datenbank öffentlich

    Zwischen Ende April und Anfang September wird eine Datenbank mit 9.476 Eingaben an den Menschenrechtsbeauftragten zugänglich.

  4. 2026
    Ethnografisches Wörterbuch

    Archipowa und Lapschin dokumentieren 77 Ausdrücke des Frontalltags.

Fleisch, Ladung 200 und die Schattenwirtschaft

In den Schreiben erscheint der Krieg als eine „Korporation des Todes“: Menschen werden zu Vertragssoldaten gemacht, erpresst, ihrer Bankkarten beraubt und in Statuskategorien überführt. Ein Soldat schreibt seiner Ehefrau in Großbuchstaben: „ICH WILL KEIN FLEISCH SEIN!“

Die sowjetischen Militärcodes haben sich verselbstständigt: „Ladung 200“ steht für tote Soldaten, „Ladung 300“ für Verwundete, die „500“ für Deserteure. Wer „sich verfünfhundert“, versteckt sich vor gefährlichen Einsätzen oder der Gewalt der Vorgesetzten.

Als “Fleischangriff„ oder “Fleisch„ gilt ein Angriff, bei dem der vollständige Verlust einer Gruppe als wahrscheinlich und “akzeptabel„ betrachtet
Alexandra Archipowa, Sozialanthropologin

Auch die Schattenwirtschaft des Krieges wird in den Briefen sichtbar. Kommandeure nehmen einfachen Soldaten die Bankkarten samt PIN ab und kassieren so Sold, Prämien und Kompensationszahlungen – auch die der Gefallenen.

Die Forscher rekonstruieren eine „Preisliste“: 50.000 Rubel für das Leben im Unterstand, mindestens 150.000 Rubel, um den Sturmangriff hinauszuzögern, 100.000 bis 500.000 Rubel für die Versetzung in rückwärtige Dienste.

Die Sprache erreicht die Zivilbevölkerung

Viele dieser Begriffe sind längst über die Front hinausgegangen. Angehörige und sogar Kinder verwenden Wörter wie „Obnulenije“, „Ptitschka“ für Drohne oder „Babkoselo“ für wertlose Dörfer, um die Realität des Krieges zu benennen.

Dem steht das offizielle „Newspeak“ der Behörden gegenüber: „militärische Spezialoperation“ statt Krieg, „Klatsch“ statt Explosion, „des Lebens beraubt“ statt getötet. Der Krieg, so Archipowa, habe die gesamte russische Gesellschaft erfasst und die Alltagssprache verändert.

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Bereits 2023 veröffentlichte das unabhängige Medium Mediazona ein Wörterbuch der Kriegsneologismen; Anfang 2026 erschien eine zweite, erweiterte Ausgabe. Das „Ethnografische Wörterbuch des Krieges“ setzt diese Arbeit fort und dokumentiert eine Sprache, in der Menschen zu Material, zu Zahlen und zu handelbaren Posten werden.