Merkel nach AfD-Erdrutschsieg: „Mir als CDU-Mitglied blutet das Herz“
Die Altkanzlerin zeigt sich bei Digital X in Köln erschüttert über den AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt und warnt vor einer Abkehr von Fakten. Die AfD will mit Ulrich Siegmund den Ministerpräsidenten stellen.
Altkanzlerin Angela Merkel hat den Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt als historischen Bruch bezeichnet. Zwei Tage nach der Landtagswahl äußerte sie sich am Dienstag bei der Digitalmesse Digital X in Köln, wie die Berichterstattung über ihren Auftritt zeigt – und machte daraus einen Appell an die demokratischen Parteien.
„Das ist ein Einschnitt, ein wirklicher Einschnitt, den wir in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland erleben.“
Angela Merkel, Altkanzlerin (CDU)
Das Ergebnis sei „einfach schockierend“, sagte die frühere CDU-Parteichefin. Und mit Blick auf das Abschneiden ihrer eigenen Partei ergänzte sie: „Mir als CDU-Mitglied blutet das Herz.“
Wahlergebnis: AfD klar vorn, CDU historisch schwach
Das vorläufige amtliche Ergebnis zeigt: Die AfD kam auf 43,8 Prozent der Stimmen – so viel wie keine Partei zuvor in Sachsen-Anhalt. Die CDU von Ministerpräsident Sven Schulze stürzte auf 17,2 Prozent und halbierte damit ihr Ergebnis. Grüne, SPD und Linke lagen jeweils um die neun Prozent, das BSW zog mit 5,3 Prozent knapp in den Landtag ein, die FDP scheiterte mit 2,6 Prozent.
Die Entwicklung nach der Wahl
6. September 2026
AfD gewinnt Landtagswahl
Die AfD erreicht 43,8 Prozent, die CDU fällt auf 17,2 Prozent.
7. September 2026
Siegmund will Ministerpräsident werden
Der AfD-Spitzenkandidat kündigt an, eine stabile Mehrheit zu suchen.
8. September 2026
Merkel äußert sich
Bei Digital X in Köln nennt sie das Ergebnis einen „wirklichen Einschnitt“.
Merkels Kernkritik: Gefühl statt Fakten
Merkel riet den demokratischen Parteien, die individuelle Ansprache der Bürger zu suchen. Sie beklagte, dass Fakten bei vielen Bürgern keinen hohen Stellenwert mehr hätten und stattdessen Gefühle dominierten. Als Beispiel nannte sie den AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund, der auf den gesunkenen Arbeitslosenzahlen entgegnet habe: „Kann sein, aber das wird nicht so gefühlt.“
„Es war der Fortschritt der Aufklärung, dass sich die Summe der Menschen auf Fakten einigen konnte.“
Angela Merkel, Altkanzlerin (CDU)
Wenn nun das Gefühl die Hoheit übernehme und Fakten nicht mehr als das Wichtigste bewertet würden, seien das „zivilisatorische Rückschritte“, warnte Merkel.
AfD will Regierung bilden – Siegmund strebt Amt an
AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund will erster AfD-Ministerpräsident werden. Am Tag nach der Wahl sagte er, er trete „selbstverständlich“ an, wenn sich eine stabile Mehrheit abzeichne. Dafür wolle er mit allen Fraktionen sprechen.
Das Bündnis Sahra Wagenknecht signalisierte, sich im dritten Wahlgang enthalten zu wollen. Damit könnte Siegmund im dritten Wahlgang gewählt werden, wenn mindestens ein Abgeordneter einer anderen Partei mitmacht. BSW-Spitzenkandidat Thomas Schulze begründete: „Ich sehe die AfD als Partei, die von 44 Prozent der Menschen hier gewählt worden ist. Und dem muss ich Rechnung tragen. Das ist für mich Demokratie.“
Union in der Krise: Merz droht mit Bundeszwang
Bundeskanzler Friedrich Merz bezeichnete das Ergebnis als schwerste Niederlage der CDU seit Jahrzehnten. Er drohte der AfD mit der Durchsetzung des Grundgesetzes, notfalls per Bundeszwang, wie mehrere Medien berichteten.
Ex-Ministerpräsident Reiner Haseloff gab der Bundespolitik eine Mitschuld am AfD-Erfolg: „Im Grunde ist da ein Suizid politischer Art am Laufen.“ Der Wittenberger Bundestagsabgeordnete Sepp Müller schloss aus, der AfD zu einer Mehrheit zu verhelfen.
Der neue Landtag konstituiert sich spätestens am 6. Oktober. Die AfD hat bereits alle Parteien zu Sondierungsgesprächen eingeladen.