Putin rechnet mit Sieg 2027: Reisner warnt vor Donbass-Kollaps
Der österreichische Militäranalyst Markus Reisner sieht Putins Strategie auf totale Eskalation ausgerichtet: Die Ukraine könnte den Donbass verlieren und damit ihre Verteidigungsfähigkeit. Selenskyj hält dagegen.
Russlands Präsident Wladimir Putin setzt im Ukraine-Krieg auf totale Eskalation und rechnet offenbar mit einem Sieg im kommenden Jahr. Das sagt der österreichische Militäranalyst Markus Reisner in seinem wöchentlichen Format „Reisners Blick auf die Front“ auf ntv.de.
Reisner, Oberst des Generalstabsdienstes im Österreichischen Bundesheer, sieht Putin davon überzeugt, dass die Ukraine allmählich kippt. Der Kremlchef rechne damit, sie im kommenden Jahr komplett besiegen zu können und wolle seine Angriffe bis dahin durchhalten.
Einen baldigen Durchbruch bei diplomatischen Bemühungen erwartet Reisner nicht. Die US-Sondergesandten Jared Kushner und Steve Witkoff hätten in Moskau vielmehr die Unnachgiebigkeit Putins erlebt. Ziel der Ukrainer sei es gewesen, Russland vor dem Winter an den Verhandlungstisch zu bringen – das sei bisher nicht gelungen.
Putins Kalkül: Sieg statt Verhandlungen
Seine Analyse steht im Kontrast zu den jüngsten Bemühungen der US-Regierung. Putins Entscheidung zur Eskalation ist nach Reisners Darstellung längst gefallen – und zwar unabhängig von den Vermittlungsversuchen aus Washington.
„Der russische Präsident ist überzeugt, dass die Ukraine allmählich kippt. Er rechnet damit, sie im kommenden Jahr komplett besiegen zu können und will seine Angriffe bis dahin durchhalten. Darum setzt Putin eindeutig auf Eskalation.“
Markus Reisner, Oberst des Österreichischen Bundesheeres
Mit dieser Einschätzung stellt sich Reisner gegen die Hoffnung, Moskau könne durch Gespräche zum Einlenken bewegt werden. Aus seiner Sicht nutzt Putin die Zeit, um seine militärische Position auszubauen.
Donbass als Kernfrage des Krieges
Als zentrale Streitfrage möglicher Verhandlungen nennt Reisner den Donbass. Seit elf Monaten rennen russische Truppen gegen die Donbass-Stadt Kostjantyniwka an, ohne sie einzunehmen. Für die Ukraine gehe es längst nicht mehr darum, die Krim zurückzugewinnen.
„Würde die Ukraine den Donbass hergeben, dann stünden die russischen Truppen nicht mehr vor ihren Verteidigungslinien, sondern dahinter. Was wäre, wenn die Russen dann plötzlich wieder angriffen? Die Ukraine wäre quasi wehrlos.“
Markus Reisner, Oberst des Österreichischen Bundesheeres
Der Donbass sei für die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine zentral, weil dort die bestausgebauten Verteidigungsstellungen lägen. In anderen Fragen sei Kiew zu Kompromissen bereit – beim Donbass gelte: Bis hierher und nicht weiter.
Luftkrieg trifft kritische Infrastruktur
Besonders deutlich werde die russische Strategie in der jüngsten Intensivierung der Luftangriffe. Auslöser sei nach Reisners Angaben der Besuch von CIA-Chef John Ratcliffe in Moskau gewesen. Danach sei die Zahl der russischen Luftschläge deutlich angestiegen und auf hohem Niveau geblieben.
Laut ukrainischem Energieminister sind 80 Prozent der kritischen Infrastruktur beschädigt oder vollkommen zerstört. Russlands Angriffs-Dreiklang aus inzwischen strahlgetriebenen Geran-4- und Geran-5-Drohnen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen sei weiterhin sehr erfolgreich.
Vergleiche man nächtliche Satellitenbilder von 2022 mit aktuellen Aufnahmen, werde deutlich, wie dunkel das Land geworden ist. In russischen sozialen Netzwerken seien täglich Angriffe auf ukrainische Umspannwerke, Tankstellen und Lagerhallen zu sehen. Ein einfacher Stromgenerator könne bereits viel helfen.
Chronologie der Eskalation
Die wichtigsten Stationen
5. September 2026
US-Sondergesandte in Moskau
Steve Witkoff und Jared Kushner treffen Wladimir Putin im Kreml. Putin zeigt sich unnachgiebig.
6. September 2026
Weiterreise nach Kiew
Witkoff und Kushner treffen Präsident Selenskyj. Selenskyj spricht von russischer Verhandlungsbereitschaft.
7. September 2026
Reisners Lageanalyse
ntv.de veröffentlicht das Interview mit Markus Reisner. In der Nacht fliegen rund 350 ukrainische Drohnen nach Russland.
8. September 2026
Neue Angriffe auf Kiew
Russland nimmt nach dreitägiger Pause die Luftangriffe auf die Hauptstadt wieder auf. Die WELT berichtet über Reisners Analyse.
Selenskyj widerspricht – Kreml gibt sich siegessicher
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj vertritt eine andere Deutung. Laut einem Bericht des US-Portals Axios hätten ihm die US-Sondergesandten Witkoff und Kushner mitgeteilt, dass die Russen zu Verhandlungen bereit seien.
„Russland glaubt wirklich, dass dieser Winter ihnen helfen kann, uns zu brechen.“
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine
Gleichzeitig räumte Selenskyj ein, dass der Krieg voraussichtlich bis 2027 andauern werde. Für den Winter forderte er von den USA zusätzliche Patriot-Abfangraketen und LNG-Lieferungen.
Kreml-Sprecher Dmitri Peskow gab sich gegenüber der staatlichen Nachrichtenagentur Tass siegessicher: „Wir sind überzeugt, dass der Sieg sehr nah ist.“ Moskau begrüße die Bemühungen Trumps und erwarte die Wiederaufnahme von Gesprächen im Format Moskau, Washington und Kiew.
In der Nacht zum 8. September nahm Russland nach knapp dreitägiger Pause die Luftangriffe auf Kiew wieder auf. AFP-Reporter hörten mehrere heftige Explosionen; Bloomberg meldete mindestens zwei Tote. Ob die Kämpfe den Winter über weiter eskalieren, entscheidet sich jetzt am Donbass.