Großbeeren: 33 CDU-Mitglieder drohen Merz mit Parteiaustritt
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Brandbrief an Kanzler

Großbeeren: 33 CDU-Mitglieder drohen Merz mit Parteiaustritt

33 Mitglieder des CDU-Ortsverbands Großbeeren verlangen von Kanzler Friedrich Merz einen Kurswechsel – und drohen mit Parteiaustritt, sollte die Bundespartei Kurs und Stil nicht ändern. Auslöser ist der Absturz der CDU auf 17,2 Prozent bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.

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33 namentlich genannte Mitglieder des CDU-Ortsverbands Großbeeren verlangen von Bundeskanzler Friedrich Merz eine Kurskorrektur – und drohen damit, die Partei zu verlassen, wenn sie ausbleibt.

Der Brandbrief, den Ortsvorsitzender und Kreistagsabgeordneter Adrian Hepp am 10. September veröffentlichte, steht unter dem Motto „Herr Merz, jetzt ist Führung gefragt!“. Zu den Unterzeichnern gehört Bürgermeister Martin Wonneberger, wie der rbb-Bericht über den Brandbrief aus Großbeeren auflistet.

Der Ton ist ungewöhnlich für einen Verband, der bislang als merz-treu galt. Hepp betont, die Unterzeichner hätten von Anfang an zu den Unterstützern des Kanzlers gehört – umso enttäuschter seien sie jetzt. Eine Reaktion aus dem Konrad-Adenauer-Haus gab es zunächst nicht.

Das Debakel von Sachsen-Anhalt

Auslöser ist die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt vom 6. September. Die AfD holte 43,8 Prozent und verdoppelte ihr Ergebnis von 2021 mehr als; die CDU stürzte um fast 20 Prozentpunkte auf 17,2 Prozent ab. Merz sprach in der Parteizentrale von der schwersten Niederlage der Partei seit Jahrzehnten und kündigte Konsequenzen an.

Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026

Stimmenanteile in Prozent

Quelle: dpa/Medienberichte, 6. September 2026

Für die Großbeerener ist das kein fernes Problem. In Brandenburg hatte die CDU 2024 mit 22,7 Prozent ihr bestes Landesergebnis geholt, Großbeeren im Landkreis Teltow-Fläming gilt traditionell als CDU-Hochburg. Der Brief nennt das Ergebnis deshalb kein „Betriebsunfall“, sondern ein „unüberhörbares Alarmsignal“.

Der Kern des Schreibens

Das Schreiben dreht die gängige Erklärung für den AfD-Aufstieg um. Nicht die Radikalisierung der Wähler sei das Problem, heißt es darin, sondern das verlorene Vertrauen in die CDU und in die Fähigkeit der etablierten Politik.

Wir verlieren Wähler nicht deshalb, weil diese Menschen plötzlich radikal geworden sind. Wir verlieren einen erheblichen Teil von ihnen, weil sie das Vertrauen in die CDU und in die Fähigkeit der etablierten Politik verloren haben, ihre Probleme tatsächlich zu lösen.
Adrian Hepp, Vorsitzender des CDU-Ortsverbands Großbeeren

Die Unterzeichner erinnern an die eigenen Wahlversprechen – Wirtschaft wieder auf Kurs bringen, Bürger und Unternehmen entlasten, Energie bezahlbarer machen, Migration konsequenter steuern, Bürokratie abbauen, Leistung lohnen – und fragen: „Doch was davon ist bei den Menschen bisher tatsächlich angekommen?“ Laut dem Zeit-Bericht über die Forderungen an Merz verlangen sie „Klarheit, Verlässlichkeit und erkennbare Kurskorrekturen“.

Ohne einen solchen Kurswechsel riskiere die CDU, ihren Anspruch als bürgerliche Volkspartei dauerhaft zu verlieren und „politisch den Weg der FDP in die Bedeutungslosigkeit“ einzuschlagen. Zusätzlich zieht der Brief eine rote Linie gegenüber der Linkspartei: Sollte die CDU in Sachsen-Anhalt eine Regierung bilden, die von der Linken unterstützt oder geduldet wird und die Bundesführung dies mittragen, wollen die Unterzeichner ihre Mitgliedschaft „ernsthaft infrage stellen und einen Austritt prüfen“.

Einen Rücktritt von Merz fordert der Brief ausdrücklich nicht: „An dem Punkt sind wir noch nicht“, sagte Hepp der dpa, „wir wollen nochmal das letzte Mal die Hand reichen.“ Kritik übt er dennoch an der politischen Aufwertung von Jens Spahn wegen der Maskenbeschaffung in der Corona-Pandemie – ausdrücklich als politische, nicht als strafrechtliche Frage.

Hepp legt bei WELT TV nach

Einen Tag nach Veröffentlichung verschärfte der Ortsvorsitzende den Ton. Im Nachrichtensender WELT TV sagte Hepp, die CDU habe den Wahlkampf in Sachsen-Anhalt „24/7“ gegen die AfD geführt, während eigene Inhalte auf der Strecke blieben. Er spricht von „AfD-Bashing“; die Kollegen im Land hätten sich darin „völlig verloren“ und „gar nicht mehr die CDU-Themen bespielt“.

Von Merz erwartet er Führung – und verbindet sie mit einer Drohung an die Adresse der Bundespartei.

Das ist genau das, wo ich jetzt auch Führung erwarte, wo der Kanzler auf den Tisch hauen muss.
Adrian Hepp, Vorsitzender des CDU-Ortsverbands Großbeeren

Man habe sich „über viele Themen schon geärgert, über viele Sachen, die gelaufen sind von der Bundes-CDU“, sagte Hepp. Nun denke man „tatsächlich ernsthaft über Parteiaustritte nach“. An der Basis lasse sich die Bundespolitik „kaum noch als CDU-Politik verkaufen“: Die Menschen sagten, sie wählten im Bund nicht mehr CDU, sondern nur noch die örtlichen Kandidaten.

Bemerkenswert ist der Rückhalt, den Hepp für den Schritt reklamiert. In den 24 Stunden nach der Veröffentlichung seien viele E-Mails und Messenger-Nachrichten eingegangen, auch von AfD-Wählern, die den Schritt beglückwünschten. In Großbeeren gebe es „keine AfD“, dort sei „noch nicht mal ein AfD-Verband gegründet“ worden – sein Fazit: „Mit guter Politik haben wir keine AfD.“

Sollten die geforderten Veränderungen ausbleiben, „können wir uns dann vorstellen zu sagen, es ist Schluss, und die jahrelange Mitgliedschaft zu beenden“, sagte Hepp. Ein Absturz der CDU an die Fünf-Prozent-Hürde bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern wäre für ihn eine „historische Zäsur“ und „dramatisch“.

Auch in der Bundestagsfraktion wächst der Druck

Der Brandbrief steht nicht allein. Er fällt in eine Woche, in der die Kritik an Merz aus der eigenen Partei lauter wird – auch aus Sachsen-Anhalt, wo Parteifreunde den Merz-Kurs attackieren.

Die Eskalation nach der Wahl in Sachsen-Anhalt

  1. 6. September 2026
    CDU stürzt in Sachsen-Anhalt auf 17,2 Prozent

    Die AfD holt 43,8 Prozent und verdoppelt ihr Ergebnis von 2021 mehr als. Merz spricht von der schwersten Niederlage der CDU seit Jahrzehnten.

  2. 9. September 2026
    Merz nennt „Remigration“ eine „ethnische Säuberung“

    In der Generaldebatte des Bundestags sagt der Kanzler, das AfD-Konzept sei „nichts anderes als eine ethnische Säuberung nach Hautfarbe und Herkunft“.

  3. 10. September 2026
    Brandbrief aus Großbeeren wird veröffentlicht

    33 namentlich genannte CDU-Mitglieder fordern einen Kurswechsel. Brandenburgs CDU-Generalsekretär Julian Brüning nennt den Brief legitim.

  4. 11. September 2026
    Hepp droht im WELT TV mit Parteiaustritten

    Der Ortsvorsitzende spricht von „AfD-Bashing“ im Wahlkampf. CDU-Fraktionsvize Sepp Müller und der Spitzenkandidat in Mecklenburg-Vorpommern gehen auf Distanz zu Merz.

  5. 20. September 2026
    Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin

    Hepp warnt vor einem Absturz der CDU an die Fünf-Prozent-Hürde in Mecklenburg-Vorpommern.

Am selben Tag legte der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Sepp Müller im WELT TV nach. Die Union habe „an Glaubwürdigkeit verloren“, versprochene Vorhaben seien nicht schnell genug umgesetzt worden. Künftig müsse gelten: „weniger versprechen und lieber mehr umsetzen“ – auch beim „Spitzenpersonal“.

Der CDU-Spitzenkandidat in Mecklenburg-Vorpommern, Daniel Peters, kündigte an, vor der Wahl am 20. September keine gemeinsamen Auftritte mit Merz mehr zu absolvieren. Parallel gab die AfD-Bundestagsfraktion bekannt, Strafanzeige gegen den Kanzler wegen „verleumderischer Beleidigung“ gestellt zu haben – Anlass ist dessen Aussage im Bundestag, „Remigration“ sei „nichts anderes als eine ethnische Säuberung nach Hautfarbe und Herkunft“.

Brandenburgs CDU nennt den Brief legitim

In der brandenburgischen Landespartei stößt der Vorstoß nicht auf Ablehnung. Generalsekretär Julian Brüning nannte den Brief legitim: Er spiegele „vielerorts die Stimmung an der Basis wider“ und zeige, „dass sich unsere Mitglieder einbringen“. Die rot-schwarze Koalition in Brandenburg sei auch für den Bund ein Vorbild.

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Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) rief Union und SPD im Bund zu raschen Ergebnissen statt Streit auf: „Die Menschen wollen nicht wissen, wer sich in einer internen Debatte durchgesetzt hat. Sie wollen wissen, ob die Rechnung bezahlbar bleibt, ob Unternehmen investieren, ob der Staat Entscheidungen zustande bringt und ob sich ihr Alltag verbessert.“

Aus dem Konrad-Adenauer-Haus und vom Kanzler hatten die Großbeerener zum Zeitpunkt des WELT-TV-Interviews keine Antwort erhalten. Hepp hat die Frist selbst gesetzt. Am 20. September wählen Mecklenburg-Vorpommern und Berlin – ob die 33 Unterzeichner ihre Austrittsdrohung wahr machen, hängt an der Reaktion, die bis dahin aus dem Kanzleramt kommt.