Italien verbilligt den Gastransit über den Griespass und zieht Gas ab
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Gasversorgung

Italien verbilligt den Gastransit über den Griespass und zieht Gas ab

Italien will ab Oktober den Gastransit über den Griespass verbilligen und mehr Gas aus Nordwesteuropa abziehen. Deutschland drohen bei rekordleeren Speichern bis zu 2,1 Milliarden Kubikmeter Gas zu fehlen.

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Italien will ab Oktober den Gastransit über die Alpen verbilligen – und damit Gas abziehen, das auch Deutschland braucht. Nach dem ZEIT-Bericht über Italiens geplante Gastransit-Subvention soll ein staatlich finanzierter Liquiditätsservice die Transportkosten auf der Route über den Griespass senken und mehr Gas aus Nordwesteuropa nach Italien holen.

Der Griespass liegt auf mehr als 2.400 Metern Höhe zwischen der Schweiz und Italien. Dort endet in einem unterirdischen Stollen die Transitgas-Pipeline – die wichtigste und einzige Gasleitung, die Deutschland über die Schweiz mit Italien verbindet. Der unscheinbare Alpenübergang ist zum Schauplatz eines europäischen Verteilungskonflikts geworden.

Rom begründet den Schritt mit günstigeren Importen und niedrigeren Strompreisen. Fachleute und der Branchenverband Eurogas warnen dagegen, dass Gas aus Nachbarländern nach Italien umgeleitet werden könnte. Sogar LNG-Lieferungen könnten ausbleiben. Nach Branchenschätzungen fehlen Deutschland bis zu 2,1 Milliarden Kubikmeter Gas.

Speicher so leer wie seit 15 Jahren nicht

Die deutschen Gasspeicher waren Anfang September 2026 nur zu rund 53 bis 55 Prozent gefüllt – der niedrigste Stand zu dieser Jahreszeit seit Beginn der Aufzeichnungen vor 15 Jahren. Anfang September 2025 lag der Wert noch bei 71 Prozent, wie die FAZ-Analyse zum drohenden kalten Winter zeigt.

Der größte deutsche Speicher, Rehden in Niedersachsen, war sogar nur zu neun Prozent gefüllt. Der Speicherverband Initiative Energien Speichern (INES), der 17 Betreiber und mehr als 90 Prozent der deutschen Kapazität vertritt, nennt die Speicher für diese Jahreszeit historisch niedrig gefüllt.

Technisch sei bis zum 1. November nur noch ein Füllstand von rund 77 Prozent erreichbar, erklärte INES am 8. September. Die gesetzliche Vorgabe von 80 Prozent werde damit verfehlt. Dafür müsste in den zwei Monaten bis zum Stichtag mehr Gas eingespeichert werden als in den vergangenen drei Monaten zusammen.

Der Trend ist nicht neu: Schon Anfang August waren Deutschlands Gasspeicher nur zu 48 Prozent gefüllt, und Brüssel diskutierte einen möglichen Engpass.

Füllstand der Gasspeicher im Vergleich

Anteil der gefüllten Speicherkapazität in Prozent

Quelle: INES, GIE/Snam, September 2026

Warum kein Gas in die Speicher fließt

Der Grund ist nicht fehlendes Gas, sondern der Preis. Seit dem Iran-Krieg und der faktischen Sperrung der Straße von Hormus sind die Gaspreise stark gestiegen. Am Handelspunkt TTF kostete Gas Anfang September 2026 rund 74 bis 75 Euro je Megawattstunde, vor dem Hormus-Schock waren es unter 32 Euro.

Normalerweise kaufen Händler im Sommer billig ein und verkaufen im Winter teurer – dieser Sommer-Winter-Spread ist ins Negative gekippt. Nach INES-Rechnung verliert, wer heute einspeichert, 3,14 Euro je Megawattstunde.

Für INES-Geschäftsführer Sebastian Heinermann hängt die Speicherfüllung deshalb an der Wirtschaftlichkeit – nicht an gebuchten Kapazitäten:

Die deutschen Gasspeicher sind für diese Jahreszeit historisch niedrig gefüllt. Zwar können wir technisch noch einen Füllstand von rund 77 Prozent erreichen. Dafür reicht es aber nicht, dass Speicherkapazitäten lediglich gebucht sind. Die Speicherbefüllung muss wirtschaftlich tragfähig sein, damit sie von Marktakteuren auch tatsächlich realisiert werden kann.
Sebastian Heinermann, Geschäftsführer Initiative Energien Speichern

Italiens Vorsprung

Italien steht im europäischen Vergleich deutlich besser da: Die Speicher waren am 9. September 2026 zu über 84 Prozent gefüllt, gegenüber 67,33 Prozent im EU-Durchschnitt. Staatliche Anreize haben dazu erheblich beigetragen.

Seit Beginn des Ukrainekriegs gibt es in Italien einen Bonus für Händler, damit diese ihre gebuchten Speicherkapazitäten tatsächlich nutzen. Er kostete im vergangenen Winter rund 182 Millionen Euro und wird über die Netzentgelte auf die Gasrechnung der Verbraucher umgelegt.

Die Speicher verantwortet eine Tochtergesellschaft des mehrheitlich staatlichen Gasunternehmens Snam. Nach Snam-Daten importierte Italien seit Anfang 2026 41,4 Milliarden Kubikmeter Gas – 14,7 Milliarden aus Algerien über die Transmed-Pipeline, 13,7 Milliarden per Schiff an den Regasifizierungsterminals und 6,5 Milliarden über die TAP-Leitung aus Aserbaidschan.

Über den Griespass kamen 5,2 Milliarden Kubikmeter aus der Schweiz und den nordwesteuropäischen Märkten. Genau dieser Anteil soll durch den neuen Liquiditätsservice wachsen.

Markt statt Staat – oder Staatsgeld?

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hält staatliche Eingriffe weiter für falsch. Bei den Haushaltsberatungen im Bundestag sagte sie: „Wir haben Vorkehrungen getroffen, für jedes Szenario. Aber der Staat darf nicht selbst zum Preistreiber werden. Sonst sind hohe Energiepreise das Ergebnis, und unsere Wirtschaft wird noch mehr belastet.“

In einem Ministeriumspapier heißt es, staatliche Gaskäufe könnten zusätzliche Nachfrage schaffen, Preise erhöhen und private Einspeicherung verdrängen. Zudem bestehe das Risiko, dass Marktteilnehmer künftig darauf vertrauten, dass der Staat ohnehin einspringe.

Das Ministerium erklärte für eine Sondersitzung des Wirtschaftsausschusses des Bundestags, nach aktuellem Erkenntnisstand sei eine Gasmangellage im kommenden Winter nicht zu erwarten. Die Bundesnetzagentur verweist auf die Lieferverpflichtungen der Händler und nennt die Versorgung stabil.

Der Grünen-Energiepolitiker Michael Kellner wirft Reiche schweres Versagen vor. Aus der Antwort des Ministeriums auf eine Kleine Anfrage der Grünen geht hervor, dass mehrere Speicher ihre Vorgaben technisch nicht mehr erreichen können – darunter Wolfersberg, Frankenthal, Inzenham-West und Breitbrunn. Ende August war Wolfersberg erst zu 1,1 Prozent gefüllt.

Kellner sagt: „Die Bundesregierung verfehlt ihre eigenen Speicherziele, das gibt sie jetzt erstmals zu. Sie hat viel zu lange gezögert.“ Und er warnt vor der Abhängigkeit von US-LNG: „Wir sind von Donald Trump erpressbar.“

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Was auf dem Spiel steht

Sollte der Winter sehr kalt werden – Referenz ist das Wetterjahr 2010 –, reichen selbst 77 Prozent Füllstand nicht. INES-Modellrechnungen zufolge könnten im Januar und Februar 2027 bis zu 2 Terawattstunden pro Monat fehlen, an einzelnen Tagen bis zu 1,5 Terawattstunden; an manchen Januartagen läge die Unterdeckung bei über 25 Prozent.

Bei einem normalen oder milden Winter bleibt die Versorgung dagegen vollständig gewährleistet. Die EU-Kommission und die Gaskoordinierungsgruppe der EU sehen trotz niedriger Füllstände kein unmittelbares Risiko für die Versorgungssicherheit. Der Verbrauch ist seit der Energiekrise 2022 um 17 Prozent gesunken, die LNG-Importkapazitäten wurden um ein Drittel ausgebaut.

Wie die Gasspeicher in die Krise rutschten

  1. 28. Februar 2026
    Beginn des Iran-Kriegs

    Die Straße von Hormus wird faktisch für Handelsschiffe gesperrt, die Gaspreise steigen stark.

  2. 1. Mai 2026
    Speicher nur noch zu 26 Prozent gefüllt

    Der durchschnittliche deutsche Füllstand erreicht das Niveau des Krisenjahres 2021/22.

  3. 21. August 2026
    Bundesnetzagentur mahnt Händler

    Die Behörde fordert, die Gasspeicher rasch aufzufüllen.

  4. 1. September 2026
    53,4 Prozent – 15-Jahres-Tief

    Die deutschen Gasspeicher stehen so niedrig wie zu dieser Jahreszeit seit 15 Jahren nicht.

  5. 8. September 2026
    INES: 80-Prozent-Ziel verfehlt

    Maximal 77 Prozent sind bis 1. November erreichbar; der Wirtschaftsausschuss des Bundestags tagt.

  6. 11. September 2026
    Italien kündigt Transit-Subvention an

    Rom will ab Oktober die Transportkosten über den Griespass senken.

Der eigentliche Streitpunkt ist daher nicht die physische Verfügbarkeit, sondern der Preis. Die von der Bundesregierung geplante nationale Gasreserve von rund 24 Terawattstunden – etwa zehn Prozent der deutschen Speicherkapazität, ausreichend für rund zehn Tage – kommt frühestens 2027 und damit für diesen Winter zu spät.

Ob Italien die Subvention wie geplant zum 1. Oktober startet, entscheidet sich in den kommenden Wochen. Bis dahin bleibt offen, ob die deutschen Speicher bis zum 1. November die 77 Prozent überhaupt erreichen – und wie kalt der Winter wird.