An einem der 18 Grenzübergänge zwischen Polen und der Ukraine ist in der Nacht zum 10. September 2026 nach Angaben von Polens Ministerpräsident Donald Tusk eine unmittelbare Bedrohung abgewendet worden. Tusk gab den Vorfall am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Bratislava bekannt, wo die Regierungschefs der Visegrád-Gruppe mit dem irischen Premierminister Micheál Martin zusammenkamen.
Irland hat im Juli 2026 die EU-Ratspräsidentschaft übernommen. Mit am Tisch saß auch Ungarn, das Russland erstmals offiziell als Bedrohung einstuft.
Die Abwehr der Gefahr schrieb Tusk der Zusammenarbeit der Dienste zu: „Dank der Zusammenarbeit unserer Dienste mit ihren ukrainischen Kollegen konnte in der vergangenen Nacht eine direkte Bedrohung für einen der Grenzübergänge abgewendet werden“, sagte er.
Was Tusk offenließ
Tusk ließ bewusst offen, welcher der 18 Übergänge betroffen war und worin die Bedrohung konkret bestand. Er sprach lediglich von einer Vorankündigung, die glimpflich ausgegangen sei.
„In der Nacht hatten wir leider diese Vorankündigung, es ist glimpflich ausgegangen, aber wir müssen auf verschiedene derartige Provokationen vorbereitet sein, (...) auch auf innere Sabotage.“
Die Formulierung, Polen müsse sich auch auf innere Sabotage vorbereiten, legt nach Einschätzung der polnischen Berichterstattung nahe, dass eher die Dienste als die russische Luftwaffe gemeint waren. Eine offizielle Bestätigung, dass ein Luftangriff geplant war, gibt es nicht.
Warnung direkt vom CIA-Chef
Tusk verknüpfte den Vorfall mit einer Warnung: Er habe in den Stunden zuvor einen „ziemlich präzisen Bericht“ direkt von CIA-Direktor John Ratcliffe über mögliche Ereignisse in den kommenden Monaten erhalten, der mit dem übereinstimme, „was ich seit Monaten sage und wovor ich warne“. „Wir müssen verschiedene Szenarien antizipieren; sowohl Polen als auch ganz Europa müssen auf unterschiedliche Möglichkeiten hinsichtlich der Lage nicht nur an der russisch-ukrainischen Front, sondern auch entlang der Ostflanke der EU vorbereitet sein“, sagte er.
Ratcliffe war Ende August 2026 zu Gesprächen in Moskau gewesen, unter anderem mit dem Chef des Auslandsgeheimdienstes SWR, Sergei Naryschkin, und dem FSB-Direktor Alexander Bortnikow. Kremlsprecher Dmitri Peskow bestätigte die Gespräche, ohne Inhalte zu nennen; US-Präsident Donald Trump nannte die Reise „halb-routinemäßig“.
Russland reagierte zunächst nicht auf Tusks Äußerungen, die CIA antwortete auf eine Anfrage zunächst nicht – wie aus Politicos Einschätzung zu Ratcliffes Moskau-Reise hervorgeht.
Moldau als Präzedenzfall
Als Präzedenzfall nannte Tusk Russland: „Wie Sie wissen, hat Russland bereits provokative Angriffe auf Grenzübergänge verübt – beispielsweise in Moldau. Wir erwarten ähnliche Aktionen gegen Grenzübergänge zur Ukraine in anderen Ländern, darunter Polen.“
Hintergrund ist der russische Drohnenangriff auf den ukrainisch-moldauischen Grenzübergang Tudora – Starokosatsche in der Region Odessa am 9. September 2026. Nach Angaben der moldauischen Behörden starben zwei ukrainische Staatsbürger, mehrere Menschen wurden verletzt, darunter ein moldauischer Staatsbürger; die Infrastruktur des Kontrollpunkts wurde beschädigt, der Betrieb vorübergehend eingestellt, zwei weitere Drohnen gingen in der Nähe nieder.
Das moldauische Außenministerium warf Russland am Donnerstag einen gezielten Angriff vor und wies dessen Rechtfertigung, es habe einen Waffentransport verhindern wollen, als falsch zurück. Nach Angaben der ukrainischen Grenzschutzbehörde war es bereits der fünfte Kontrollpunkt, den Russland in jüngster Zeit mit Drohnen angegriffen hat; zuvor waren laut Chișinău zwei weitere Übergänge an der ukrainisch-moldauischen Grenze sowie einer an der Grenze zu Rumänien getroffen worden.
Von der CIA-Reise bis zur abgewendeten Bedrohung
- 25. August 2026CIA-Direktor Ratcliffe reist nach Moskau
Gespräche unter anderem mit SWR-Chef Sergei Naryschkin und FSB-Direktor Alexander Bortnikow; Kremlsprecher Peskow bestätigt die Treffen ohne Inhalte.
- Ende August 2026Tusk warnt nach Treffen mit NATO-Generalsekretär Rutte
Der polnische Regierungschef bezeichnet die kommenden sechs Monate als entscheidend und fordert mehr Luftverteidigung für die Ukraine.
- 9. September 2026Russische Drohnen treffen Übergang in Moldau
Am Kontrollpunkt Tudora – Starokosatsche in der Region Odessa sterben zwei ukrainische Staatsbürger, mehrere Menschen werden verletzt.
- Nacht 9./10. September 2026Bedrohung an einem polnisch-ukrainischen Übergang vereitelt
Nach Angaben von Donald Tusk verhindern polnische und ukrainische Dienste eine unmittelbare Gefahr.
- 10. September 2026Tusk berichtet in Bratislava
Bei der Pressekonferenz der Visegrád-Gruppe mit Irland nennt Tusk den Vorfall und den CIA-Bericht; das RCB warnt die Woiwodschaften Lublin und Karpatenvorland.
- 10. September 2026Moldau wirft Russland gezielten Angriff vor
Das Außenministerium in Chișinău weist die russische Begründung, es habe einen Waffentransport verhindern wollen, als falsch zurück.
Polen will die Last nicht allein tragen
Tusk machte den Kern des Konflikts explizit: Russland greife gezielt Handelswege und Grenzübergänge an, um die Ukraine wirtschaftlich zu schwächen. Polen und die EU müssten sich darauf einstellen.
„Es ist nicht so, dass Polen in dieser Frage die Hilfe der Europäischen Union braucht. Wir übernehmen derzeit die schwierigste Aufgabe für ganz Europa, nicht nur für uns.“
Der Schutz der Grenze zu Belarus und Russland sowie die Bewachung der Übergänge zur Ukraine liege in der Verantwortung der gesamten EU, betonte der polnische Regierungschef. Wie Bericht über Tusks Appell an die EU festhält, sieht er Warschau dabei nicht als Bittsteller, sondern als Vorposten.
Kampfjets in der Luft, Warnung für zwei Woiwodschaften
Am Tag der Pressekonferenz wurden wegen der russischen Bombardierung von Zielen im Westen der Ukraine polnische Kampfflugzeuge in die Luft gebracht; das Regierungszentrum für Sicherheit (RCB) gab eine Warnung für die Bewohner der Woiwodschaften Lublin und Karpatenvorland heraus.
Schon im August 2026 hatte Tusk nach einem Gespräch mit NATO-Generalsekretär Mark Rutte vor einer fortschreitenden Eskalation Russlands gewarnt und die kommenden sechs Monate als entscheidend bezeichnet; mehr Luftverteidigungsunterstützung für die Ukraine sei „entscheidend für unsere Sicherheit“.
Der Vorfall vom 9./10. September reiht sich in eine Serie hybrider russischer Aktionen gegen Polen und die EU-Ostflanke ein – darunter Drohnenzwischenfälle über polnischem Luftraum, ein Sabotagebrand in einem polnischen Drohnenwerk und Angriffe auf Grenzübergänge in Moldau und Rumänien. Ob Warschau den betroffenen Übergang noch benennt und ob die EU auf Tusks Appell mit zusätzlicher Luftverteidigung reagiert, ist offen. Tusk selbst rechnet mit weiteren Provokationen.
