Gina H. (30) hat am Donnerstag erstmals Fragen des Landgerichts Rostock beantwortet – und dabei genau das geliefert, was ihre Verteidigung bis dahin vermieden hatte: Widersprüche. Es war der 27. Verhandlungstag im Mordprozess um den achtjährigen Fabian, der bislang wichtigste Auftritt der Angeklagten.
Die Staatsanwaltschaft wirft der früheren Lebensgefährtin von Fabians Vater vor, den Jungen am 10. Oktober 2025 aus der Wohnung seiner Mutter in Güstrow gelockt und an einem Tümpel bei Klein Upahl mit sechs Messerstichen getötet zu haben. Danach soll sie den Leichnam mit Grillanzünder übergossen und angezündet haben. Als Motiv gilt, dass sie Fabian als Hindernis für die Wiederaufnahme der Beziehung zu seinem Vater sah. Gina H. bestreitet die Tat; anders als im Fall des geständigen Landwirts aus dem Prozess in Lüneburg gilt für sie die Unschuldsvermutung.
Bis dahin hatte sie geschwiegen: Am 24. August 2026 ließ sie eine 95-seitige, von ihren Verteidigern verfasste Einlassung verlesen und lehnte Nachfragen ab. Der Vorsitzende Richter Holger Schütt warnte sie, das Gericht könne ihren Angaben womöglich nicht in Gänze glauben, wenn sie Fragen nicht beantworte – selektives Schweigen darf nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs zum Nachteil verwertet werden. Laut ihrem Anwalt Thomas Löcker war dies der Hauptgrund für den Sinneswandel.
Ein Schlagabtausch, der kippt
Schütt stellte zu Beginn klar, es gehe nicht darum, die Angeklagte auseinanderzunehmen, sondern Widersprüche und Unklarheiten zu klären. Zum Auftakt wirkte die Angeklagte wie ausgewechselt: Gina H. hielt Augenkontakt, sprach in eigenen Worten – und korrigierte den Richter, als der bei einer Google-Maps-Erklärung falsch abbog. Im Saal kam Gelächter auf.
Nach knapp vier Stunden kippte die Stimmung. Als Schütt mehrfach zu verstehen gab, ihren Erklärungen nicht folgen zu können, platzte es aus ihr heraus:
„Woher soll ich wissen, dass Fabian verschwindet? Ich habe damit verdammt nochmal nichts zu tun! Ich habe keinen Grund, diesem armen Kind was anzutun.“
Der Ausbruch fiel mitten in die Befragung zum 10. Oktober 2025. Kurz vor 11 Uhr will eine Überwachungskamera ihren orangefarbenen Ford Ranger in Fabians Straße gefilmt haben. Nach knapp sechs Stunden war der Richter noch nicht mit allen Fragen durch; die bohrenden Fragen an die Angeklagte gehen am 15. September weiter.
Portemonnaie, Waldweg, ausgeschaltetes Handy
Gina H. erklärte, sie sei nach Güstrow gefahren, um für ihre Großeltern Geld abzuheben, habe aber die Bankkarte vergessen – und ergänzte während der Befragung, auch das Portemonnaie vergessen zu haben. Als der Richter bemerkte, sie habe laut Überwachungskamera beim späteren Einkauf ihr Portemonnaie gezückt, behauptete sie, zwischendurch doch zu Hause gewesen zu sein. Verteidiger Löcker erklärte, dieses Detail sei ein Fehler in der Darstellung der Einlassung gewesen.
Besonders wichtig war dem Gericht, warum sie am Tattag vormittags ausgerechnet in der Nähe des späteren Tatorts bei Klein Upahl durch ein Waldgebiet spazierte und anschließend quer durch den Wald fuhr – quasi am späteren Fundort vorbei. Den viel kürzeren Weg zur Landstraße hätte sie nehmen können, um rechtzeitig zu ihrer Verabredung zu kommen. Sie erklärte das mit innerer Unruhe, Neugier und Zeitdruck; der Richter hielt ihr entgegen, auf einem Polizeivideo seien mehrere Wendemöglichkeiten erkennbar. Feldarbeiter wollen den auffälligen Wagen gegen Mittag bei Klein Upahl gesehen haben.
Laut Anklage soll sie Fabian kurz vor 11 Uhr mit ihrem Ford Ranger abgeholt, mit ihm zu einem Waldstück rund 1,6 Kilometer vom späteren Tatort gefahren sein und um 11.22 Uhr ihr Smartphone deaktiviert haben. Fabian starb laut Anklageschrift zwischen 10.50 und 13 Uhr. Gina H. schilderte, sie habe das Handy aus Ärger darüber ausgeschaltet, dass Christian D. nicht sofort auf eine Nachricht reagierte. Der Richter verwies darauf, dass die Antwort schon eineinhalb Minuten später eingegangen sei – und dass sie ihr Telefon zuvor nie in vergleichbaren Situationen ausgeschaltet habe.
Bauchschmerzen, Wildschweine, Autoreinigung
Am Tag von Fabians Verschwinden sprach Gina H. einem Bekannten aufs Band, der Junge sei wegen Bauchschmerzen zu Hause geblieben. Der Richter fragte, woher sie das zu diesem Zeitpunkt schon gewusst habe. Zuerst gab sie an, es von Fabians Vater erfahren zu haben; da sie noch nicht mit ihm telefoniert hatte, änderte sie ihre Aussage und sagte, sie habe davon im Internet gelesen. Der Richter nannte die erste Erklärung auffällig.
Misstrauisch machte Schütt auch eine Internetsuche kurz nach der Tat, in der sie wissen wollte, ob Wildschweine tote Menschen fressen. Eine genaue Erklärung blieb sie schuldig. Drei Tage nach Fabians Verschwinden schlug sie Christian D. vor, in den Wäldern bei Klein Upahl nach Fabian zu suchen; sie verwies auf ein Video von Raffaela F. – das aber erst später veröffentlicht wurde. Auch die Wahl des Ackers im Dunkeln konnte sie nicht erklären; D. hatte ausgesagt, sie habe ihn quasi dorthin geführt.
Am Nachmittag traf sie D. an einem See. Der Richter konfrontierte sie mit abweichenden Angaben des Zeugen, technischen Handyaktivitäten und einer Zeugin, die sie früher an einem anderen Ort gesehen haben will; Gina H. blieb bei ihrer Version – die anderen würden lügen. Nach dem Treffen fegte sie zu Hause ihr Auto aus, nach eigener Aussage wegen eines Scherzes über den schmutzigen Wagen. Der Richter wunderte sich, warum sie ausgerechnet am Tattag nach Monaten erstmals ihr Auto reinigte und später Fotos davon verschickte.
Gewalt, Eifersucht, Borderline-Symptome
Gina H. berichtete vor Gericht von Gewalt durch einen früheren Partner aus Polen, mit dem sie einen gemeinsamen Sohn hat:
„Er brauchte einen Pegel von mindestens zwei Promille, damit er mich nicht geschlagen hat.“
Einmal, so schilderte sie, habe er ihr in den Bauch getreten, woraufhin sie ins Krankenhaus gekommen sei. Auf die Frage, ob auch Fabians Vater sie geschlagen habe, zögerte sie – sie wolle nicht, dass er Probleme bekomme. Der Richter konterte, im Moment habe eher sie das Problem, hier zu sitzen. Sie behauptete, Matthias R. habe mehrfach die Hand gegen die Kinder erhoben; sie sei dazwischengegangen. Warum sie dann an der Beziehung festhielt, fragte der Richter irritiert.
Ein Psychotherapeut hatte zuvor eine Persönlichkeitsstörung mit Borderline-Symptomen beschrieben; sie selbst räumte Eifersuchtsanfälle und Kontrollzwang ein. Eifersucht auf Fabians Mutter gab sie erst nach Vorhalt einer Nachricht zu – möglicherweise sei sie ein bisschen eifersüchtig gewesen.
LKA-Daten, Zweifel und der nächste Termin
Zu Beginn des Verhandlungstags sagte erneut ein LKA-Experte aus, der das sichergestellte Handy ausgewertet hatte. Das Gericht hatte zwei Vergleichsfahrten angeordnet: vom Bolzsee bei Lohmen zurück zum Tatort – wie die Anklage behauptet – und vom Bolzsee direkt nach Reimershagen, wo Gina H. wohnte. Laut dem Beamten zeichnete das Handy beide Fahrten nachvollziehbar auf. Verteidiger Andreas Ohm zweifelte die Zuverlässigkeit an; auch die Staatsanwaltschaft räumte Grenzen ein: Die Standortdaten waren zur relevanten Zeit ausgeschaltet.
Fabians Mutter Dorina L. verfolgte den Tag über ihre Anwältin Christine Habetha. Die sagte, die Angeklagte habe sich „um Kopf und Kragen geredet“ und sei den Anforderungen ans erfolgreiche Lügen offenbar nicht gerecht geworden. Verteidiger Ohm sah Widersprüche, aber keinen Tatnachweis – Gina H. mache manche Dinge anders, als wir es machen würden.
Der Fall Fabian: Stationen
- 10. Oktober 2025Fabian verschwindet in Güstrow
Die Mutter meldet den Achtjährigen gegen 20.30 Uhr als vermisst. Laut Anklage holt Gina H. ihn kurz vor 11 Uhr ab; um 11.22 Uhr wird ihr Handy ausgeschaltet.
- 14. Oktober 2025Kinderleiche am Tümpel bei Klein Upahl
Eine Spaziergängerin findet die Leiche; Gina H. führt die Polizei dorthin. Drei Tage später bestätigt ein DNA-Test, dass es sich um Fabian handelt.
- 6. November 2025Festnahme und Untersuchungshaft
Die Polizei beschlagnahmt das Auto; am 7. November wird bestätigt, dass die festgenommene 29-Jährige Gina H. ist. Es ergeht Haftbefehl.
- 9. März 2026Anklage erhoben
Die Staatsanwaltschaft Rostock erhebt Anklage gegen Gina H.
- 28. April 2026Prozessbeginn am Landgericht Rostock
Den Vorsitz hat Richter Holger Schütt.
- 24. August 202695-seitige Einlassung verlesen
Gina H. verliest ihre Einlassung am 22. Verhandlungstag und lehnt Nachfragen ab.
- 10. September 2026Erste Antworten – und viele Widersprüche
Am 27. Verhandlungstag beantwortet sie erstmals Fragen des Gerichts. Die Befragung wird am 15. September fortgesetzt.
Der Prozess läuft seit dem 28. April 2026 und wurde bis zum 8. Oktober 2026 verlängert. Die Befragung wird am 15. September 2026 fortgesetzt, ein Urteil wird frühestens im Oktober erwartet. Das öffentliche Interesse ist enorm: Die ersten Zuschauer stellten sich um 2.10 Uhr nachts vor dem Landgericht Rostock an.
