Fünfmal hat Roderich Kiesewetter das Direktmandat im Wahlkreis Aalen – Heidenheim gewonnen, seit 2009 sitzt er für die CDU im Bundestag. In dem Gremium, das er einst führte, fehlt er seit Juni 2025: Das Parlamentarische Kontrollgremium, das die Nachrichtendienste kontrolliert, tagt ohne ihn.
An diesem Freitag, dem 11. September 2026, wird der in Pfullendorf geborene Politiker 63 Jahre alt. Berliner Geburtstagskalender führen ihn an diesem Tag: Das Hauptstadtecho meldet „Roderich Kiesewetter, MdB darf feiern“, Table.Briefings und das POLITICO-Berlin-Playbook listen ihn als „Roderich Kiesewetter, MdB (CDU), 63“.
Ein rundes Jubiläum ist das nicht, offizielle Ehrungen stehen nicht an. Die Aufmerksamkeit gilt einem Abgeordneten, der seit 17 Jahren zu den lautesten außenpolitischen Stimmen der Union gehört und der in dieser Woche mit Forderungen zu Russland-Sanktionen und zum Anschlagsfall Leipzig/Halle selbst Schlagzeilen machte.
Vom Generalstabslehrgang zum Oberst a. D.
Kiesewetter stammt nach eigenen Angaben aus einer Soldaten- und Offizierfamilie. 1982 legte er sein Abitur am Hariolf-Gymnasium in Ellwangen an der Jagst ab und trat als Berufsoffizieranwärter in die Bundeswehr ein, zunächst in der Artillerietruppe. An der Universität der Bundeswehr München und in Austin, Texas, studierte er Wirtschafts- und Organisationswissenschaften.
Es folgten Verwendungen im Verteidigungsministerium, ein Auslandseinsatz auf dem Balkan sowie Posten beim Europäischen Rat und beim Nato-Hauptquartier in Brüssel und Mons. Von 2002 bis 2004 kommandierte er als Oberstleutnant das Raketenartillerielehrbataillon 52 in Hermeskeil, später war er Grundsatzreferent im Führungsstab des Heeres.
Stationen der Militärlaufbahn
- 11. September 1963Geburt in Pfullendorf
Roderich Kiesewetter wird im Landkreis Sigmaringen in Baden-Württemberg geboren.
- 1982Abitur und Eintritt in die Bundeswehr
Nach dem Abitur am Hariolf-Gymnasium in Ellwangen beginnt er die Offiziersausbildung in der Artillerietruppe.
- 1995 – 199738. Generalstabslehrgang des Heeres
An der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg; ausgezeichnet mit dem Heusinger-Preis für den besten deutschen Absolventen.
- 2002 – 2004Kommandeur des Raketenartillerielehrbataillons 52
Als Oberstleutnant führt er den Verband in Hermeskeil.
- Oktober 2006Beförderung zum Oberst
Als Büroleiter der Stabschefs bei SHAPE in Mons; in dieser Zeit ist er mehrfach dienstlich in Afghanistan.
- 27. September 2009Erstes Direktmandat im Wahlkreis Aalen – Heidenheim
Mit 45,1 Prozent der Erststimmen zieht er in den Bundestag ein.
- Juni 2015Verabschiedung aus dem aktiven Dienst
Seither führt er den Titel Oberst außer Dienst.
Fünf Direktmandate im Wahlkreis Aalen – Heidenheim
Politisch organisiert ist Kiesewetter seit 1979 in der Jungen Union und seit 1981 in der CDU. Am 11. Oktober 2008 wurde er im Wahlkreis Aalen – Heidenheim mit 75,5 Prozent im ersten Wahlgang zum Bundestagskandidaten nominiert, bei der Bundestagswahl am 27. September 2009 gewann er mit 45,1 Prozent der Erststimmen das Direktmandat.
Es folgten Direktmandate 2013, 2017, 2021 und bei der Bundestagswahl im Februar 2025. Im Bundestag ist er seit 2009 ordentliches Mitglied des Auswärtigen Ausschusses, seit Januar 2014 Obmann der CDU/CSU-Fraktion in diesem Gremium und stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgruppe Auswärtiges – so steht es in der Biografie beim Deutschen Bundestag.
Erststimmen für Kiesewetter im Wahlkreis Aalen – Heidenheim
Anteil der Erststimmen bei vier Bundestagswahlen
Der lauteste Russland-Kritiker der Union
Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine forderte er, mit Waffenlieferungen „den Krieg nach Russland“ zu tragen; das russische Verteidigungs- und das Geheimdienstministerium seien „natürlich legitime militärische Ziele“. Deutschland müsse wirtschaftlich „all-in“ gehen. Ende September 2025 schlug er vor, der Bundestag solle den Spannungsfall ausrufen, um kritische Infrastruktur militärisch schützen zu können.
Im Nahostkonflikt unterstützt er Israel und das Konzept der deutschen Staatsräson; im August 2024 brachte er die Luftbetankung israelischer Kampfflugzeuge durch die Bundeswehr ins Spiel, falls der Iran angreift. Als Ziel des Westens formuliert er: „Grundsätzlich muss Ziel des gesamten Westens sein, dass die Ukraine ihr völkerrechtlich anerkanntes Staatsgebiet in den Grenzen von 1991 befreit.“
Visa-Stopp für russische Staatsbürger
Im August 2026 gehörte Kiesewetter zu den schärfsten Befürwortern eines EU-weiten Stopps von Touristenvisa für russische Staatsbürger. Wie der Bericht von RBC-Ukraine über die Visa-Forderung festhält, widerspreche die übermäßige Ausgabe von Touristenvisa der europäischen Strategie der Isolation Russlands und erzeuge „einen falschen Eindruck von Normalisierung für wohlhabende Russen“.
„Keine Touristen-Visa mehr an Russen! Es ist ein Skandal, dass allein Frankreich, Italien und Spanien 2025 mehr als 440.000 Visa an russische Staatsbürger vergeben haben.“
Der ukrainische Dienst ukranews.com berichtete, Kiesewetter fordere eine vollständige Einstellung der Visa-Ausgabe an Russen auf EU-Ebene. Am 9. September 2026 äußerte er sich zum mutmaßlichen Anschlagsplan auf den Flughafen Leipzig/Halle: Wäre der Anschlag erfolgreich gewesen, hätte Deutschland ganz anders diskutiert. Auch Diplomatie funktioniere nur aus einer Position der strategischen Stärke.
Der Preis für eine Haltung
Vom 5. November 2020 an war Kiesewetter Mitglied des Parlamentarischen Kontrollgremiums, ab dem 25. November 2020 dessen Vorsitzender, seit dem 24. März 2022 stellvertretender Vorsitzender. Am 4. Juni 2025 wurde bekannt, dass er dem Gremium nicht mehr angehört – nach Darstellung der Wikipedia ein Wunsch von Bundeskanzler Friedrich Merz.
„Das ist der Preis, wenn man eine Haltung hat.“
Mit diesem Satz kommentierte Kiesewetter seinen Abgang aus dem Kontrollgremium, das die Arbeit von Verfassungsschutz, BND und MAD prüft. Auch in der Fraktion eckte er an: Am 29. und 31. Januar 2025 nahm er an den Abstimmungen über den Entschließungsantrag „Fünf Punkte für sichere Grenzen“ und das Zustrombegrenzungsgesetz der Union nicht teil. Danach sagte er: „Meine Fraktion scheint in die Falle der AfD getappt zu sein.“
Außerhalb des Parlaments war er von November 2011 bis Juni 2016 Präsident des Verbandes der Reservisten der Deutschen Bundeswehr und trat wegen der Kosten eines Verbandsempfangs zurück. Seit Oktober 2018 führt er den Beirat der Bundesakademie für Sicherheitspolitik. Am 1. Juni 2024 wurde er an einem Wahlkampfstand in Aalen attackiert und zog sich Schürfwunden und eine Schulterprellung zu.
Kein Jubiläum, nur ein Kalendereintrag
Für den 63. Geburtstag gibt es keine offizielle Ehrung, keine Rede, keinen Empfang, den die Öffentlichkeit verfolgen könnte. Eine eigene Meldung liefern bislang vor allem die Berliner Geburtstagskalender. Ein politisches Großereignis ist der Freitag, der 254. Tag des Jahres, nicht.
Offen ist, ob die EU-Kommission den geforderten Visa-Stopp aufgreift; die ukrainische Berichterstattung über Kiesewetters Vorstoß datiert vom 5. September 2026. Über den weiteren Verlauf des Verfahrens gegen den Angreifer von Aalen ist öffentlich nichts bekannt. Und ob die Union seinem Kurs folgt oder ihn auf Abstand hält, entscheidet sich nicht an einem Geburtstagskalender.
