Auf einer Parkbank im Englischen Garten entdeckte eine Münchnerin am Donnerstag eine Schmiererei: „Die AfD hat gewonnen“ – und darunter die Ankündigung, Charlotte Knobloch zu ermorden. Sie rief die Polizei.
Zwei Tage später machte Münchens Oberbürgermeister Dominik Krause den Fall auf einer Bühne an der Ludwigstraße öffentlich. Knobloch, Holocaustüberlebende und Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, sagte daraufhin einen für den Abend geplanten Auftritt aus Sicherheitsgründen ab.
Krause sprach an diesem Samstag, dem 12. September 2026, nicht nur für München. Eine Woche nach dem Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt gingen am Samstag Zehntausende in mehr als 35 Städten gegen Rechtsextremismus und für demokratischen Zusammenhalt auf die Straße; die taz bilanzierte am Abend „über 100.000 Menschen auf der Straße“.
Die größten Kundgebungen des Tages
In Hamburg zogen nach Veranstalterangaben rund 25.000 Menschen unter dem Motto „Zeit zum Handeln – Freiheit muss verteidigt werden“ durch die Innenstadt; die Polizei machte zunächst keine eigenen Angaben. In Düsseldorf demonstrierten rund 20.000 unter „Kein Schritt zurück! Gegen die AfD und rechte Hetze!“ – doppelt so viele wie angemeldet.
In Berlin zogen sieben Demonstrationszüge zur „Sterndemo“ zum Roten Rathaus, wo gegen 16 Uhr die Abschlusskundgebung begann; die Polizei nannte rund 18.000 Teilnehmende, die Veranstalter 32.000. 1.800 Polizeikräfte waren im Einsatz. In München zählte die Polizei rund 12.000 Menschen bei der achten „Prüf-Demo“ – viermal so viele wie angemeldet; Veranstalter Till Hofmann vom Bellevue di Monaco nannte in dem Bericht über die Münchner Demo rund 15.000.
Kleinere und mittlere Städte kamen hinzu: In Freiburg zählte die Polizei bis zu 7.500 Menschen, in Heidelberg rund 7.000, in Regensburg mindestens 3.500. In Leipzig versammelten sich laut Veranstaltern 5.000 auf dem Marktplatz, in Stuttgart rund 2.500.
Teilnehmende bei den größten Demos am 12. September 2026
Angaben der Polizei, in Berlin zusätzlich die der Veranstalter
Aufgerufen hatte ein überparteiliches Bündnis aus mehr als 100 Organisationen und Gewerkschaften; vor Ort organisierten lokale Gruppen. Bereits am Montag nach der Wahl demonstrierten rund 10.000 Menschen am Brandenburger Tor, am Dienstag ähnlich viele in Köln. Zum Vergleich nannte das Institut für Protest- und Bewegungsforschung für die Protestwelle nach den Correctiv-Enthüllungen 2024 mehr als 3,6 Millionen Teilnehmende.
Die zentrale Forderung: Verbotsverfahren prüfen
Zentrale Forderung vieler Demonstrationen war die Prüfung eines AfD-Verbotsverfahrens. Dahinter steht die bundesweite Initiative „Prüf“ – „Prüfung rettet übrigens Freiheit“ –, die seit Monaten jeden zweiten Samstag im Monat um 14 Uhr zu Demos aufruft. Überprüft werden sollen alle Parteien, die der Verfassungsschutz als rechtsextremen Verdachtsfall oder als gesichert rechtsextrem einstuft.
Die Kampagne setzt auf die Bundesländer und den Bundesrat. Rechtlich können einen Verbotsantrag nur Bundestag, Bundesrat oder Bundesregierung stellen; über ein Verbot entscheidet das Bundesverfassungsgericht. Die AfD wird bundesweit als Verdachtsfall beobachtet, mehrere Landesverbände – darunter Thüringen und Sachsen-Anhalt – gelten als gesichert rechtsextrem.
Der Oberbürgermeister fordert das Verbot
Krause betrat die Bühne unter lautem Applaus und rief in die Menge: „Wie lange wollen wir noch zuschauen“ – er fragte, wie lange man noch „falsche Toleranz“ übe gegen jene, „die unsere freiheitliche Demokratie hassen“ und von einem autoritären Staat träumen.
„Wie lange wollen wir noch zuschauen“
Krause warnte, die Brandmauer zur AfD dürfe keinesfalls fallen: Der Versuch, Faschisten die Hand zu reichen, sei schon einmal schiefgegangen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) habe es versäumt, Menschen mit Migrationsgeschichte, Queeren, Jüdinnen und Juden, Muslimen und Behinderten ein Schutzversprechen des Staates zu geben – für München gab Krause es selbst ab und zitierte Margot Friedländer: „So hat es damals auch angefangen.“
Auch andere Redner drängten: Die Grünen-Landtagsabgeordnete Gülseren Demirel fragte, was die AfD noch sagen müsse, bis die Union ein Verbotsverfahren befürworte. Der SPD-Abgeordnete Florian von Brunn nannte den Plan von Merz, die AfD „wegzuregieren“, gescheitert. Kabarettist Christian Springer rief: „Wer braucht die AfD? Keine alte Sau.“ Die Versammlung endete mit einer Huldigung der vier Bundesländer, die sich bereits für ein Verfahren ausgesprochen haben: Bremen, Schleswig-Holstein, Berlin und Hamburg.
Wüst will prüfen lassen, Merz bleibt skeptisch
Die Debatte über den Umgang mit der AfD war schon vor dem Demo-Samstag in Bewegung. NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) regte nach dem Wahlerfolg eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe an, die ergebnisoffen prüfen soll, wie der Staat verfassungsrechtlich mit der AfD umgehen kann – mit Verfassungsschutzbehörden, Verfassungsrechtlern und Fachleuten von Bund und Ländern.
„Diese Prüfung muss ergebnisoffen sein und alle möglichen rechtlichen Folgen berücksichtigen – nicht nur ein Verbotsverfahren“, sagte Wüst. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) nannte die Remigrationsvorstellungen der AfD in der Generaldebatte des Bundestags „nichts anderes als eine ethnische Säuberung nach Herkunft und Hautfarbe“, blieb beim Verbotsverfahren aber skeptisch.
„Ich bin und bleibe skeptisch, ob ein solches Verbotsverfahren erfolgreich sein kann“, sagte Merz – die rechtlichen Hürden seien sehr hoch, vorrangig müsse die politische Auseinandersetzung sein. Die Auschwitz-Überlebende Eva Umlauf forderte Wüst in einem offenen Brief auf, ein Verfahren anzustoßen: „Stoßen Sie ein AfD-Verbotsverfahren an. Jetzt, bevor es zu spät ist.“
Umlauf erinnerte an Wüsts Besuch in Auschwitz im Mai und bat, das Thema auf die Tagesordnung der Ministerpräsidentenkonferenz im Oktober zu setzen. Sie verwies auf bildungspolitische Vorhaben der AfD in Sachsen-Anhalt: gesonderter Unterricht für Flüchtlingskinder, Herausnahme von Kindern mit Behinderungen aus Regelklassen.
Bischöfin Fehrs in Hamburg, Neubauer in Berlin
In Hamburg traten die EKD-Ratsvorsitzende Bischöfin Kirsten Fehrs, Hamburgs DGB-Chefin Tanja Chawla und die stellvertretende Schura-Vorsitzende Özlem Nas auf; der Sänger Axel Bosse spielte mit dem Hamburger Kneipenchor am Jungfernstieg. Fehrs sagte, es entsetze sie zutiefst, „dass tatsächlich so etwas wieder möglich ist“ – und forderte „ein klares Ja zu Demokratie und Grundgesetz“.
In Berlin stand die Sterndemo unter dem Motto „Zeit, dass sich was dreht“; getragen wurde sie von einem Bündnis aus fast 100 Organisationen, darunter Fridays for Future, „Omas gegen Rechts“, Verdi, DGB und ADFC. Auf Plakaten stand „Demokratie schützen – AfD verbieten“. Bei der Abschlusskundgebung am Roten Rathaus sprach Luisa Neubauer, die davor warnte, dass Demokraten verzagt und visionslos werden könnten.
„Wir reißen unsere Arme und Herzen auf. Wir lieben die Leute, das Land und die Zukunft so sehr, dass wir dafür einstehen, für ein demokratisches Miteinander und gegen den Faschismus.“
In Leipzig begann die Kundgebung auf dem Marktplatz um 12 Uhr unter dem Motto „Zeit zu handeln: Stoppt die AfD!“. Der frühere Thomaskirche-Pfarrer Christian Wolff sagte, der AfD-Wahlsieg nehme „alle Demokraten in die Pflicht“. Zwischenfälle gab es nicht.
Nach Polizeiangaben verliefen die Demonstrationen friedlich und ohne besondere Vorkommnisse. Für Sonntag waren weitere Proteste in Berlin, Dresden und anderen Städten angekündigt; in Leipzig folgt in zwei Wochen ein Aktionstag für den Sozialstaat. Ob die Union ihren Kurs ändert, könnte sich im Oktober zeigen – Eva Umlauf will das Verbotsverfahren auf die Tagesordnung der Ministerpräsidentenkonferenz setzen lassen.
