Eine russische Drohne hat am Sonntagmorgen die Lokomotive des Passagierzugs von Kiew nach Warschau getroffen. An Bord waren 206 Fahrgäste, verletzt wurde niemand.
Wie die Kyiv Independent über den Drohnentreffer auf den Zug nach Warschau berichtet, geschah der Einschlag in der Region Wolyn, rund zwei Kilometer vom polnischen Grenzübergang Jahodyn – Dorohusk entfernt. Eine Monitoring-Gruppe der ukrainischen Staatsbahn hatte das Zugpersonal vorab gewarnt.
Die Nähe zum Nato-Gebiet löste in Warschau Alarm aus: Polen ließ F-16-Kampfjets aufsteigen, warnte die Einwohner zweier grenznaher Woiwodschaften und berief für den Nachmittag eine Krisensitzung ein.
Lokomotive getroffen, Tankstelle in Flammen
Der Zug war bereits auf ukrainischem Gebiet unterwegs, bevor er an den polnischen Betreiber PKP Intercity übergeben wurde. Nach Unternehmensangaben waren keine polnischen Staatsbürger an Bord. Den Grenzübergang Dorohusk erreichte der Zug mit rund 370 Minuten Verspätung – mehr als sechs Stunden – und setzte danach seine Fahrt nach Warschau fort.
Aufgrund der Vorwarnung wurde die Lokomotive abgekoppelt und der Zug evakuiert. Der stellvertretende Leiter des Personenverkehrs der Staatsbahn, Oleksandr Schewtschenko, bestätigte den Treffer dem ukrainischen Sender Suspilne.
Bei derselben Angriffswelle wurde nahe dem Grenzübergang eine Tankstelle getroffen. Nach Angaben der Sprecherin des Wolyner Zolls, Valentyna Chernysh, entzündete herabstürzende Munition das Gebäude; mehrere abgestellte Lastwagen gerieten in Brand. Bei dem Angriff auf Lastwagen nahe der polnischen Grenze erlitten zwei Fahrer leichte Verletzungen.
Der Grenzübergang selbst wurde nicht direkt getroffen, die Abfertigung während des Luftalarms aber vorübergehend unterbrochen und später wieder aufgenommen. Der Sprecher des ukrainischen Grenzschutzes, Andriy Demchenko, bestätigte, dass die Grenzabfertigungsinfrastruktur unbeschädigt blieb. Außenminister Andrij Sybiha korrigierte frühere Angaben: Der Einschlag liege rund 800 Meter von der Grenze entfernt.
Die ukrainische Staatsbahn wirft Russland „systematische Angriffe auf die Eisenbahn in der gesamten Ukraine“ vor. Bis Anfang September sei das Netz in diesem Jahr mehr als 1500 Mal angegriffen worden, 249 Waggons und 492 Lokomotiven seien beschädigt worden. Seit Beginn der Invasion seien 58 Bahnmitarbeiter getötet und mindestens 318 verletzt worden.
Der Morgen an der Grenze
- 12. September 2026Angriffe auf Bahninfrastruktur in Fastiw und Luzk
Ukrsalisnyzja evakuiert Fahrgäste und Personal. In der Region Wolyn werden bei einem mehr als vierstündigen Angriff mindestens fünf Menschen verletzt.
- 13. September, NachtMassive Angriffswelle mit 453 Drohnen
Die ukrainische Luftwaffe fängt 405 Drohnen und sechs S8000-Banderol-Raketen ab, Treffer an 13 Orten.
- 13. September, früher MorgenDrohne trifft die Lokomotive des Zuges Kiew – Warschau
Eine Bahn-Monitoringgruppe warnt das Personal, die Lokomotive wird abgekoppelt, der Zug evakuiert.
- 13. September, MorgenTankstelle bei Jahodyn brennt
Mehrere Lastwagen geraten in Brand, zwei Fahrer werden leicht verletzt, der Grenzübergang wird zeitweise geschlossen.
- 13. September, VormittagPolen lässt Kampfjets aufsteigen
F-16, Hubschrauber und ein SAAB-Aufklärungsflugzeug sind im Einsatz. Keine Drohne dringt in den polnischen Luftraum ein.
- 13. September, NachmittagTusk beruft eine Krisensitzung ein
Außenminister Sikorski schreibt auf X: „Putin eskaliert.“
Polen schickt Kampfjets und ruft den Krisenstab zusammen
Nach Angaben des polnischen Verteidigungsministers Władysław Kosiniak-Kamysz registrierten die Systeme des Landes am Morgen einen Angriff von zwölf Geran-5-Drohnen in der Westukraine. Eine Drohne schlug nur einen Kilometer von der polnischen Grenze entfernt ein, eine weitere in fünf Kilometern Entfernung.
Polen ließ F-16-Kampfjets, Hubschrauber und ein SAAB-Aufklärungsflugzeug aufsteigen. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums drang keine der Drohnen in den polnischen Luftraum ein. Das Regierungszentrum für Sicherheit verschickte in der Nacht Warnungen an die Einwohner zweier grenznaher Woiwodschaften, in einigen Grenzorten heulten Sirenen.
Regierungschef Donald Tusk berief für den Nachmittag eine Krisensitzung der zuständigen Ressortchefs und der uniformierten Dienste ein. Außenminister Radosław Sikorski schrieb auf X: „Putin eskaliert.“ Innenminister Marcin Kierwiński nannte die Vorfälle zwei russische Terrorangriffe nahe der Grenze und erklärte, Russland sei der Feind der freien Welt.
„Wir nehmen diese Ereignisse äußerst ernst. Die Lage wird fortlaufend überwacht.“
Die Sprecherin des polnischen Innenministeriums, Karolina Gałecka, teilte mit, auf polnischer Seite seien keine Verletzten gemeldet worden; der Grenzverkehr laufe normal. Vize-Verteidigungsminister Cezary Tomczyk sagte, jede in der Ukraine zerstörte Rakete und jede abgeschossene Drohne sei eine Bedrohung, die nicht weiterfliege.
453 Drohnen in einer einzigen Nacht
Der Angriff war Teil einer massiven Welle. Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe setzte Moskau in der Nacht 453 Drohnen verschiedener Typen ein – darunter Shahed- und Gerbera-Drohnen, teils mit Düsenantrieb, sowie Parodiya-Täuschdrohnen – und mehrere S8000-Banderol-Marschflugkörper. Seit Monaten treffen russische Raketen- und Drohnenangriffe auf die Ukraine auch das Bahnnetz.
405 Drohnen und sechs Banderol-Raketen wurden abgefangen. Treffer wurden an 13 Orten registriert, Trümmer an sieben weiteren Stellen. Besonders heftig traf es den Westen der Ukraine; in der Region Wolyn wurden nach Angaben von Gouverneur Roman Romaniuk mindestens fünf Menschen verletzt.
Russische Angriffswelle in der Nacht zum 13. September 2026
Gestartete und abgefangene Drohnen sowie Orte mit Treffern
Der estnische Außenminister Margus Tsahkna berichtete, Mitarbeiter seines Ministeriums hätten wegen der Drohnengefahr zeitweise am selben Grenzübergang festgesessen und die Ukraine nicht verlassen können. Russlands Angriffe würden intensiver und rückten der Nato und der EU immer näher, die Reaktion müsse sich ebenfalls verstärken, warnte er.
In Litauen führte eine vermeintliche Drohnensichtung am Sonntag zur Schließung des Flughafens Vilnius und zum Aufstieg mindestens eines Nato-Kampfjets. Der Alarm wurde später aufgehoben, nachdem der Jet die Sichtung als Vögel identifiziert hatte.
Kiew nennt den Angriff gezielt, Moskau schweigt zum Zug
Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, Moskau habe den Zug absichtlich angegriffen; die russischen Streitkräfte hätten die Lokomotive gezielt attackiert und zudem eine Tankstelle beschädigt. Eine unabhängige Überprüfung der behaupteten Absicht ist bislang nicht möglich.
Außenminister Sybiha verurteilte die Angriffe als barbarisch und sagte, Putins Terror klopfe damit unmittelbar an die Türen der EU und der Nato: „Die russischen Barbaren stehen an eurem Tor, liebe Partner.“ Er forderte ein vollständiges Handelsembargo, weitreichende Einreiseverbote und Sanktionen gegen den militärisch-industriellen Komplex Russlands sowie zusätzliche Luft- und Raketenabwehrsysteme.
Das russische Verteidigungsministerium bestätigte am Morgen Angriffe auf Objekte der Eisenbahninfrastruktur in der Westukraine, die den Transport von Militärgütern aus europäischen Ländern gewährleisten sollen. Den Passagierzug erwähnte die Mitteilung nicht; Belege für eine militärische Nutzung der getroffenen Lokomotive oder der Tankstelle legte Moskau nicht vor.
Sonderzug mit Boris Johnson musste stoppen
Fast zeitgleich geriet ein weiterer Zug auf derselben Strecke in den Drohnenalarm. Nach Informationen des „Spiegel“ musste ein privat gecharterter Sonderzug unweit der Grenze stoppen, ein Teil der Fahrgäste wurde vorübergehend aus dem Zug gebracht.
An Bord waren demnach Günter Sautter, der außen- und sicherheitspolitische Berater von Bundeskanzler Friedrich Merz, sowie der frühere britische Premierminister Boris Johnson, die zuvor an Beratungen in Kiew teilgenommen hatten. Kurz nach der Aufforderung zur Evakuierung gab es Entwarnung.
Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Robin Wagener, der nach eigenen Angaben ebenfalls mit dem gecharterten Zug reiste, teilte ein Video von dem Angriff auf den Zug Kiew – Warschau. Der frühere schwedische Ministerpräsident Carl Bildt schrieb, sein Zug sei nicht der getroffene gewesen, sondern der Zug „nur Minuten nach uns“; dieser sei evakuiert worden.
„Heute Morgen bin ich mit dem Zug auf der gleichen Strecke gefahren, auf der dieser Angriff war. Manchmal entscheidet der Zufall, ob man sicher durchkommt.“
Über die Grenzübergänge nach Polen gelangt ein Großteil der westlichen Militär- und Humanitätshilfe in die Ukraine, westliche Politiker reisen wegen der gesperrten Lufträume mit der Bahn von Polen aus an. Offen ist, ob Warschau nach der Krisensitzung des Nachmittags Konsequenzen für den Grenzschutz zieht – und ob Moskau die Angriffe auf die Grenzregion wiederholt.
