Ibrahim Naber (34) berichtet seit Beginn des russischen Angriffskriegs 2022 von den Frontlinien in der Ukraine. Am 9. September hat der WELT-Chefreporter dafür den Deutschen Fernsehpreis erhalten – auf der Bühne in Köln sprach er nicht über sich, sondern über die, die dort noch ausharren.
Ausgezeichnet wurde Naber in der Kategorie „Beste Moderation/Einzelleistung Information“. Er setzte sich gegen Louis Klamroth (ARD/WDR) und die ZDF-Rechtsexpertin Sarah Tacke durch. Laut dem WELT-Bericht zur Auszeichnung Nabers würdigte die Jury seine kontinuierliche Berichterstattung aus dem Kriegsgebiet.
Ein Preis für Berichte unter Lebensgefahr
Nominiert worden war Naber mit der Begründung, seine Berichte verbanden „Mut und Unmittelbarkeit mit präziser Einordnung“ und machten die grausame Realität des Krieges erfahrbar. Die drei Nominierungen wurden per Einspieler vorgestellt, jede mit eigener Laudatio: Jörg Schönenborn sprach für Klamroth, Claus Kleber für Tacke – und Markus Lanz (57) für Naber.
„Du hast mir erzählt, wie sich der Krieg verändert hat, wie sich der gesamte Charakter von Krieg verändert hat, was das mit uns als Gesellschaft macht. Du wärst dabei fast gestorben, du hast den Tod unmittelbar erlebt. […] Die Antwort ist einfach: Weil im Krieg die Wahrheit als Erstes stirbt. Und es braucht Leute wie dich, die unkorrumpierbar, ohne große Show, ohne Theater erzählen, was ist. Auf beiden Seiten. Die unvoreingenommen berichten.“
Lanz, der am selben Abend selbst den Preis für „Beste Information“ entgegennahm, beschrieb in seiner Laudatio, was der letzte Einschlag in Naber verändert habe: Er habe die Angst in dessen Augen gesehen. Damit begründete der Laudator, warum der Reporter trotzdem an der Front bleibt.
WELT-Chefredakteur Helge Fuhst ordnet die Auszeichnung als Gegenposition zur Desinformation ein: „Wenn Desinformation und Verzerrung gezielt als Waffen eingesetzt werden, ist verifizierte Berichterstattung von der Front das korrektive Moment, für das es den Journalismus gibt.“ Naber und sein Team riskierten „ihr Leben für Informationen und Klarheit“, sagte Fuhst.
Die Dankesrede und ihre Botschaft
Nabers Dankesrede auf der Bühne des Confex-Centers geriet erneut politisch. Der Liveticker des Branchendienstes DWDL zur Verleihung dokumentiert, an wen der Reporter in diesem Moment dachte.
„Ich denke an alle ukrainischen Soldaten, die heute in Erdlöchern ausharren und dort auch unsere Freiheit verteidigen.“
Der zweite Teil seiner Rede sorgte für Aufmerksamkeit: „Ich freue mich unglaublich über diesen Preis, aber ich freue mich noch mehr, dass unter uns hier ein junger Ukrainer sitzt.“ Gemeint war Viktor, der Naber auf seinen Einsätzen begleitet hatte. Zum Schluss sagte Naber, in der Ukraine habe er gelernt, die Feste zu feiern, wie sie fallen – „deswegen lasst uns heute feiern“.
In der WELT-Mitteilung bedankte sich Naber bei der Redaktion und seinen ukrainischen Teamkollegen Ivan und Viktor, die „bei unzähligen Fronttrips so viel für unsere Reportagen riskiert“ hätten. Den Preis verstehe er „als Auftrag, mit unserer Berichterstattung weiterzumachen“.
Verwundet bei einem Drohnenangriff
Wie gefährlich diese Arbeit ist, zeigt die Vorgeschichte. Nach Angaben von WELT wurden Naber, sein Produzent und sein Kameramann im Herbst 2025 bei Recherchen durch einen russischen Drohnenangriff verwundet. Nabers Biografie präzisiert den Vorfall: Der Angriff ereignete sich im Oktober 2025 in der Region Dnipro, ein Soldat wurde getötet, ein Producer schwer verletzt, Naber selbst leicht.
Die Folgen begleiten ihn bis heute. BZ-Berlin berichtet, Naber leide nach den Einsätzen unter Geräuschtraumen. „Das Zuschlagen einer schweren Mülltonne, das wie ein Artilleriedonnern klingt. Noch stressiger mittlerweile: alles, was wie das Surren von Drohnen klingt“, beschreibt er selbst. Ärzte, die ukrainische Frontsoldaten behandeln, nennen das Phänomen „droneophobia“.
Vom Volontariat zur Auszeichnung
- November 1991Geburt in Tübingen
Ibrahim Naber wird als Sohn eines Jordaniers und einer Deutschen geboren.
- 2015Ausbildung bei Axel Springer
Naber beginnt eine Redakteursausbildung an der Axel-Springer-Akademie in Berlin und arbeitet danach im Investigativteam der WELT.
- 2022Chefreporter der WELT-Gruppe
Mit Beginn des russischen Angriffskriegs berichtet Naber regelmäßig aus der Ukraine.
- 2024TV-Dokumentation über Bachmut
„Leben und Sterben für die Ukraine – Bachmut“ erscheint.
- Oktober 2025Verwundet bei Drohnenangriff
In der Region Dnipro wird Naber leicht verletzt, ein Soldat stirbt, ein Producer wird schwer verletzt.
- 26. August 2026Nominierung
Der Deutsche Fernsehpreis gibt die Nominierungen bekannt, Naber ist in der Kategorie „Beste Moderation/Einzelleistung Information“ nominiert.
- 9. September 2026Auszeichnung in Köln
Bei der TV-Gala im Confex-Center gewinnt Naber den Deutschen Fernsehpreis, Markus Lanz hält die Laudatio.
Orden abgelehnt, Preis angenommen
Aufmerksamkeit erregte auch Nabers Haltung zu Ehrungen aus dem Kriegsgebiet: Einen staatlichen Orden der Ukraine hatte er „kürzlich“ abgelehnt. „Ich fühle mich durch die Auszeichnung geehrt. Ich nehme jedoch während meiner aktiven Zeit als Reporter grundsätzlich keine Auszeichnungen von Institutionen oder Staaten entgegennehmen, über die ich berichte“, sagte er auf DWDL-Anfrage.
Dem Krieg stellt Naber bewusst anderes gegenüber: „Es gibt eine Ukraine abseits des Kriegs, und dieses Land ist wunderschön“, sagte er der BZ-Berlin in einem Interview über seine Rückkehr nach Berlin. Der 1991 in Tübingen geborene Sohn eines Jordaniers und einer Deutschen machte 2021 ein Arthur F. Burns Fellowship in den USA und ist seit 2022 Chefreporter der WELT-Gruppe.
29 Preise und viele politische Reden
Die 27. Verleihung des Deutschen Fernsehpreises fand erstmals im Confex-Center in Köln statt. Durch die Gala führte zum neunten Mal Barbara Schöneberger, federführender Sender war RTL, den Jury-Vorsitz hatte erstmals Stephan Lamby. Beobachtungszeitraum war der 1. Juli 2025 bis 30. Juni 2026, vergeben wurden 29 Preise.
Den Ehrenpreis der Stifter erhielt Peter Kloeppel, die Laudatio hielt NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst. Markus Lanz wurde für „Beste Information“ ausgezeichnet, die ARD-Serie „Hundertdreizehn“ als beste Drama-Serie, „Chabos“ als beste Comedy-Serie samt Förderpreis. Auch Tom Schilling, Karin Hanczewski, Stefan Raab und Laura Wontorra gewannen.
Preise nach Sender beim Deutschen Fernsehpreis 2026
Insgesamt wurden 29 Preise vergeben
Nach Sendern entfielen auf die ARD neun Preise, das ZDF acht, RTL vier, ProSiebenSat.1 und Netflix je zwei; Prime Video ging erstmals seit fünf Jahren leer aus. Politisch wurde es an diesem Abend mehrfach, Lanz' Rede beim Deutschen Fernsehpreis eingeschlossen. Für Naber bleibt der Preis ein Auftrag: Er wolle mit der Berichterstattung weitermachen, sagte er – wann er dafür wieder an die Front reist, hat er bislang nicht gesagt.
