Der Sprit ist so teuer wie nie zuvor. Am Sonntag kostete ein Liter Super E10 im bundesweiten Tagesdurchschnitt 2,273 Euro – 1,7 Cent mehr als am Freitag und mehr als beim bisherigen Höchststand vom März 2022. Diesel legte um 3,5 Cent auf 2,404 Euro zu und liegt nur noch 4,3 Cent unter seinem Rekordwert vom April 2026.
Zu Wochenbeginn traf es die Autofahrer noch härter: Am Montag lag der Liter E10 laut der Analyse der Tagesschau zu Öl- und Spritpreisen im Schnitt bei 2,25 Euro, elf Cent mehr als Ende August. Diesel kostete 2,38 Euro, 20 Cent mehr als zwei Wochen zuvor. Vom 1. bis 11. September kletterte der Dieselpreis nach Zahlen des Bundeskartellamts um 13,6 Cent, Benzin um 7,1 Cent.
Am härtesten schlug der tägliche Preissprung um 12 Uhr durch: Am Montag schossen die Durchschnittspreise laut dem Vergleichsportal Tankerkönig um rund 20 Cent nach oben – E10 von 2,23 auf 2,43 Euro, E5 von 2,29 auf 2,48 Euro, Diesel von 2,35 auf 2,56 Euro. An der A7-Raststätte Harburger Berge kostete Diesel danach 2,87 Euro, Super E10 2,79 Euro; schon am Wochenende hatte es zu dieser Uhrzeit Ausschläge von mehr als 20 Cent gegeben.
Spritpreise im September 2026 in Euro je Liter
Tagesdurchschnitt laut ADAC sowie Durchschnittswerte vor und nach dem 12-Uhr-Sprung laut Tankerkönig
Zwei blockierte Ölrouten, ein neuer Rekord
Hinter dem Preisschub steht der eskalierende Nahost-Konflikt um blockierte Ölrouten. Die Straße von Hormus, über die vor Beginn des Iran-Krieges im Frühjahr rund 20 Prozent des weltweiten Ölhandels liefen, ist seit Monaten faktisch blockiert. Am Freitag teilte die vom Iran unterstützte Huthi-Miliz mit, die Kontrolle über die Meerenge Bab al-Mandab übernommen zu haben; nach Angaben aus Huthi-Kreisen und der jemenitischen Regierung nahm sie auch die Insel Majun ein.
Zusätzlich legte Saudi-Arabien am Wochenende nach Drohnenangriffen die 1200 Kilometer lange Ost-West-Pipeline still, über die vier bis fünf Prozent des weltweiten Ölangebots vom Persischen Golf zum Roten Meer transportiert werden können. US-Präsident Donald Trump sagte, nach seiner Einschätzung sei wahrscheinlich Iran für den Angriff verantwortlich. Tanker müssten nun riesige Umwege über die Südspitze Afrikas nehmen.
Der Preis für ein Fass der Nordseesorte Brent war schon in der Nacht zum Freitag in Richtung 110 Dollar gestiegen; am Montagmorgen kostete er 108,30 Dollar, 3,6 Prozent mehr als am Schluss des vorherigen Handelstags, die US-Sorte WTI notierte bei fast 103 Dollar. Ein für Montag geplantes Außenministertreffen der Golfstaaten im Oman zur Straße von Hormus fand nicht statt; Irans Außenamtssprecher Ismail Baghai sagte, Saudi-Arabien habe darum gebeten.
Von der Blockade zum Rekordpreis
- Februar 2026Beginn des Iran-Krieges
Seit dem Krieg sind Öl- und Gasmengen auf dem Weltmarkt deutlich verknappt, die Straße von Hormus ist faktisch blockiert.
- 1. April 2026Preiserhöhung nur noch einmal am Tag
Tankstellen dürfen ihre Preise nur noch einmal täglich um 12 Uhr anheben – nach österreichischem Vorbild.
- Juni/Juli 2026Tankrabatt des Bundes
Für zwei Monate sinken die Energiesteuersätze um rund 17 Cent, der Fiskus verzichtet auf rund 1,6 Milliarden Euro.
- 9. September 2026E10 bei 2,259 Euro
Im Wochendurchschnitt kostet E10 7,6 Cent mehr als in der Vorwoche, Diesel 8,9 Cent mehr; Brent nähert sich 100 Dollar.
- 11. September 2026Huthis kontrollieren Bab al-Mandab
In der Nacht zum Freitag steigt Brent in Richtung 110 Dollar.
- 13. September 2026Neues Allzeithoch
Super E10 kostet 2,273 Euro, Diesel 2,404 Euro je Liter.
- 14. September 2026Preissprung um 12 Uhr
E10 liegt im Schnitt bei 2,25 Euro, um 12 Uhr geht es rund 20 Cent nach oben. Das Treffen der Golfstaaten im Oman wird abgesagt.
Drei Euro pro Liter – Streit um die Preisbildung
Der Tankstellen-Interessenverband rechnet mit weiter steigenden Preisen. „Wir werden uns damit auseinandersetzen müssen, dass wir Spritpreise um drei Euro bekommen“, sagte TIV-Sprecher Herbert Rabl der Rheinischen Post. „Und wir haben sie an den Autobahnen ja schon.“ Rabl wirft den Konzernen vor, in Europa abzukassieren, während sie in den USA die Preise niedrig hielten.
Der ADAC sieht dagegen eine „Entkopplung zwischen dem Ölpreis und den Spritpreisen“. Rohöl habe Ende April in etwa so viel gekostet wie jetzt, Super E10 damals aber nur rund 2,10 Euro je Liter, sagte ADAC-Sprecherin Katharina Lucà dem MDR; der Verkehrsclub fordert mehr Transparenz bei der Preisbildung und eine kartellrechtliche Prüfung. Beim Diesel im Tagesdurchschnitt hält der ADAC drei Euro derzeit nicht für wahrscheinlich. Dass Sprit nicht automatisch billiger wird, erklärt Exxon-Chef Darren Woods zu dauerhaft hohen Spritpreisen.
Der Energieexperte Manuel Frondel vom RWI-Leibniz-Institut nennt den Rohölpreis den zentralen Preistreiber – und warnt die Politik davor, mit einem Preisdeckel gegenzusteuern.
„Die Politik sollte nicht versuchen, die Preisanstiege an der Zapfsäule mit einem Preisdeckel zu begrenzen. Das ist nur scheinbar eine Hilfe für die Autofahrer.“
Frondel verweist auf Ungarn: Dort habe ein Preisdeckel 2022 zu Spritknappheit, langen Schlangen, Rationierung und Insolvenzen von Tankstellen geführt. Preise von 2,50 Euro und mehr hält er nicht für ausgeschlossen; Entspannung erwartet er erst, wenn der Iran-Krieg endet.
Woidke und Schwesig fordern einen Deckel
Die Rekordpreise haben die Debatte um staatliche Eingriffe neu entfacht. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke verlangt einen Spritpreisdeckel und verweist auf Luxemburg, Polen, Belgien und Tschechien, wo Höchstpreise regelmäßig flexibel an die Marktlage angepasst werden.
„Es kann nicht sein, dass die Mineralölkonzerne Extraprofite einstreichen, während Millionen Pendlerinnen und Pendler an den viel zu hohen Spritpreisen verzweifeln.“
Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig sagte der Rheinischen Post: „Es geht so nicht mehr weiter mit den Spritpreisen. Das Beste wäre die Einführung eines Spritpreisdeckels nach Luxemburger Vorbild.“ Auch die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger zählt zu den Befürwortern eines Deckels und einer Übergewinnsteuer.
CSU-Chef Markus Söder forderte nach der CSU-Vorstandsklausur in München neue Entlastungen: „Wir müssen uns überlegen, wie es uns gelingt, Geld zurückzugeben, Preise zu dämpfen, damit das Alltagsleben der Deutschen noch vertretbar und noch erträglich ist.“ Gegen die Prüfung einer Übergewinnsteuer habe er nichts.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche lehnt einen Spritpreisdeckel, eine Absenkung der Stromsteuer und eine Neuauflage des ausgelaufenen Tankrabatts von 17 Cent pro Liter ab: „Gemeinsam haben wir entschieden in der Koalition, dass dafür momentan die finanziellen Spielräume nicht da sind.“ Stattdessen will sie Geringverdiener mit Direktzahlungen entlasten.
Die Energieökonomin Claudia Kemfert vom DIW Berlin plädiert für gezielte Entlastungen über ein Mobilitätsgeld oder ein Klimageld; der CDU-nahe Wirtschaftsrat hält neue Tankrabatte und staatliche Preisdeckel für keine Lösung. Eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums betonte, die Versorgungssicherheit in Deutschland sei nicht gefährdet.
Heizöl und Gas ziehen mit
Auch andere Energieträger werden teurer: Heizöl kostete am Montagvormittag 1,66 Euro je Liter, mehr als 30 Cent mehr als Ende August. In Nordrhein-Westfalen lag der Preis für 3000 Liter bei 166,69 Euro je 100 Liter – ein Jahreshoch, aber weit unter dem Bundesrekord von 193,14 Euro vom 9. März 2022, wie Georg Eble vom Energie-Informationsdienst EID sagt.
Der Preis für europäisches Erdgas kletterte wegen Angebotssorgen durch Lieferausfälle aus den Fördergebieten am Persischen Golf deutlich; der richtungsweisende Terminkontrakt TTF zur Lieferung in einem Monat erreichte den höchsten Stand seit Ende 2022. EZB-Direktorin Isabel Schnabel nannte die Preisanstiege im Energiebereich „ziemlich besorgniserregend“ und ließ den weiteren geldpolitischen Kurs offen.
Die hohen Spritpreise treiben offenbar den Umstieg aufs Elektroauto: Im August war bereits jeder dritte Neuwagen in Deutschland ein E-Auto. Laut einer aktuellen Umfrage planen zudem 27 Prozent der Verbrennerfahrer den Wechsel zu einem Batteriefahrzeug.
Was Autofahrer jetzt tun können
Den Autofahrern bleibt vorerst nur, Preisschwankungen auszunutzen. Spritpreise dürfen nur einmal am Tag um 12 Uhr erhöht werden; oft sind die Notierungen am späten Vormittag kurz vor den neuen Preisen am günstigsten. Der ADAC rät, Tankstellen an Autobahnen zu meiden – sie sind im Schnitt etwa 33 Cent pro Liter teurer.
Auch regional unterscheiden sich die Preise stark: Derzeit ist Sprit in Süddeutschland und besonders in Bayern günstiger, im Norden und in Ostdeutschland teurer. Ob und wann der Bund eingreift, ist offen. Wie weit die Preise noch steigen, hängt damit zuerst an einer Frage: Wann endet der Krieg am Persischen Golf?
