Zwei maskierte Männer sind am Sonntagabend in einen Kulturverein an der Ecke Friedensallee/Bergiusstraße in Hamburg-Ottensen eingedrungen und haben dort gegen 22.24 Uhr mehrere Schüsse auf einen 14-Jährigen abgegeben. Die beiden Männer flüchteten unerkannt in unbekannte Richtung; eine Beschreibung der mutmaßlichen Täter gibt es bislang nicht.
Der 14-Jährige wurde am Oberschenkel getroffen. Ein Notarzt versorgte ihn zunächst an der Einsatzstelle, ein Rettungswagen brachte ihn anschließend zur weiteren Behandlung in ein Krankenhaus.
Kurze Zeit später trafen Polizeikräfte bei der Fahndung in der Friedensallee auf einen zweiten Verletzten: Dem 20-Jährigen steckte nach NDR-Informationen noch ein Messer im Gesäß, er wies mehrere Stichverletzungen auf. Auch ihn brachte ein Rettungswagen in eine Klinik. Nach Angaben der Polizei Hamburg schwebte keiner der beiden in Lebensgefahr.
Nach bisherigen Erkenntnissen hielt sich auch der 20-Jährige zur Tatzeit in den Räumen des Kulturvereins in der Bergiusstraße auf. Wie die beiden Verletzten zueinander stehen und ob die Stiche vom selben Täterkreis stammen wie die Schüsse, hat die Polizei bislang nicht öffentlich erklärt.
Die Nacht von Ottensen
- 13. September 2026, 22.24 UhrSchüsse in den Vereinsräumen
Zwei maskierte Männer erscheinen in den Räumen des Kulturvereins an der Ecke Friedensallee/Bergiusstraße und geben mehrere Schüsse auf einen 14-Jährigen ab.
- 13. September 2026, gegen 22.30 UhrAnwohner alarmieren die Einsatzkräfte
Nach Schussgeräuschen werden Feuerwehr und Polizei alarmiert. Die Polizei rückt mit einem Großaufgebot an, mehr als ein Dutzend Streifenwagen sind im Einsatz.
- 13. September 2026, in der NachtZweiter Verletzter in der Friedensallee
Der 14-Jährige kommt mit einem Rettungswagen ins Krankenhaus. Bei der Fahndung findet die Polizei einen 20-Jährigen mit mehreren Stichverletzungen, ein Messer steckt noch in seinem Gesäß.
- 13. September 2026, in der NachtGroßräumige Absperrung, erfolglose Fahndung
Straße, Gehweg und ein Hauseingang werden gesperrt. Die Fahndung mit mehreren Funkstreifenwagenbesatzungen führt nicht zur Feststellung tatverdächtiger Personen.
- 14. September 2026Zeugenaufruf der Polizei
Die Polizei Hamburg veröffentlicht einen Zeugenaufruf. Die weiteren Ermittlungen wegen gefährlicher Körperverletzung führt das Kriminalkommissariat der Region Altona (LKA 123).
Großaufgebot, doch die Täter entkommen
Feuerwehr und Polizei wurden am Sonntagabend gegen 22.30 Uhr alarmiert, nachdem Anwohnerinnen und Anwohner Schüsse gehört hatten. Die Polizei rückte mit einem Großaufgebot an: Nach NDR-Informationen waren mehr als ein Dutzend Streifenwagen im Einsatz.
Die Einsatzkräfte sperrten die Straße, den Gehweg und einen Hauseingang ab, der Bereich um die beiden Tatorte wurde großräumig abgeriegelt. Die umgehend eingeleiteten Fahndungsmaßnahmen mit mehreren Funkstreifenwagenbesatzungen führten nicht zur Feststellung tatverdächtiger Personen – von den maskierten Männern fehlt jede Spur.
Ermittlungen: Hinweise auf einen Streit
Die ersten Ermittlungen am Tatort übernahm der Kriminaldauerdienst des Landeskriminalamts (LKA 26). Inzwischen führt das Kriminalkommissariat der Region Altona (LKA 123) die weiteren Ermittlungen wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung, wie aus dem Zeugenaufruf der Polizei zum Angriff in Ottensen hervorgeht. Zeuginnen und Zeugen erreichen das Hinweistelefon der Polizei Hamburg unter (040) 4286-56789.
Der Polizei liegen Hinweise vor, dass vorangegangene Streitigkeiten ursächlich für die Vorfälle gewesen sein könnten. Nach Informationen von NDR Hamburg könnte es sich dabei auch um eine Auseinandersetzung im Drogenmilieu handeln; die Polizei selbst sprach zunächst nur von einem möglichen vorangegangenen Streit als Auslöser.
GdP fordert Präventionsprogramm vom Senat
Die Schüsse von Ottensen sind für die Gewerkschaft der Polizei (GdP) Hamburg der Anlass, vom Senat ein ressortübergreifendes Präventionsprogramm zu fordern. Es trägt den Titel „Schnelles Geld – echter Preis“ und soll jungen Menschen zeigen, wie kriminelle Banden neue Mitglieder anwerben – und was Gewalt wirklich bedeutet: Haft, Schulden, schwere Verletzungen, manchmal sogar Tod.
Ansetzen will die Gewerkschaft in Schulen, in der Jugendhilfe und in den sozialen Medien, dort, wo Jugendliche ihre Vorbilder finden. Entwickelt werden soll das Programm von Innen-, Schul- und Sozialbehörde gemeinsam mit Polizei, Justiz, Jugendhilfe und Ausstiegspartnern; die GdP verlangt einen Entwicklungsbeginn noch 2026 und ein Hamburger Pilotprojekt 2027. Hinter der Forderung steht Landeschef Lars Osburg:
„Wir wissen noch nicht, was hinter der Verletzung des 14-Jährigen steckt. Deshalb verbieten sich Spekulationen. Der Fall zeigt aber, wie nah Schusswaffengewalt jungen Menschen gekommen ist. Hamburg darf nicht warten, bis aus der Faszination für Waffen, Macht und schnelles Geld eine kriminelle Karriere wird. Wir brauchen das Präventionsprogramm „Schnelles Geld – echter Preis“ – in Schulen, in der Jugendhilfe und dort, wo Jugendliche ihre Vorbilder finden: in den sozialen Medien.“
Für Osburg folgt daraus ein Auftrag an den Senat: Wenn Waffen, Gewalt und schnelles Geld als Zeichen von Erfolg inszeniert werden, „dürfen wir das nicht achselzuckend hinnehmen“, sagt er. Eine Reaktion des Senats auf die Forderung ist bislang nicht bekannt; dargelegt ist sie in der GdP-Kampagne gegen kriminelle Karrieren.
Mindestens 29 Schusswaffentaten in vier Wochen
Nach einer Auswertung der GdP Hamburg von öffentlich zugänglichen Polizei- und Medienberichten wurden zwischen dem 18. August und dem 14. September 2026 bundesweit mindestens 29 mutmaßliche Straftaten mit tatsächlicher Schussabgabe bekannt. Mindestens fünf Menschen wurden getötet, 14 weitere durch Schüsse verletzt.
Die Gewerkschaft bezeichnet ihre Presseschau ausdrücklich nicht als polizeiliches Lagebild oder amtliche Kriminalstatistik. Ein einheitlicher Täterkreis lasse sich daraus nicht ableiten; die Hintergründe reichten von persönlichen Konflikten bis zu möglichen Bezügen zur organisierten Kriminalität.
Zehn Tage vor der Tat von Ottensen hatte es in St. Pauli eine Schießerei mit zwei Toten und einem Schwerverletzten gegeben.
Das Bundeskriminalamt registrierte 2025 bundesweit 37.475 Verstöße gegen das Waffengesetz. In 5.281 Fällen wurde mit einer Schusswaffe gedroht, in 4.360 Fällen geschossen.
Waffendelikte in Deutschland 2025
Vom Bundeskriminalamt erfasste Fälle
In Hamburg wurden 2025 insgesamt 262 Straftaten mit Schusswaffenverwendung erfasst – 12,1 Prozent weniger als im Vorjahr; in 150 Fällen wurde geschossen. Die Hamburger Statistik umfasst allerdings auch Schreckschuss-, Gas-, Luft- und Softairwaffen.
Parallel zum Fall Ottensen weist die GdP auf die Sicherstellung von 165 schussfähigen, gefälschten Glock-Pistolen in Köln und Wuppertal hin: sechs Tatverdächtige, vier Haftbefehle. Ein Zusammenhang mit den ausgewerteten Schusswaffentaten ist nicht bekannt. Offen ist, ob der Senat das geforderte Präventionsprogramm noch in diesem Jahr aufsetzt – und ob die Ermittler die Täter von Ottensen fassen.
