Schwarze Balken statt Antworten: Der „Mannheimer Morgen“ hat sein Sommerinterview mit dem AfD-Bundestagsabgeordneten Heinrich Koch großflächig geschwärzt veröffentlicht. In der Printausgabe vom 15. September 2026 stehen schwarze Flächen, in der App schwarze Balken dort, wo Kochs Aussagen standen.
Hinter dem Layout steckt ein Streit um die Autorisierung. Koch bekam den bearbeiteten Auszug vorab, wie es in Deutschland üblich ist. Nach Darstellung der Zeitung blieb es nicht bei Korrekturen: Von der AfD sei „eine auf etwa ein Drittel gekürzte Fassung“ zurückgekommen. Laut einem Bericht über Kochs Kürzungspläne wollte er zunächst sogar zwei Drittel des Gesprächs streichen.
Die Redaktion zog eine Grenze, zog das Interview aber nicht zurück. Chefredakteurin Miriam Scharlibbe zufolge wollte Koch „sogar die Fragen unseres Redakteurs“ verändern und bei Auswahl und Freigabe der Fotos mitbestimmen. Statt das Gespräch zu stoppen, machte der „Mannheimer Morgen“ die Eingriffe selbst sichtbar.
Zwei Stunden Gespräch, ein Drittel Text
Koch ist in Personalunion AfD-Fraktionsvorsitzender im Mannheimer Gemeinderat, Kreisvorsitzender der AfD Mannheim und seit der Bundestagswahl 2025 Mitglied des Bundestags. Das Sommerinterview gehört zum Standardprogramm der Regionalzeitung: Sie führt es mit jedem Fraktionsvorsitzenden im Gemeinderat.
Das Gespräch dauerte rund zwei Stunden und wurde mit Kochs Einverständnis auf Band aufgezeichnet; anschließend verdichtete die Redaktion es zu einem schriftlichen Interview. Die Fragen stellte MM-Redakteur Steffen Mack. Was danach zurückkam, war nach Darstellung der Zeitung keine Korrektur mehr, sondern eine Umschreibung.
Die Autorisierung ist in Deutschland verbreitet, aber umstritten: Sie soll Zitate auf sachliche Richtigkeit prüfen. In der Praxis wird sie immer wieder genutzt, um Antworten nachträglich zu entschärfen. Genau darin sieht Scharlibbe eine Grenze – und benennt sie öffentlich.
„Autorisierungen bei Wortlautinterviews sind in Deutschland so üblich wie anstrengend. Ganz sicher sind sie aber keine Einladung zum Eingriff in die journalistische Freiheit. Das ist eine absolute Grenzüberschreitung, die wir als Mannheimer Morgen nicht mitmachen.“
Die Chefredakteurin antwortet mit Ironie
Auf LinkedIn erklärte Scharlibbe die schwarzen Stellen mit Ironie: „Nein, da ist uns nicht die Druckerschwärze ausgelaufen. Und das ist auch kein Pixel-Fehler in der App. Nur der Versuch eines AfD-Politikers, die Pressefreiheit zu beschneiden.“
Scharlibbe, seit August 2025 bei der HAAS Mediengruppe, rechnete zugleich mit der Partei ab: „Kaum eine Partei schimpft so sehr über freie Medien und Journalismus, wie die AfD.“ Sie wirft der AfD vor, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abschaffen zu wollen, Journalisten von Veranstaltungen auszuschließen und Reporter zu beschimpfen.
Am selben Tag musste auch das ZDF einräumen, in einem Interview mit dem AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund Fehler gemacht zu haben, wie der Bericht über das logo!-Interview mit Siegmund zeigt.
Was lesbar blieb – und was verschwand
Lesen lassen sich die Passagen, in denen Koch die Höflichkeit im Gemeinderat lobt und von einer „fachlich einwandfreien Zusammenarbeit“ mit Claudius Kranz (CDU) und Holger Schmid (Mannheimer Liste/ML) spricht; er rede auch mal einen Kaffee mit anderen Fraktionsvorsitzenden trinken. Lob für die Zusammenarbeit mit CDU und ML ist das, was von dem Gespräch über die Rathauspolitik übrig blieb.
Großflächig geschwärzt sind dagegen seine Antworten zur Ämterfülle auf Bundes- und Regionalebene sowie seine Ausführungen zum Klimawandel und den Rekordtemperaturen des Sommers. Ein weiterer Streitpunkt: Koch wollte sich nicht zu einem WhatsApp-Status seiner Frau Silke Koch äußern, die für die AfD im Mannheimer Gemeinderat sitzt und dort Bilder muslimischer Frauen in Burkinis mit dem Wort „Dreck“ beschriftet hatte.
Wie es zu dem Streit kam
Überregional bekannt wurde Koch im Juni 2024, als er in Mannheim während des Kommunalwahlkampfs einen Mann verfolgte, der Wahlplakate beschädigt haben soll, und dabei mit einem Teppichmesser am Bauch verletzt wurde. Das Landgericht Mannheim ordnete den Angreifer später in die Psychiatrie ein.
Vom Messerangriff zum geschwärzten Interview
- Juni 2024Attacke im Kommunalwahlkampf
Koch verfolgt in Mannheim einen mutmaßlichen Plakatbeschädiger und wird mit einem Teppichmesser am Bauch verletzt. Das Landgericht Mannheim ordnet den Angreifer später in die Psychiatrie ein.
- Sommer 2026Zwei Stunden auf Band
Der „Mannheimer Morgen“ führt mit Koch ein Sommerinterview – wie mit jedem Fraktionsvorsitzenden im Gemeinderat. Das Gespräch wird mit seinem Einverständnis aufgezeichnet.
- September 2026Kürzung in der Autorisierung
Koch erhält den bearbeiteten Auszug zur Prüfung und schreibt ihn nach Darstellung der Zeitung um; zurück kommt eine auf etwa ein Drittel gekürzte Fassung.
- 15. September 2026Geschwärzte Veröffentlichung
Das Interview erscheint in einem „besonderen Layout“ mit geschwärzten Passagen. Chefredakteurin Miriam Scharlibbe begründet das Vorgehen in einem Beitrag und nennt es eine Reaktion auf einen Eingriff in die Pressefreiheit.
- 15. September 2026Bundesweite Aufmerksamkeit
WELT, FOCUS online und heute.at greifen den Fall auf und machen ihn über Mannheim hinaus bekannt.
Kochs Sicht auf das Gespräch
Koch selbst umschreibt seine Haltung zum Gespräch mit Journalisten so: „Wenn man miteinander spricht, kann man unterschiedliche Positionen sachlich besprechen und nach Lösungen suchen.“ Die Redaktion des „Mannheimer Morgen“ hat daraus für sich die Konsequenz gezogen, die Eingriffe in den Text nicht zu verstecken.
In der Branche gilt der Mannheimer Fall als Beispiel dafür, wie weit ein Politiker in einer Autorisierungsrunde gehen kann – und wie eine Redaktion darauf reagiert, ohne das Format Autorisierung aufzugeben. Ob Koch wieder zum Sommerinterview des „Mannheimer Morgen“ kommt und wie die Redaktion dann mit Änderungswünschen umgeht, ist offen.
