logo!-Interview mit AfD-Mann Siegmund: ZDF räumt Fehler ein
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Kinderfernsehen

logo!-Interview mit AfD-Mann Siegmund: ZDF räumt Fehler ein

Die Kindernachrichten „logo!“ ließen AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund eine halbe Stunde lang frei reden – in einer Sendung für Acht- bis Zwölfjährige. Nach mehr als 100 Beschwerden, einer Petition mit rund 296.000 Unterschriften und scharfer Kritik aus dem Internationalen Auschwitz Komitee räumt das ZDF ein: Das Konzept war nicht angemessen.

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Rund 296.000 Unterschriften, mehr als 100 Beschwerden beim ZDF-Fernsehrat – und ein Sender, der inzwischen einräumt, dass sein Konzept falsch war. Der Kinderkanal von ARD und ZDF hat einem Politiker der vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextrem“ eingestuften AfD Sachsen-Anhalt eine halbe Stunde Sendezeit in den Kindernachrichten „logo!“ gegeben.

Ausgestrahlt wurde das Gespräch am 3. September 2026, drei Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Die Fragen stellte die frühere Landesschülersprecherin des Landes, Lucienne Balke. Sie befragte AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund und Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) – separat, mit weitgehend gleichlautenden Fragen; gesendet wurden die Antworten gegeneinander geschnitten. Einen Tag zuvor hatten sich beide im TV-Duell von Siegmund und Schulze gegenübergestanden.

Inhaltlich ging es nach harmlosen Einstiegsfragen zu Lieblingsschulfächern und dem Jugendwort des Jahres um Lehrermangel, Homeschooling und die AfD-Forderung, geflüchtete Kinder in gesonderten Klassen zu unterrichten. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sah darin die Gleichstellung geflüchteter Kinder verletzt; diese Perspektive brachte die Redaktion in das Interview nicht ein. Die rund halbstündigen Gespräche veröffentlichte sie zusätzlich in voller Länge im Netz.

Darin sagte Siegmund: „Wir können uns nicht immer nur irgendwie für unsere Geschichte schämen oder so was. Wir haben auch keine Schuld daran.“ Die F.A.Z. beschrieb das halbstündige Gespräch als „Ideologieseminar“ und „völkische Volldusche“: Siegmund habe über getrennte Klassen für Geflüchtete, deren Rückkehr „nach Hause“, mehr Bismarck statt der „ganz dunklen“ Epoche im Geschichtsunterricht und den nötigen „Stolz auf unser Land“ gesprochen. Begriffe wie Nationalsozialismus und Judenvernichtung seien ihm nicht über die Lippen gekommen.

Mehr als 100 Beschwerden beim Fernsehrat

Beim ZDF-Fernsehrat, dem obersten Kontrollgremium des Senders, gingen innerhalb von fünf Tagen mehr als 100 Zuschriften zur Sendung ein. Das Gremienbüro nannte keine genaue Zahl – es sei eine „niedrige dreistellige Zahl“, die sich noch ändern könne. Die Eingaben kritisierten überwiegend das Interview mit Siegmund in einer Kindersendung.

Formal läuft das so: Zuerst prüft der Fernsehrat, ob eine Eingabe die Voraussetzungen für eine Programmbeschwerde erfüllt. Danach antwortet der ZDF-Intendant schriftlich innerhalb eines Monats, erst anschließend kann der Fernsehrat angerufen werden.

Das Internationale Auschwitz Komitee, der Zusammenschluss von Auschwitz-Überlebenden und ihren Organisationen, verurteilte den Auftritt. Exekutiv-Vizepräsident Christoph Heubner erklärte, kein Überlebender des Holocaust habe bei Zeitzeugengesprächen in deutschen Schulen von Schülerinnen und Schülern gefordert, sich zu schämen oder sie als Schuldige bezeichnet.

Die Überlebenden des Holocaust sind über die manipulativen Behauptungen Siegmunds ebenso entsetzt wie über die Leichtfertigkeit der Verantwortlichen beim Kinderkanal, einem ausgewiesenen Rechtsextremen dieses Forum zu bieten.
Christoph Heubner, Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees

Das ZDF hielt dagegen: Es gehöre zu „logo!“, Kindern Orientierung zu gesellschaftlich aktuellen und relevanten Themen zu geben; als Nachrichtensendung bilde die Sendung die politische Realität ab und spreche auch mit Spitzenkandidaten, die politisch relevante Akteure seien. Die Leiterin der logo!-Nachrichten, Constanze Knöchel, hatte schon vor der Ausstrahlung erklärt, man orientiere sich nicht an der Frage, welcher Shitstorm drohe, sondern am Auftrag: Kinder brauchten verlässliche Informationen, um sich eine eigene Meinung bilden zu können – „auch dann, wenn es unbequem wird“.

In der Abmoderation stellte Moderator Sherif Rizkallah klar, die AfD sei „sehr umstritten“, und nannte die Einstufung des AfD-Landesverbands Sachsen-Anhalt durch den Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextrem“. Das Interview begründete er mit den Umfragen: Die AfD liege in Sachsen-Anhalt seit einiger Zeit deutlich vorn, viele Menschen unterstützten die Partei. Bei der Nennung der Einstufung versprach er sich kurz und verwies für Details auf die logo!-Website.

Petition fordert Ende der AfD-Auftritte

Ein Kollektiv aus Schülerinnen und Schülern startete auf der Campact-Plattform WeAct die Petition gegen AfD-Auftritte bei logo!. Sie verlangt, das für die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern geplante Interview mit AfD-Landeschef Enrico Schult nicht in diesem Format auszustrahlen: „Rechtsextreme Politiker dürfen in Kindernachrichten keine ungefilterte Bühne bekommen.“

Konkret fordert der Text, Aussagen zu prüfen und journalistisch einzuordnen, stattdessen ein kindgerechtes Format über Rechtsextremismus zu entwickeln sowie Kinder und Jugendliche nicht ohne Medientrainings, Faktenchecks und emotionale Begleitung professionellen Politikern auszusetzen. Erstunterzeichner sind Teachers for Future Germany e.V. und Eltern gegen Rechts.

Die Petition kritisiert auch den Umgang der Redaktion mit Lucienne Balke: Sie habe Fragen vorgegeben, auf Faktenchecks verzichtet und die Schülerin damit allein gelassen. Der Sender habe die Schülerin erst unterstützt, als der öffentliche Druck bereits enorm war – zu spät.

Für das zweite Interview hatte der Landesschüler:innenrat Mecklenburg-Vorpommern Bedingungen gestellt: eigene Fragen, Vorabinformation, medienpraktische Vorbereitung und die Möglichkeit, strittige Aussagen einzuordnen. Das ZDF konnte diese nicht rechtzeitig umsetzen, der Rat sagte ab.

Ursprünglich sollte laut ZDF-Pressemitteilung vom 31. August 2026 Landesschülersprecherin Tessa Schulz mit Manuela Schwesig (SPD) und Enrico Schult sprechen. Das Gespräch mit Schult führte die logo!-Redaktion am 8. September 2026 selbst; das Interview von Manuela Schwesig mit einer Vertreterin des Landesschülerrats lief bereits am 29. August.

Unterschriften für die Petition gegen weitere AfD-Auftritte bei logo!

Die Zahl stieg innerhalb eines Tages um rund 46.000

Quelle: Medienberichte vom 14. und 15. September 2026

ZDF räumt Fehler ein und ändert das Konzept

Am 14. September veröffentlichte das ZDF eine Mitteilung, in der es die Kritik anerkennt: Die Interviews sollten „die Perspektive junger Menschen sichtbar machen“, die Schülersprecherin sei redaktionell vorbereitet, begleitet und nach Veröffentlichung unterstützt worden. Dann folgt der Satz, der die Wende markiert – festgehalten in der ZDF-Mitteilung zum geänderten Konzept.

„Im Nachhinein müssen wir feststellen, dass das gewählte redaktionelle Konzept nicht angemessen war.“ Für Mecklenburg-Vorpommern werden die Aussagen von Manuela Schwesig und Enrico Schult deshalb in einem redaktionellen Beitrag eingeordnet. Die Redaktion dankte den Zuschauerinnen und Zuschauern für „wichtige, ausführliche und teilweise sehr persönliche Rückmeldungen“.

Der Deutsche Journalisten-Verband begrüßte die Entscheidung. Bundesvorsitzender Mika Beuster sagte: „Dass ‚logo!‘ vor der Wahl in Sachsen-Anhalt Ulrich Siegmund eine halbe Stunde hat schwadronieren lassen, hat zu Recht für viel Unmut gesorgt. Gut, dass sich das für Mecklenburg-Vorpommern nicht wiederholt.“ Die „perfide Medienstrategie der AfD“ erfordere journalistische Profis, gerade gegenüber jüngeren Zuschauenden.

Von der Ausstrahlung zur Konzeptänderung

  1. 31. August 2026
    ZDF kündigt Interviews für Mecklenburg-Vorpommern an

    Laut ZDF-Pressemitteilung soll Landesschülersprecherin Tessa Schulz mit Manuela Schwesig (SPD) und Enrico Schult (AfD) sprechen.

  2. 3. September 2026
    Ausstrahlung der logo!-Ausgabe

    Lucienne Balke befragt Ulrich Siegmund und Sven Schulze; die halbstündigen Gespräche erscheinen online in voller Länge.

  3. 4. September 2026
    Empörung und Verteidigung

    Das Internationale Auschwitz Komitee verurteilt den Auftritt, das ZDF verweist auf seinen öffentlich-rechtlichen Auftrag.

  4. 8. September 2026
    logo! interviewt Schult selbst

    Nach der Absage des Landesschüler:innenrats Mecklenburg-Vorpommern führt die Redaktion das Gespräch mit AfD-Landeschef Enrico Schult selbst.

  5. 9. September 2026
    Mehr als 100 Beschwerden

    Die Eingaben beim ZDF-Fernsehrat kritisieren überwiegend das Interview mit Siegmund in einer Kindersendung.

  6. 14. September 2026
    ZDF kündigt neues Konzept an

    Mehr als 250.000 Menschen haben die Petition gegen ein weiteres AfD-Interview in dieser Form unterzeichnet.

  7. 15. September 2026
    ZDF räumt Fehler ein

    Rund 296.000 Unterschriften; der DJV nennt die Absetzung des unkommentierten Schult-Interviews die einzig richtige Entscheidung.

Die Grundsatzfrage bleibt

Der Fall ist nicht der erste AfD-Auftritt bei „logo!“, der für Kritik sorgte: Schon zur Wahl von Friedrich Merz zum Bundeskanzler kam AfD-Chef Tino Chrupalla in der Sendung zu Wort.

Der Streit berührt eine Grundsatzfrage des öffentlich-rechtlichen Kinderfernsehens: Wie berichtet man für Acht- bis Zwölfjährige über eine vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei, die zugleich in Umfragen führt – ohne ihr eine ungefilterte Bühne zu geben und ohne die Kinder und Jugendlichen, die die Fragen stellen, allein zu lassen? Die AfD lag in Sachsen-Anhalt deutlich vorn; laut dem Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke half dabei auch das Versagen der Gegner der AfD.

Das ZDF hat diese Frage nach dem öffentlichen Druck mit einer Konzeptänderung beantwortet. Offen ist, wie der Fernsehrat über die mehr als 100 Beschwerden entscheidet – zuvor muss der Intendant innerhalb eines Monats schriftlich antworten.

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