Wer an einem großen deutschen Bahnhof auf den Bahnsteig will, soll künftig womöglich erst eine gültige Fahrkarte vorzeigen. Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) hat sich offen dafür gezeigt, den Zugang zu den Gleisen im Fernverkehr an ein Ticket zu knüpfen – über Schleusen, Schranken oder Drehkreuze.
Auslöser ist ein Interview mit den Zeitungen der Funke Mediengruppe, das am 15. September 2026 von dpa, BR24, WDR und t-online verbreitet wurde. Darin sagte Bilger, im Fernverkehr „könne es sinnvoll sein, den Zugang zu den Bahnsteigen stärker an eine gültige Fahrkarte zu knüpfen“. Den Ansatz halte er „grundsätzlich für sinnvoll“ und sehe Potenzial, ihn auch in Deutschland zu erproben.
Begründet wird der Vorstoß mit einer wachsenden Bedrohung der Verkehrsinfrastruktur. „Es gibt leider viele Fälle, in denen Verkehrsinfrastruktur angegriffen wird – bei Schienenstrecken, der Energieversorgung, auf Wasserstraßen und im Flugverkehr. Es ist eine neue Realität, der wir uns sehr bewusst sind“, sagte Bilger.
An sensiblen Stellen müsse der Schutz verbessert werden, nach einem Vorfall eine schnelle Reaktion möglich sein; auch die Digitalisierung könne helfen, Probleme früher zu erkennen.
Frankreich und Großbritannien machen es vor
Bilger verweist auf das Ausland: In Frankreich gelangen Reisende nach Angaben der Staatsbahn SNCF an rund 20 Bahnhöfen nur über Zugangsschleusen auf die Bahnsteige – darunter große Pariser Bahnhöfe sowie Stationen in Lyon, Marseille, Lille, Rennes und Nantes. Die Fahrkarte wird dort vor dem Bahnsteigzugang elektronisch geprüft.
In Großbritannien müssen Reisende laut National Rail an vielen Bahnhöfen Ticketschranken passieren; an einigen großen Bahnhöfen wird der Bahnsteigzugang erst freigegeben, wenn der Zug zum Einsteigen bereitsteht. Bilger selbst schränkt ein, dass sich das Modell nicht einfach übertragen lässt.
„In anderen Ländern ist es teilweise üblich, dass man im Fernverkehr nur mit der Fahrkarte ans Gleis kommt. Das System ist in Deutschland nicht direkt kopierbar, weil wir historisch gewachsene Bahnhöfe haben.“
SPD lobt, AfD will ein Pilotprojekt, Grüne blocken
Die SPD unterstützt den Vorstoß. Martin Kröber, Berichterstatter für Bahnverkehr in der SPD-Bundestagsfraktion, sagte zu den Plänen für Ticketschranken an Bahnhöfen, er halte „den Zugang zum Bahnsteig an eine Fahrkarte zu knüpfen“ für „einen praktikablen und effizienten Schritt für mehr Sicherheit im Bahnverkehr“. Er fordert eine zeitnahe und flächendeckende Einführung statt langwieriger Testphasen an einzelnen Standorten.
Die AfD ist offen, knüpft Zustimmung aber an Bedingungen. Der verkehrspolitische Sprecher der Fraktion, Wolfgang Wiehle, nannte bauliche Hindernisse: Durchgangsbahnhöfe mit mehreren Zugängen und Gleise, die Fern- und Nahverkehr gemeinsam nutzen. Ticketkontrollen seien unter Umständen „diskussionswürdig“. Ein Pilotprojekt von DB InfraGO und DB Fernverkehr solle an großen Kopfbahnhöfen starten, etwa in Frankfurt am Main, München oder Leipzig.
Wiehle stellt dafür eine Bedingung: „Dies kann aber nur an Bahnsteigen erfolgen, die ausschließlich durch den Fernverkehr genutzt werden.“ Zusätzlich fordert er Zugangskontrollen für einzelne U-Bahn-Linien in „kriminalitätsbelasteten Städten“ wie Berlin oder Hamburg – mit Blick auf Drogendealer und Kleinkriminalität.
Die Grünen lehnen den Vorstoß ab. Der Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Bundestag, Tarek Al-Wazir, hält eine Zugangskontrolle zum Bahnsteig für den falschen Weg – auch wenn er Bilgers Handlungsdruck angesichts eines zunehmenden Unsicherheitsgefühls anerkennt. Sein zentrales Gegenargument:
„Anders als bei unseren europäischen Nachbarn fahren in Deutschland Regional- und Fernverkehr teilweise im Minutentakt vom selben Gleis ab.“
Für den Regionalverkehr seien solche Vorgaben „faktisch unmöglich“. Eine technische Lösung gehe „in zweifacher Hinsicht völlig an der Realität vorbei“: Jeder Bahnhof brauche eine eigene Lösung – „Das ist Zeit- und sehr kostenaufwendig“ –, bei den Pendlerströmen drohe der „Kollaps des gesamten Systems“. Stattdessen solle Geld in Modernisierung, Sauberkeit und mehr Sicherheitspersonal fließen.
Fahrgastverband: Schleuse hält keinen Täter fern
Der Fahrgastverband PRO BAHN wies den Vorstoß in einer Pressemitteilung vom 15. September 2026 zurück. „Eine Fahrkartenschleuse hält keinen Täter fern, sie hält Fahrgäste auf“, heißt es darin. Bundesvorsitzender Lukas Iffländer begründet das so:
„Wer Menschen auf einem Bahnsteig angreifen will, kauft für wenige Euro ein Ticket und geht durch die Schleuse.“
Der Minister verwechsle Fahrkartenkontrolle mit Sicherheit, kritisiert der Verband. Statt Schleusen verlangt PRO BAHN dauerhaft ansprechbare Bundespolizei und DB-Sicherheitskräfte auf den Bahnsteigen aller großen Bahnhöfe – nicht nur an den 35 Stationen des befristeten Sofortprogramms –, dazu aufgeräumte Bahnhöfe und Detektionstechnik wie Durchgangsportale mit Sprengstoffsensoren, die Gefahrstoffe erkennt, „ohne dass jemand stehen bleibt oder ein Ticket vorzeigt“.
Zugangsschleusen nach ausländischem Vorbild habe der Verband bereits mit DB InfraGO erörtert – mit dem gemeinsamen Ergebnis, dass sie sich nicht auf deutsche Bahnhöfe übertragen ließen. Für Abholer, Begleitpersonen und Nutzer von Mobilitätsservices müsse der Bahnhof als öffentlicher Raum offen bleiben; die Bahnsteigsperre samt Bahnsteigkarte war 1974 abgeschafft worden, weil die Kontrolle mehr kostete, als sie einbrachte.
Betrieblich teilen ICE, Regionalexpress und S-Bahn in Deutschland Bahnsteige, Treppen und Unterführungen; der Umstieg in Hannover, Frankfurt oder Mannheim dauert planmäßig nur wenige Minuten. Der Deutschlandtakt baut auf diesen kurzen Übergängen auf.
Technik, Kosten und der Brandfall sind offen
Der WDR hat die praktischen Hürden an NRW-Bahnhöfen zusammengetragen: An vielen großen Bahnhöfen teilen Nah- und Fernverkehr dasselbe Gleis, Kontrollen direkt am Eingang kollidierten mit Gastronomie und Geschäften in den Bahnhofsgebäuden, und viele Stationen liegen mitten in der Innenstadt mit zahlreichen Ausgängen und teils eigenen Einkaufspassagen.
Unklar ist auch die Technik: Abo-Kunden könnten Chipkarte oder QR-Code scannen, ältere oder Gelegenheitsfahrer mit Papierticket aus dem Automaten hätten dagegen „nichts zu Scannen“. Offen sind die Finanzierung von Zäunen, Schranken und Drehkreuzen sowie die Sicherheit im Brand- oder Panikfall.
Das Bundesverkehrsministerium erklärte auf Anfrage, der Bahnverkehr in Deutschland werde „als offenes System geführt“; Reisende bräuchten weder ein Ticket mit Reservierung wie im französischen TGV noch gebe es Zugangsbarrieren an Bahnsteigen. Die Bahn prüfe derzeit ein „ganzes Bündel an Maßnahmen“ für mehr Sicherheit.
Die zuständige DB InfraGO wollte sich zu Umsetzbarkeit und Finanzierung nicht äußern und verwies auf das bundesweite Alkoholverbot an Bahnhöfen, das Mitte Oktober kommen soll; die Bundespolizei äußerte sich zu politischen Vorhaben nicht. Am Essener Hauptbahnhof traf der WDR auf überwiegend zustimmende Reisende, vor allem nachts.
PRO-BAHN-Vertreter Andreas Schröder warnt dort zugleich vor Staus: „Es knubbelt sich vor diesen Ticketschranken, Leute suchen nach ihren Tickets und finden die nicht.“
Bilger setzt seit Juli auf Bahn-Themen
Bilger ist seit Juli 2026 Verkehrsminister; er löste den von Bundeskanzler Friedrich Merz entlassenen Patrick Schnieder ab. Seither hat er mehrfach Bahn-Themen gesetzt – von der Wiedereinführung der Familienreservierung über härtere Strafen bei Gewalt gegen Bahnmitarbeiter bis zur Kopplung der Bahn-Manager-Boni an Zielvorgaben.
PRO BAHN ordnet den Vorstoß als zweiten binnen einer Woche ein – nach der Debatte um eine Reservierungspflicht im ICE. Zahlen der Bundespolizei vom Jahresanfang 2026 zeigten, dass die Hauptbahnhöfe Dortmund, Köln und Düsseldorf zu den zehn Bahnhöfen mit den meisten Gewaltdelikten deutschlandweit zählen; Angriffe auf Bahnpersonal hatten die Sicherheitsdebatte befeuert.
Von der Bahnsteigkarte 1974 bis zum Vorstoß 2026
- 1974Ende der Bahnsteigsperre in Deutschland
Die Deutsche Bundesbahn schafft Bahnsteigsperre und Bahnsteigkarte ab. Die Kontrolle kostete mehr, als sie einbrachte; die Prüfung im Zug galt als ausreichend. PRO BAHN führt das bis heute als Argument an.
- Anfang 2026Viele Gewaltdelikte an NRW-Hauptbahnhöfen
Dortmund, Köln und Düsseldorf gehören zu den zehn Bahnhöfen mit den meisten Gewaltdelikten deutschlandweit. Angriffe auf Bahnpersonal befeuern die Sicherheitsdebatte.
- Juli 2026Bilger wird Bundesverkehrsminister
Steffen Bilger (CDU) löst den von Bundeskanzler Friedrich Merz entlassenen Patrick Schnieder ab.
- 8. September 2026Debatte über Reservierungspflicht im ICE
PRO BAHN wertet Bilgers Bahnsteig-Vorstoß später als zweiten Anlauf binnen einer Woche, den offenen Bahnbetrieb nach ausländischem Muster zu schließen.
- 15. September 2026Bilger öffnet die Tür für Zugangskontrollen
Im Funke-Interview nennt er die Ticketkopplung „grundsätzlich sinnvoll“. SPD, AfD, Grüne und PRO BAHN reagieren; das Ministerium verweist auf das offene System.
Konkrete Pläne, Termine oder Standorte für Zugangskontrollen gibt es bislang nicht; Bilger sprach lediglich von „Potenzial“ für eine praktische Erprobung. Ob sein Ministerium einen Gesetzentwurf vorlegt oder zunächst ein Pilotprojekt an einem Kopfbahnhof anordnet, hat er nicht angekündigt.
