Die AfD hat bei der Kommunalwahl in Niedersachsen am 13. September 2026 mehr als dreimal so viele Stimmen geholt wie 2021 – und kann einen großen Teil der gewonnenen Mandate nicht besetzen. Nach Angaben der Landeswahlleitung bleiben landesweit 314 Sitze in den Kommunalvertretungen leer, 258 davon entfallen auf die AfD, wie ZDFheute zu den unbesetzten Sitzen berichtet.
Am Vormittag des 15. September lag die Zahl noch niedriger: 235 unbesetzte AfD-Mandate bei 286 freien Sitzen meldeten BILD und t-online damals – mehr als 80 Prozent aller Lücken. Im Tagesverlauf korrigierte die Landeswahlleitung auf Anfrage der dpa nach oben: 258 AfD-Mandate, 314 unbesetzte Sitze insgesamt.
Zum Vergleich: Nach der Kommunalwahl 2021 waren in Niedersachsen nur 41 Sitze unbesetzt geblieben, 2016 waren es 54. Gewählt wurden diesmal 2.182 kommunale Vertretungen mit 29.501 Mandaten, hinzu kamen 395 Direktwahlen. Rund 6,3 Millionen Menschen waren wahlberechtigt, die Wahlbeteiligung lag bei 64,6 Prozent – ein Plus von 7,6 Prozentpunkten.
CDU vorn, AfD verdreifacht ihr Ergebnis
Wie sich das Kräfteverhältnis verschoben hat: CDU bleibt stärkste Kraft in Niedersachsen mit 27,2 Prozent (2021: 31,7). Die SPD fällt auf 24,6 Prozent (2021: 30,0), die Grünen kommen auf 14,1 Prozent, die Linke auf 6,0 Prozent, die FDP stürzt auf 3,7 Prozent. Auf Kreisebene verdreifacht die AfD ihr Ergebnis auf 15,9 Prozent (2021: 4,6).
Auf Gemeindeebene erreicht die AfD 11,2 Prozent, ein Plus von neun Prozentpunkten. Nach Angaben ihres Landesvorsitzenden ist die Partei nun in allen Kreistagen und Räten kreisfreier Städte vertreten. Die unbesetzten Mandate ändert das nicht.
In 22 von 36 Landkreisen fehlen Bewerber
Die Lücken ziehen sich durch das ganze Land. In 22 der 36 Landkreise hatte die AfD nach Angaben des NDR nicht genügend Kandidatinnen und Kandidaten für die errungenen Mandate. In den Landkreisen Peine, Diepholz, Aurich, Cloppenburg, Friesland und Leer ist jeweils eine zweistellige Zahl an AfD-Sitzen unbesetzt.
Besonders groß ist die Lücke in den Gemeinden der Landkreise Osnabrück mit 25 unbesetzten AfD-Sitzen, Leer mit 24, Aurich mit 22 und Peine mit 20. Auch auf Kreisebene bleiben Mandate leer: jeweils drei Sitze im Kreistag von Peine und im Stadtrat von Emden sowie ein Sitz im Kreistag von Schaumburg.
Unbesetzte AfD-Sitze in den am stärksten betroffenen Landkreisen
Gemeinden der jeweiligen Landkreise, Stand September 2026
Bohmte: 18,9 Prozent, aber nur ein Kandidat
Wie das im Detail aussieht, zeigt Bohmte im Landkreis Osnabrück. Die AfD kommt dort auf 18,9 Prozent, rechnerisch stünden ihr sechs Sitze zu – auf dem Wahlzettel stand jedoch nur ein Kandidat. Fünf Mandate bleiben frei.
In Rinteln trat die AfD mit nur zwei Bewerbern an, obwohl der Stadtrat 36 Mandate hat. Während der Auszählung waren zeitweise bis zu sieben Sitze rechnerisch möglich, besetzen kann die Partei höchstens zwei. In Bad Rothenfelde im Landkreis Osnabrück schrumpft der Rat von 20 auf 18 Sitze plus Bürgermeister – zwei AfD-Mandate bleiben leer.
Dass es auch anders geht, zeigt die AfD-Hochburg Salzgitter. Dort erreicht die Partei 27,4 Prozent und stellt mit 13 Abgeordneten die stärkste Fraktion im Stadtrat. Ihre Oberbürgermeister-Kandidatin Patricia Mair zieht mit 25,7 Prozent in die Stichwahl gegen den CDU-Amtsinhaber Frank Klingebiel ein.
Sitze bleiben bis zum Ende der Wahlperiode leer
Der Fall ist ein Effekt des Wahlsystems: Jede Partei reicht vor der Wahl Kandidatenlisten ein. Gewinnt sie mehr Sitze, als sie Bewerber hat, verfallen die überschüssigen Mandate. Nach dem Niedersächsischen Kommunalwahlgesetz bleiben diese Sitze bis zum Ablauf der Wahlperiode unbesetzt, Nachnominierungen sind ausdrücklich unzulässig.
Die Mandate werden nicht an andere Parteien oder Wählergruppen weiterverteilt – der Rat wird einfach kleiner. Für die AfD-Fraktionen heißt das: Bei Abstimmungen bringen sie weniger Stimmen ein, als ihnen rechnerisch zustünden, und können Sitze in Ausschüssen nicht besetzen. Andere Parteien gewinnen dadurch relativ an Einfluss, Mehrheitsverhältnisse können sich verschieben.
Die AfD verweist auf sozialen Druck
Die Partei erklärt die Lücken mit äußerem Druck auf ihre Bewerber. AfD-Landesvorsitzender Ansgar Schledde sagte der Bild-Zeitung, trotz einer Vervierfachung der Mitgliedszahlen habe man auch aufgrund des sozialen Drucks auf Kandidaten nicht alle Listen voll besetzen können. Der Vorstand wolle sich nun verstärkt auf die Mitgliedergewinnung konzentrieren.
„Wir haben unsere Wahlziele deutlich übertroffen.“
Schleddes Erfolgsbilanz steht gegen die Zahlen der Landeswahlleitung: 258 Mandate seiner Partei bleiben leer. AfD-Landesvize Stephan Bothe hatte am Montagvormittag gesagt, man sei „mehr als zufrieden“ – und könne noch nicht absehen, was das für kommunale Mandate bedeute. Der Vorsitzende des AfD-Kreisverbandes Osnabrück-Land, Marcel Queckemeyer, hatte das Szenario schon vor der Wahl erwartet: Viele Mitglieder hätten Angst, Gesicht zu zeigen, und befürchteten berufliche Konsequenzen.
Der Politikwissenschaftler Philipp Köker von der Leibniz Universität Hannover verweist auf immer mehr Anfeindungen gegen Kommunalpolitiker – selbst bei politischen Positionen der Mitte. Schledde erinnert außerdem daran, dass vier AfD-Kandidaten wegen Zweifeln an ihrer Verfassungstreue nicht zur Kommunalwahl zugelassen wurden. Die AfD Niedersachsen wird vom Landesverfassungsschutz als rechtsextremistisches Beobachtungsobjekt eingestuft und wehrt sich juristisch dagegen.
Andere Parteien betroffen, aber viel kleiner
Die AfD ist nicht die einzige Partei mit unbesetzten Sitzen – nur mit Abstand die größte. Nach der Aufstellung des Landeswahlleiters vom 14. September, 7.44 Uhr, entfielen zehn unbesetzte Sitze auf die SPD, sechs auf das BSW, je vier auf Grüne und CDU, drei auf die FDP und einer auf Volt. Weitere Mandate entfallen auf Wählergruppen und Einzelbewerber.
Unbesetzte Sitze nach Partei bei der Kommunalwahl 2026
Landesweite Aufstellung des Landeswahlleiters, Stand 15. September 2026
Endgültig ist die Zahl der freien Sitze nicht. Die vorläufigen Gemeindewahlergebnisse aus dem Landkreis Rotenburg standen Mitte September noch aus, die Landeswahlleitung rechnet frühestens im November 2026 mit der endgültigen Bekanntmachung aller Ergebnisse. An den unbesetzten Mandaten ändern auch die Stichwahlen am 27. September nichts – sie bleiben bis zum Ende der Wahlperiode frei. Offen ist nur, wie viele es am Ende genau werden.
