Erste Urlauber haben ihre Reisen nach Sachsen-Anhalt abgesagt – aus Angst vor den Folgen des AfD-Wahlsiegs. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) schlägt Alarm: Gäste würden das Land durchaus bereisen wollen, es aber „aus Angst lieber meiden“.
Die Stellungnahme des Landesverbands erschien am 9. September, drei Tage nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September. Dort war die AfD mit 43,8 Prozent der Zweitstimmen stärkste Kraft geworden und hatte die absolute Mehrheit nur knapp verfehlt: Sie stellt 39 von 83 Abgeordneten, für eine Mehrheit wären 42 Sitze nötig.
CDU, SPD und Grüne kommen zusammen ebenfalls nicht auf eine Mehrheit, die Regierungsbildung ist offen. Der neue Landtag soll sich spätestens am 6. Oktober konstituieren, bis dahin bleibt die bisherige Landesregierung geschäftsführend im Amt. Der Verband verlangt eine „offene, ehrliche und zukunftsorientierte Landesregierung“ mit einer „offenen Willkommenskultur für Gäste aus aller Welt“.
Verbandspräsident Michael Schmidt macht den Druck deutlich: Der Dehoga verlange von jeder künftigen Regierung – unabhängig davon, welche Partei den Regierungsauftrag erhält – schnellstens Gespräche und ein Bekenntnis zur Branche.
„Egal, welche Partei den Regierungsauftrag erhalten wird, wir fordern sie dazu auf, schnellstens mit uns in den Dialog zu treten. Für unsere Branche ist es existenziell, ein Bekenntnis zum Tourismus, Sicherheit und Perspektiven zu bekommen.“
Absagen aus Wetzlar, Thale und Quedlinburg
Konkrete Fälle sind dokumentiert. Eine Familie aus dem hessischen Wetzlar stornierte ihren Aufenthalt in Thale; in dem Bericht über die ersten Reiseabsagen heißt es, sie halte die Region und Quedlinburg für wunderschön, wolle aber nicht dorthin reisen, wenn fast jeder zweite Wähler eine rechtsextremistische Partei gewählt habe.
Ein weiterer Gast sagte seine Reise nach Quedlinburg ab: Er wolle im Urlaub entspannen und nicht mit einem mulmigen Gefühl vor die Tür gehen. Eine transgeschlechtliche Person berichtet von zunehmender Gewalt in AfD-Hochburgen und erklärt, sie wähle ihre Reiseziele inzwischen streng nach Sicherheitsaspekten aus.
Eine Nutzerin kündigte an, bei einer von der AfD geführten Regierung keinen einzigen Euro freiwillig in Sachsen-Anhalt zu lassen – auch wenn ihr die dort lebenden Demokraten leidtäten. Dem stehen Berichte vom Gegenteil gegenüber: Ein Ferienpark in Hasselfelde war während der Oktoberferien komplett ausgebucht, ein Wanderurlauber fand sein Quartier in Thale im Oktober „fast komplett ausgebucht“.
Vorwurf der Panikmache
In der Debatte um den politischen Appell des Verbands kam heftiger Gegenwind aus der eigenen Branche. Ein längerer Beitrag aus der Perspektive von Akteuren und Unterstützern der Tourismus- und Gastgeberbranche trägt die Überschrift „Wirtschaftsschädigende Panikmache statt starker Interessenvertretung“.
Darin heißt es, man zahle keine Verbandsbeiträge dafür, dass das eigene Land und damit die eigenen Betriebe öffentlich schlechtgeredet würden. Sogar ein Austritt aus dem Verband wird ins Spiel gebracht. Andere Kommentatoren gehen die Stellungnahme nicht weit genug und fordern „klare Kante für Demokratie und Weltoffenheit, Minderheitenschutz und Inklusion“.
Umgekehrt halten Kommentatoren die Reaktion für Hysterie: Hier sei es genauso lebenswert wie vor 14 Tagen, und wer aus Empörung über das Wahlergebnis nicht mehr anreise, der bleibe eben weg. Belastbare Zahlen fehlen bislang. Der Dehoga spricht von Gästeanfragen und einzelnen Absagen, nennt aber weder deren Zahl noch deren Folgen für Buchungen.
Der Verband hat nach eigenen Angaben eine Umfrage unter Betrieben gestartet; erst danach sei eine belastbare Einschätzung möglich. Bis ein Ergebnis vorliegt, steht der Vorwurf im Raum, der Verband schade mit seiner Warnung genau dem Geschäft, das er schützen will.
Tourismusverband warnt vor drei Baustellen
Auch der Tourismusverband Sachsen-Anhalt (LTV) blickt mit Sorge auf die Entwicklung. Geschäftsführer Martin Schulze sagt, Tourismus lebe „von Gastfreundschaft, Vielfalt und Weltoffenheit“ – diese Werte seien nicht nur eine moralische Haltung, sondern das wirtschaftliche Fundament der Branche.
„Aktuell verzeichnen wir eine große Unsicherheit bei potenziellen Gästen wie Mitarbeitenden gleichermaßen. Es ist entscheidend, dass wir das Vertrauen gemeinsam mit der Politik zurückgewinnen.“
Der LTV benennt drei gefährdete Felder: das touristische Image des Landes, die Sicherung des enormen Personalbedarfs und den Erhalt der vielfältigen Kulturlandschaft. Beim Personal verweist die Branche auf denselben Mechanismus, den die Warnungen der Ökonomen vor fehlenden Fachkräften schon vor der Wahl beschrieben haben.
Der Dehoga argumentiert gleich: Die Landespolitik müsse sich klar zur Fach- und Arbeitskräftepolitik positionieren, sonst werde es für die Branche noch schwieriger. Der LTV reicht der neuen Landesregierung zugleich die Hand zur konstruktiven Zusammenarbeit, will aber nach eigener Ankündigung intervenieren, wenn die Werte der Branche verletzt werden.
Was der Tourismus für das Land bedeutet
Die wirtschaftliche Dimension ist erheblich. In Hotels und anderen Herbergen in Sachsen-Anhalt wurden zuletzt deutlich mehr als acht Millionen Übernachtungen gezählt, der weit überwiegende Teil der Gäste kam aus dem Inland und blieb im Schnitt 2,4 Tage. Im Vorjahr setzte die Branche rund 3,6 Milliarden Euro um.
Zu den Aushängeschildern gehören der Nationalpark Harz mit dem Brocken, die Fachwerkstädte Quedlinburg und Wernigerode, die Lutherstadt Wittenberg, das Bauhaus in Dessau und Thale mit der Rappbodetalsperre. Genau diese Orte stehen nun im Zentrum der Absagedebatte.
Schon vor der Wahl lief der Tourismus regional unterschiedlich. Im Juni lagen Gästeankünfte und Übernachtungen im Harz und im Harzvorland unter dem Vorjahresniveau, während die Region Magdeburg, Elbe-Börde-Heide zulegte; über das gesamte erste Halbjahr blieb die Zahl der Übernachtungen nahezu stabil.
Keine belegte Stornierungswelle im Harz
Eine Einordnung der Buchungslage im Harz kommt zu dem Ergebnis: Einzelne politisch begründete Stornierungen sind möglich und bereits berichtet, eine flächendeckende Stornierungswelle ist aber nicht belegt. Entscheidend sei, was im Buchungssystem passiert – ein Gast, der nach der Sicherheitslage fragt, hat noch nicht abgesagt. Als eigentliche Gefahr gilt der schleichende Imageverlust.
Von der Landtagswahl zur Buchungsdebatte
- 6. September 2026AfD wird stärkste Kraft
43,8 Prozent der Zweitstimmen, 39 von 83 Sitzen – für die absolute Mehrheit wären 42 Mandate nötig.
- 9. September 2026Dehoga veröffentlicht seinen Appell
Der Landesverband warnt, Gäste würden Sachsen-Anhalt aus Angst meiden, und fordert eine offene Willkommenskultur.
- 11. September 2026Hoteliers fürchten Stornierungen
Die Süddeutsche Zeitung berichtet über die Sorge der Betriebe und über patriotische Tourismuskonzepte der AfD.
- 12. September 2026Erste Einordnung aus dem Harz
Einzelne politische Stornierungen gelten als möglich, eine flächendeckende Welle ist nicht belegt.
- 15. September 2026Erste Reiseabsagen werden bekannt
Urlauber sagen Aufenthalte in Thale und Quedlinburg ab.
- 16. September 2026Zahlen bleiben offen
Die Betriebsumfrage des Dehoga läuft, der Tourismusverband meldet große Unsicherheit.
Erfahrungen aus anderen ostdeutschen Ferienregionen nach der Bundestagswahl 2025 zeigen einzelne politisch begründete Stornierungen bei insgesamt stabilen Buchungen. Ob aus den aktuellen Absagen mehr wird, hängt damit auch an der Betriebsumfrage des Dehoga, deren Ergebnis noch aussteht.
Offen ist zudem die Regierungsbildung: Der Landtag tritt spätestens am 6. Oktober zusammen, bis dahin regiert die bisherige Landesregierung geschäftsführend. Für Hotels und Gaststätten ist damit ungewiss, wer ihnen die geforderte Willkommenskultur zusichert – und wie schnell überhaupt ein Ansprechpartner feststeht.
