Kein Amt, kein Mandat, kein Parteiposten – und trotzdem reicht ein Satz von Oskar Lafontaine, um erneut einen Streit auszulösen. An diesem Mittwoch, dem 16. September 2026, wird der Mann aus dem Saarland 83 Jahre alt.
Der Streit um seine Äußerungen ist jünger als sein Rückzug aus der Politik. Am 26. Januar 2026, einen Tag vor dem internationalen Holocaust-Gedenktag, veröffentlichte Lafontaine auf Instagram einen Beitrag, in dem er „Russenhass“ und Antisemitismus gleichsetzte.
Er erinnerte daran, dass Deutschland in der Nazizeit nicht nur sechs Millionen Juden, sondern auch 25 Millionen Bürger der Sowjetunion ermordet habe. Der Antisemitismusbeauftragte des Saarlandes nannte die Gleichsetzung „völlig inakzeptabel“, der FDP-Vorsitzende Christian Dürr sprach von einem „neuen Tiefpunkt“. Am 28. Januar wies Lafontaine die Kritik in einem Folgebeitrag zurück.
Hinter diesem Satz liegt eine Karriere durch vier Parteien – und ein Lebenswerk, das die Süddeutsche Zeitung 2023 „tragische Züge“ nannte, weil Lafontaine gleich zwei Parteien zu großen Erfolgen und in tiefe Krisen geführt habe.
Kriegskind im Saarland
Lafontaine kam am 16. September 1943 in Saarlautern-Roden, dem heutigen Saarlouis-Roden, als Zwillingskind zur Welt. Sein Bruder Hans wurde eine Viertelstunde vor ihm geboren und erhielt als Erstgeborener den Vornamen des Vaters: Hans Lafontaine, gelernter Bäcker, im April 1945 kurz vor Kriegsende gefallen – vermutlich als Kradmelder auf dem Motorrad von einer Panzerspitze der US-Armee getötet.
Die Mutter, die Sekretärin Katharina Lafontaine, geborene Ferner, war Kriegswitwe. Oskar wuchs mit seinem Bruder, der Großmutter und einer Tante in Dillingen-Pachten auf, bis der direkt am Westwall gelegene Ort im Dezember 1944 evakuiert wurde. Die Familie fand Zuflucht in Pettstadt bei Bamberg, das Elternhaus wurde zu 60 Prozent zerstört und nach Kriegsende wieder aufgebaut.
Die Söhne wurden streng katholisch erzogen und kamen auf Empfehlung des Pachtener Pfarrers ins Bischöfliche Konvikt nach Prüm in der Eifel. Für den neunjährigen Oskar war das ein Schock; ein Jahr vor dem Abitur flog er vom Konvikt, weil er mit Kameraden Bier getrunken hatte. 1962 folgte das Abitur, dann das Physikstudium in Bonn und Saarbrücken. Das Bischöfliche Konvikt, das Abitur und das 1969 abgeschlossene Studium stehen in der Biografie des Hauses der Geschichte zu Lafontaine.
Seine politische Prägung führt Lafontaine selbst auf diese Jahre zurück. Er sei in einer Straße aufgewachsen, in der die Hüttenarbeiter gewohnt hätten, sagte er 2023 der Nachrichtenagentur dpa: „Meine Mutter war Kriegerwitwe.“ Er erinnere sich gut an ältere Frauen, die bei seiner Mutter am Tisch gesessen und geweint hätten, weil die Rente nicht reichte. Auf die Frage nach seinem Antrieb sagte er:
„Den kleinen Leuten zu helfen, das ist eine Prägung aus der Kindheit heraus. Ich glaube, das kann man nicht lernen.“
Vom Rathaus in die Staatskanzlei
1966 trat Lafontaine in die SPD ein. 1970 bis 1975 saß er im Saarländischen Landtag, 1974 bis 1976 war er Bürgermeister von Saarbrücken, von 1976 bis 1985 Oberbürgermeister der Landeshauptstadt. In seine Amtszeit fallen die Umgestaltung des St. Johanner Marktes zur Fußgängerzone und die Etablierung des Max-Ophüls-Festivals. 1977 übernahm er den Landesvorsitz der Saar-SPD, den er bis 1996 behielt.
Bundesweit profilierte er sich als Gegner des NATO-Doppelbeschlusses. Am 1. September 1983 beteiligte er sich an einer dreitägigen Sitzblockade vor dem US-Militärdepot auf der Mutlanger Heide. Ein Stern-Interview von 1982, in dem er sagte, mit den von Kanzler Helmut Schmidt gelobten Sekundärtugenden könne man „auch ein KZ betreiben“, trug ihm die lebenslange Abneigung Schmidts ein.
Am 9. April 1985 wurde Lafontaine mit einem SPD-Ergebnis von 49,2 Prozent zum ersten sozialdemokratischen Ministerpräsidenten des Saarlandes gewählt; 1990 und 1994 errang die SPD absolute Mehrheiten. In seine Zeit fallen die Rettung der saarländischen Stahlindustrie, die Klage gegen den Länderfinanzausgleich und eine Sanierungsvereinbarung, die dem hochverschuldeten Land nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1992 zeitweise rund 6,9 Milliarden Euro einbrachte. 1992 war er Bundesratspräsident.
SPD-Ergebnisse mit Lafontaine an der Spitze
Landtagswahlen im Saarland und Bundestagswahl 1990
Attentat, Niederlage, Rücktritt
Am 25. April 1990 wurde Lafontaine bei einem Wahlkampfauftritt in Köln-Mülheim von einer psychisch kranken Frau mit einem Messer lebensgefährlich am Hals verletzt. Er erholte sich rasch; das Attentat habe seine Einstellung zum Leben verändert, sagte er später. Im Dezember 1990 verlor er als SPD-Kanzlerkandidat die erste gesamtdeutsche Bundestagswahl gegen Helmut Kohl – die SPD kam auf 33,5 Prozent, ihr schlechtestes Ergebnis seit 1957.
1995 setzte er sich in einer Kampfabstimmung gegen Rudolf Scharping durch und wurde SPD-Bundesvorsitzender. Nach dem Wahlsieg 1998 übernahm er am 27. Oktober das Bundesfinanzministerium im Kabinett Schröder – und legte am 11. März 1999 überraschend alle Ämter nieder, mit Verweis auf das „schlechte Mannschaftsspiel“ der Regierung. Sein langjähriger Weggefährte Reinhard Klimmt sagte zehn Jahre später, es sei „keine irgendwie politisch fundierte Aktion“ gewesen.
Schon 1992/93 hatte ihn die Pensionsaffäre belastet: Er bezog zusätzlich zu seinen Bezügen als Ministerpräsident Ruhegeld für seine Zeit als Saarbrücker Oberbürgermeister, sprach von einem „technischen Fehler“ und zahlte 1993 rund 228.000 DM zurück. Die „Rotlicht-Affäre“ von 1993 beschädigte seinen Ruf zusätzlich; die Kritik an den Medien beantwortete er mit dem Begriff „Schweinejournalismus“. Für seinen Bruch mit der SPD fand der Schriftsteller und Nobelpreisträger Günter Grass drastische Worte:
„Es gab in der Geschichte der sozialdemokratischen Partei keinen schmierigeren Verrat, wie den von Oskar Lafontaine an seinen Genossen.“
2005 verließ Lafontaine die SPD, beteiligte sich an der WASG und ging mit der PDS das Wahlbündnis „Die Linke.“ ein. Von 2005 bis 2009 teilte er sich mit Gregor Gysi den Fraktionsvorsitz im Bundestag, von 2007 bis 2010 war er neben Lothar Bisky Parteivorsitzender. 2009 erkrankte er an Prostatakrebs und zog sich aus gesundheitlichen Gründen aus der Bundespolitik zurück. Am 17. März 2022 erklärte er seinen Austritt aus der Linkspartei: „Die heutige Linke hat diesen Anspruch aufgegeben.“ Anfang 2024 trat er dem Bündnis Sahra Wagenknecht bei.
Mit 83 weiter laut
Auch im Jahr seines 83. Geburtstags ist Lafontaine publizistisch aktiv. Am 4. September 2026 erschien ein weiterer Gastbeitrag auf den NachDenkSeiten, überschrieben „Der Weltfrieden verlangt die Eindämmung der USA – Es bleibt nicht mehr viel Zeit“. Darin wirft er der Bundesregierung vor, Kriege zu befeuern: Die Ukraine erhalte Waffen und Milliarden Euro, Israel deutsche Waffen, Deutschland sei über die Lieferungen auch am Krieg gegen den Iran beteiligt. Bundeskanzler Friedrich Merz wirft er den Satz vor, Israel mache „für uns die Drecksarbeit“.
Weitere Gastbeiträge dort behandelten im Juli 2026 die Leihmutterschaft in der CDU und die Frage, ob Alice Weidel die deutsche Giorgia Meloni sei. Größte Reichweite erzielte Ende August ein Podcast-Auftritt: Das Format „„ungeskriptet“ by Ben“ veröffentlichte am 22. August 2026 ein rund dreistündiges Interview mit Lafontaine, das mehr als 1,8 Millionen Abrufe erreichte. Darin warnt er vor dem „unendlich dummen Geschwätz der Politiker und Journalisten in Berlin“, das zeige, „dass sie nicht wissen, was eine Atomwaffe ist“.
Ein Amt hat Lafontaine nicht mehr, auch kein Mandat. Das BSW seiner Frau Sahra Wagenknecht steckt im September 2026 in einer schweren Krise; in Thüringen zerfiel die Landtagsfraktion. Lafontaine selbst bleibt bei seiner Linie: „Ich bleibe immer politisch. Geht gar nicht anders.“
Was vom 83. Geburtstag bleibt
Ein großer Bahnhof ist zum 83. Geburtstag nicht zu erwarten. Schon zum 80. hatte Lafontaine nur rund 30 Gäste eingeladen, weil er mit allen persönlich reden wollte. Eine öffentliche Würdigung, eine Feier oder Glückwünsche aus BSW, SPD oder von Weggefährten sind für den 16. September 2026 nicht dokumentiert; der Anlass ist bislang nur über Geburtstagskalender und die gesicherte Biografie belegt.
Stationen eines politischen Lebens
- 16. September 1943Geburt in Saarlautern-Roden
Lafontaine kommt als Zwillingskind zur Welt, sein Bruder Hans eine Viertelstunde früher.
- 9. April 1985Ministerpräsident des Saarlandes
Mit 49,2 Prozent für die SPD wird er erster sozialdemokratischer Regierungschef des Landes.
- 25. April 1990Messerattentat in Köln-Mülheim
Bei einem Wahlkampfauftritt wird er lebensgefährlich am Hals verletzt.
- 11. März 1999Rücktritt von allen Ämtern
Er gibt SPD-Vorsitz, Finanzministerium und Bundestagsmandat auf.
- 17. März 2022Austritt aus der Linkspartei
In Saarbrücken erklärt er das Ende seiner politischen Karriere.
- 16. Juni 2025Tod des Zwillingsbruders
Hans Lafontaine, Rechtsanwalt in Saarbrücken, stirbt.
- 16. September 202683. Geburtstag
Lafontaine ist weiter als Gastautor und Redner aktiv.
Seit dem 22. Dezember 2014 ist er mit Sahra Wagenknecht verheiratet, das Paar lebt in Merzig. Aus früheren Ehen stammen die Söhne Frederic und Carl-Maurice, Lafontaine hat drei Enkelkinder. Sein Zwillingsbruder Hans, Rechtsanwalt in Saarbrücken, starb am 16. Juni 2025 – es ist das erste Geburtstagsjahr ohne ihn. Mit 80 erzählte er, er halte sich mit Fahrradtouren fit und sammele seit Jahrzehnten Pilze, „richtig mit Körbchen“. Ob Lafontaine auch in seinem 84. Lebensjahr so laut bleibt – und ob er dem BSW damit nützt oder schadet –, ist die offene Frage des Herbstes.
