Rund 14,5 Millionen Italiener zahlen 2027 keine Kfz-Steuer mehr – doch den Regionen, denen dadurch Milliarden fehlen, ist der Ausgleich aus Rom zu klein. Ein Verteilungsstreit überschattet die Entlastung, die Ministerpräsidentin Giorgia Meloni als Befreiungsschlag verkauft.
Am Mittwoch, dem 16. September 2026, verabschiedete der italienische Ministerrat ein Dekret, das den Bollo Auto für 2027 aussetzt. Anlass sind die stark gestiegenen Spritpreise: Benzin kostet derzeit 2,13 Euro je Liter, Diesel 2,24 Euro. Das Dekret verlängert zudem den Accise-Rabatt auf Diesel bis zum 5. Oktober, der staatliche Abschlag sinkt auf 12,2 Cent.
Ob solche Entlastungen ankommen, ist umstritten – beim auslaufenden deutschen Tankrabatt spüren 81 Prozent keine Entlastung.
Bis 80 Kilowatt – ein Fahrzeug pro Steuerzahler
Befreit sind Pkw mit bis zu 80 Kilowatt Leistung, umgerechnet rund 108 bis 110 PS. Motorräder und Motorroller sind unabhängig vom Hubraum befreit. Nach Angaben der Regierung betrifft das etwa 14,5 Millionen Fahrzeuge – mehr als 70 Prozent aller in Italien zugelassenen Autos und alle Motorräder, wie Zeit-Bericht über die Befreiung ausweist.
Die Regel gilt für Benziner, Diesel und Hybride, aber ausschließlich für natürliche Personen. Firmenwagen und Fahrzeuge, die auf eine Partita IVA oder eine Gesellschaft zugelassen sind, bleiben ausgeschlossen.
Erfasst sind Steuerzahlungen, deren ordentlicher Fälligkeitstermin zwischen dem 1. Januar und dem 31. Dezember 2027 liegt. Diese Zeitspanne bestätigte bereits der Dekretsentwurf, über den der Reuters-Bericht zum Steuererlass für die meisten Autos vor der Kabinettssitzung berichtete.
Jeder Steuerpflichtige kann die Vergünstigung nur für ein einziges, regulär versichertes Fahrzeug nutzen. Bei mehreren förderfähigen Autos greift sie automatisch für das mit der geringsten Leistung in kW; bei gleicher Leistung für das, das ohne die Vergünstigung höher besteuert würde. Wer Auto und Roller besitzt, erhält die Entlastung für den Pkw – beides lässt sich nicht kombinieren.
Regionen fürchten um die Gesundheitsausgaben
Die Einnahmen aus dem Bollo stehen regulär den Regionen zu. Nach Angaben von Wirtschaftsverbänden bringt die Abgabe jährlich mehr als sieben Milliarden Euro. Das Dekret sieht einen Transfer von rund 2.293,5 Millionen Euro an die Regionen vor, bei geschätzten Gesamtkosten der Maßnahme von rund 2,362 Milliarden Euro.
Bollo Auto: Einnahmen und Ausgleich 2027
Was die Kfz-Steuer einbringt und was der Ausfall die Regierung kostet
Diesen Ausgleich halten die Regionen für zu niedrig. Der Präsident der Emilia-Romagna, Michele de Pascale, reagierte mit der Frage „E i soldi per la sanità?“ – „Und das Geld für das Gesundheitssystem?“ Das Mitte-rechts-Lager spricht dagegen von einem gehaltenen Versprechen, einem „Promessa mantenuta“.
Der Ökonom Tito Boeri bezifferte die Kosten in der Sendung „Otto e Mezzo“ auf La7 mit etwa 2,3 Milliarden Euro und warnte vor dem Risiko neuer Belastungen. Das „Corriere“ rechnete vor, dass eine vollständige Abschaffung des Bollo zwischen 6,5 und 7 Milliarden Euro wert sei. Regierungsquellen verweisen darauf, dass zur Finanzierung „economie“, also Einsparungen, genutzt würden.
Wahljahr 2027: Geschenk oder Dauerlösung?
Die linke Opposition sieht in der auf 2027 befristeten Regelung eine „mancia elettorale“, ein Wahlgeschenk: In Italien wird aller Voraussicht nach 2027 ein neues Parlament gewählt. Melonis Koalition hält dagegen, sie wolle die Legislaturperiode abschließen.
„Heute streicht die Regierung eine der von den Italienern am meisten gehassten Steuern.“
Meloni nannte den Bollo eine der meistgehassten Steuern des Landes und sagte, man habe eine „misura strutturale“ gewählt – eine strukturelle Maßnahme. Ab dem 5. Oktober greife das System der beweglichen Verbrauchsteuern. Ihre Koalition verweist auf ihre Stabilität – Melonis Rekord von 1413 Tagen im Amt untermauert diesen Anspruch.
Von der Idee zum Dekret
Aus den Reihen der Regierungsmehrheit meldete sich Roberto Occhiuto zu Wort, Präsident der Region Kalabrien und stellvertretender nationaler Sekretär von Forza Italia. Er habe am 13. Juni in einem Interview mit „Il Messaggero“ als Erster eine solche „Maßnahme mit Flaggencharakter“ lanciert und die Abschaffung des Bollo auf nationaler Ebene vorgeschlagen.
Der Europaabgeordnete Pasquale Tridico vom Movimento 5 Stelle erinnerte daran, dass Meloni ihn, als er die Abschaffung des Bollo für Mittelklassewagen vorgeschlagen hatte, als „Cetto La Qualunque“ verhöhnt habe. „In politica vale tutto e il suo contrario“ – in der Politik gelte alles und sein Gegenteil.
Vom Vorstoß zum Steuererlass
- 13. Juni 2026Occhiuto fordert die Abschaffung des Bollo
Kalabriens Regionalpräsident schlägt in einem Interview mit „Il Messaggero“ vor, die Kfz-Steuer landesweit zu streichen.
- 16. September 2026Der Ministerrat verabschiedet das Dekret
Die Regierung Meloni setzt den Bollo Auto für 2027 aus und verlängert den Accise-Rabatt auf Diesel.
- 5. Oktober 2026Der Diesel-Rabatt läuft aus
Statt des festen Abschlags von 12,2 Cent soll das System der beweglichen Verbrauchsteuern greifen.
- 1. Januar 2027Die Befreiung greift
Erfasst sind alle Steuerzahlungen, die 2027 fällig werden.
- 31. Dezember 2027Ende des Befreiungszeitraums
Für 2028 gibt es bislang keine Regelung.
- 2027Parlamentswahl in Italien
Voraussichtlich wird ein neues Parlament gewählt – die Opposition spricht deshalb von einem Wahlgeschenk.
Was 2028 passiert, ist offen
Klarstellend wurde mehrfach betont, dass es sich rechtlich nicht um eine dauerhafte Abschaffung handelt. Vorgesehen ist eine Befreiung für bestimmte Fahrzeuge im Jahr 2027; für 2028 gibt es bislang keine Regelung.
Entscheidend ist nicht das Modell, sondern die im Feld P.2 der Zulassungsbescheinigung eingetragene Leistung der konkreten Motorisierung. Betroffen sind laut Berichten viele Versionen von Fiat Panda, VW Polo, Dacia Spring, Renault Clio und Sandero, Toyota Yaris, Fiat 500 und Peugeot 208. Sportliche Versionen, GTI-Modelle und Premium-SUV liegen häufig über der Grenze.
Die bisherigen Steuersätze unterscheiden sich regional erheblich: In der Region Rom werden je nach Fahrzeugklasse jährlich zwischen 3,30 und 4,95 Euro pro Kilowatt fällig, in der Toskana zwischen 2,71 und 5,45 Euro. Für Fahrzeuge der Abgasnormen Euro 4 bis Euro 6 gilt vielerorts ein Basissatz von 2,58 Euro pro Kilowatt bis 100 kW, der 2027 vollständig entfallen kann.
Offen bleibt, wie die Regionen dauerhaft kompensiert werden – und ob die Befreiung über 2027 hinaus verlängert wird. Ob sie „strukturell“ werde, werde sich später zeigen, sagte Meloni. Für stärkere Fahrzeuge sowie Zweit- und Drittwagen bleibt die Steuer dagegen voll bestehen.
