Am helllichten Tag ist am Donnerstag ein Brandanschlag auf die Synagoge der Jüdischen Kultusgemeinde Wuppertal verübt worden. Nach Polizeiangaben verschüttete der Tatverdächtige gegen 14 Uhr eine brennbare Flüssigkeit auf den Treppenstufen vor der Bergischen Synagoge im Stadtteil Barmen und setzte sie in Brand. Verletzt wurde niemand, der Sachschaden blieb nach Polizeiangaben gering.
Wie genau der Täter vorging, schildern die Berichte unterschiedlich. Nach Darstellung der Jüdischen Allgemeinen warf er mehrere mit brennbarer Flüssigkeit gefüllte Beutel gegen einen Nebeneingang des Gotteshauses; nach SPIEGEL-Informationen verteilte er die Flüssigkeit auf den Stufen eines Cafés im Erdgeschoss des jüdischen Gemeindezentrums. Mitarbeiter und Angehörige der Synagoge löschten das Feuer nach Informationen der Jüdischen Allgemeinen innerhalb weniger Minuten.
Der Mann flüchtete zunächst vom Tatort. Die Polizei nahm ihn aber noch am Donnerstag in unmittelbarer Tatortnähe fest. Die Kriminalpolizei übernahm die Ermittlungen, später der Staatsschutz; die Spurensicherung war am Tatort im Einsatz. Ein Polizeisprecher bestätigte den Vorfall.
Der Verdächtige und ein offenes Motiv
Beim Tatverdächtigen handelt es sich nach Polizeiangaben um einen 37-jährigen Mann mit afghanischer Staatsangehörigkeit. Er ist polizeibekannt, nach SPIEGEL-Informationen wegen kleinerer Delikte. Ersten Erkenntnissen zufolge handelte er allein. Das Motiv ist bislang offen; Näheres zu seiner Person und seinem Aufenthaltsstatus ist nicht bekannt.
Die Polizei Wuppertal teilte mit, sich zu Identität und Person des Verdächtigen erst äußern zu wollen, wenn die Spurensicherung abgeschlossen ist. Nach Informationen des SPIEGEL über die Festnahme in Tatortnähe soll der Mann auch einen Beutel mit Urin bei sich getragen haben.
Die Synagoge wird praktisch rund um die Uhr von Polizeibeamten bewacht – möglicherweise konnte der Verdächtige deshalb so schnell ausgemacht werden. Als Sicherungsmaßnahme im Zusammenhang mit dem Anschlag galt am Donnerstag auch am Barmer Rathaus erhöhte Polizeipräsenz. In Frankfurt detonierten am selben Tag zwei Explosionen an der Berger Straße, die Fälle vier und fünf einer Serie.
Drei Tage vor Jom Kippur
Zentralratspräsident Josef Schuster machte den Zeitpunkt der Tat zum Kern seiner Reaktion: In drei Tagen beginnt mit Jom Kippur der höchste jüdische Feiertag, er dauert 2026 von Sonntagabend, dem 20. September, bis zum Einbruch der Dunkelheit am 21. September. Der Anschlag sei bewusst in die Zeit der jüdischen Hohen Feiertage gelegt worden, erklärte Schuster.
„Erneut ist es in der Zeit der jüdischen Hohen Feiertage zu einem Anschlag auf eine Synagoge gekommen. Was mich zutiefst verstört, ist die Seelenruhe, mit welcher der Täter in Wuppertal diesen Anschlag am helllichten Tag durchgeführt hat. Von Unrechtsbewusstsein oder Scham fehlt jede Spur. Dieses Vorgehen bezeugt die fortschreitende Normalisierung des Judenhasses, auf die unsere Gesellschaft bisher keine Antwort gefunden hat.“
Schuster zog daraus eine klare Erwartung an den Staat: Alle Synagogen würden voll sein, die Sicherheitsbehörden seien in der Pflicht, die Sicherheit der Gottesdienste zu gewährleisten. Zugleich machte er deutlich, dass sich die Gemeinde nicht zurückziehen wird: „Wir wollen und werden uns nicht davon abhalten lassen, unsere Religion zu leben.“
Schuster ordnete die Tat in eine Reihe einschlägiger Anschläge ein: Der Zeitpunkt erinnere an Chanukka 2025 in Sydney, Jom Kippur 2025 in Manchester und an den Anschlag in Halle 2019. „Es bleibt das Muster antisemitischer Gewalt, Feiertage auszuwählen, um Angst zu verbreiten und jüdisches Leben immer weiter aus der Öffentlichkeit zu verdrängen“, sagte er. Der Deutschlandfunk wies ebenfalls darauf hin, dass es an solchen Tagen weltweit wiederholt Anschläge auf Synagogen gegeben habe.
Reaktionen aus Kirche, Politik und Lokalpolitik
Der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Thorsten Latzel, nannte es „unsäglich, dass mitten unter uns antisemitische Gewalt und Anschläge stattfinden“. Er bete in diesen Stunden für alle Jüdinnen und Juden in Wuppertal und in ganz Deutschland und könne nur erahnen, wie bedrohlich sich die gegen sie gerichtete Gewalt anfühlen müsse.
Die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland erklärte, wer jüdisches Leben angreife, greife die Demokratie an. Jüdinnen und Juden müssten in Deutschland sicher leben und ihren Glauben sichtbar ausüben können – ohne Angst und ohne sich bedroht zu fühlen. Die Solinger CDU reagierte bestürzt: Sie sei noch am Mittwoch bei der Jüdischen Kultusgemeinde zu Gast gewesen und habe dort einen „friedlichen, herzlichen Abend“ erlebt.
Der Wuppertaler SPD-Bundestagsabgeordnete Helge Lindh sagte am Tatort: „Man kann nicht völlig überrascht sein, weil wir eine Menge von antisemitischen Taten haben in ganz Deutschland. Aber dass es hier in Wuppertal passiert und wieder passiert, das macht mich sprachlos. Und auch wirklich wütend und fassungslos.“
Wieder Wuppertal: das Muster seit 2014
Am Donnerstagabend versammelten sich rund 30 Menschen – darunter Vertreter vieler Parteien und Glaubensrichtungen – zu einer spontanen Mahnwache am Tatort vor der Neuen Synagoge in Wuppertal-Barmen, unter ihnen die Wuppertaler SPD-Politikerin Dilek Engin und der Bundestagsabgeordnete Helge Lindh. Wie der WDR über die Mahnwache am Tatort berichtet, prägten Schock, Entsetzen und Anteilnahme die Botschaften an die Gemeinde. Weitere Aktionen waren für Freitagvormittag in Barmen geplant.
Die 95-jährige Ruth Yael Tutzinger, Ehrenvorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Wuppertal, sagte im WDR-Interview unter Tränen, bei ihr meldeten sich „die Bilder von damals“. Sie sei, als der Zweite Weltkrieg zu Ende war, 13 Jahre alt gewesen und habe gewusst, was Sache sei. Sie berichtete von wachsendem Hass auf Juden und von Holocaust-Überlebenden, die Morddrohungen erhalten.
Die Gemeinde ist „wieder“ betroffen: Schon im Juli 2014 war die Bergische Synagoge Ziel eines Brandanschlags. Die Jüdische Allgemeine verzeichnet zudem einen deutlichen Anstieg antisemitischer Vorfälle in Nordrhein-Westfalen: RIAS NRW dokumentierte für 2025 insgesamt 1102 Vorfälle, ein Plus von 17 Prozent gegenüber 940 Fällen im Jahr zuvor.
Anschläge auf jüdisches Leben: die Vorgeschichte
- Juli 2014Brandanschlag auf die Bergische Synagoge
Drei Palästinenser werfen nach Angaben der Jüdischen Allgemeinen sechs Molotowcocktails auf das Gebäude in Wuppertal; der Schaden bleibt gering.
- 2015Bewährungsstrafen ohne erkanntes antisemitisches Motiv
Das Amtsgericht Wuppertal verurteilt die Täter des Anschlags von 2014 zu Bewährungsstrafen und erkennt kein antisemitisches Motiv – das Urteil wird scharf kritisiert.
- 2019Anschlag in Halle
Zentralratspräsident Schuster nennt Halle 2019 als eine der Taten, die dem Muster antisemitischer Gewalt folgen.
- 2025Anschläge in Sydney und Manchester
Schuster erinnert an die Anschläge von Chanukka 2025 in Sydney und Jom Kippur 2025 in Manchester.
- 17. September 2026Brandanschlag in Wuppertal-Barmen
Gegen 14 Uhr wird an einem Nebeneingang der Synagoge brennbares Material entzündet; das Feuer ist schnell gelöscht. Die Polizei nimmt einen 37-jährigen Afghanen in Tatortnähe fest, der Staatsschutz ermittelt.
- 20./21. September 2026Jom Kippur
Der höchste jüdische Feiertag beginnt am Sonntagabend; Schuster fordert Schutz für die dann vollen Synagogen.
Offen bleibt, welches Motiv der 37-Jährige verfolgte. Die Polizei will sich zu seiner Person erst äußern, wenn die Spurensicherung abgeschlossen ist. Bis dahin richtet sich der Blick auf Jom Kippur am 20. und 21. September – und auf die Frage, ob die Sicherheitsbehörden den Schutz der dann vollen Synagogen gewährleisten können.
