Am 8. Juli 2003 trat Michel Friedman in Frankfurt vor die Kameras, legte alle öffentlichen Ämter nieder und entschuldigte sich – ausdrücklich bei seiner Lebensgefährtin Bärbel Schäfer. Zuvor waren bei Durchsuchungen seiner Kanzlei und Wohnung Kokainspuren gefunden worden, eine Haarprobe fiel positiv aus.
31 Jahre nach der ersten Folge ihrer RTL-Talkshow rückt genau dieser Auftritt wieder in den Mittelpunkt. Zum Jubiläum der am 4. September 1995 gestarteten Sendung beantwortet Bärbel Schäfers Weg nach dem Talkshow-Aus die Frage nach dem „berühmten Mann an ihrer Seite“ – es ist Friedman, der sie einst öffentlich um Verzeihung bat.
Ihre Show war Teil des Daily-Talk-Booms der Neunziger: RTL holte im September 1992 mit „Hans Meiser“ die erste Talkshow ins Nachmittagsprogramm, es folgte der Talk mit Ilona Christen. 1995 kam Schäfer dazu – „deutlich jünger, frecher und provokativer“ als ihre Vorgänger, wie das Porträt sie beschreibt.
Von der ersten Talkshow zur Ehe mit Friedman
- September 1992RTL startet den Nachmittags-Talk
Mit „Hans Meiser“ beginnt der Daily-Talk-Boom, dem der Talk mit Ilona Christen folgt.
- 4. September 1995Erste Folge „Bärbel Schäfer“
Die damals 32-jährige Bremerin bekommt nach wenigen Folgen die Goldene Kamera.
- 1998Tod des Lebensgefährten
Kay-Uwe Degenhardt stirbt bei einem Autounfall.
- 30. August 2002Absetzung nach rund 1.500 Folgen
Schäfer begründet das Aus mit dem Wunsch nach neuen Herausforderungen.
- 8. Juli 2003Strafbefehl und öffentliche Entschuldigung
Friedman legt alle Ämter nieder und bittet seine Lebensgefährtin um Verzeihung.
- Sommer 2004Hochzeit in New York
Die Trauung findet nach jüdischem Ritus in der Park East Synagogue statt.
- 4. September 2026Porträt zum 31. Jahrestag
Der Artikel zeichnet Schäfers Weg nach dem Talkshow-Aus nach.
Ein Fehler, eine Haarprobe, 17.400 Euro
Friedmans Name war im Zuge der Ermittlungen gegen einen polnisch-ukrainischen Menschenhändlerring ins Visier der Berliner Staatsanwaltschaft geraten. Zu prüfen waren Kokainkonsum und Kontakte zu zwangsprostituierten Frauen; die Vorwürfe richteten sich gegen ihn, eine Verurteilung gab es zu diesem Zeitpunkt nicht.
Am 11. Juni 2003 wurde bekannt, dass bei Durchsuchungen seiner Kanzlei und Wohnung „szenetypische Päckchen“ gefunden worden waren. Am 27. Juni 2003 ging Schäfer in der „Bild“ auf Distanz – sie müsse mit dem Fall „erst einmal fertig werden“. Die Chronik der Affäre bei manager magazin listet auf, wie schnell aus den Vorwürfen ein öffentlicher Fall wurde.
Am 8. Juli 2003 akzeptierte Friedman einen Strafbefehl wegen Kokainbesitzes: 150 Tagessätze zu je 116 Euro, zusammen 17.400 Euro. Mit der Annahme des Strafbefehls galt er als vorbestraft und legte alle öffentlichen Ämter nieder.
Vor den Medien sagte der damals 47-Jährige: „Ich habe einen Fehler gemacht.“ Und er bat um Entschuldigung und eine zweite Chance – ausdrücklich gerichtet an die Frau, mit der er zusammenlebte. Sie habe „von all dem so erfahren wie die Öffentlichkeit“, sagte er.
„Bärbel Schäfer, die Frau, die ich von tiefem Herzen liebe und mit der ich meine Zukunft gestalten will und die von all dem so erfahren hat wie die Öffentlichkeit: Bei ihr möchte ich mich persönlich – auch in aller Öffentlichkeit – ausdrücklich entschuldigen.“
Der Präsident des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel, wertete Friedmans Rücktritt als „verantwortungsvolles Handeln“ und sprach von einer „menschlichen Tragödie“.
Eine Woche später: die zweite Chance
Am 16. Juli 2003 machte Bärbel Schäfer öffentlich, dass sie ihm verzeiht: „Für mich ist jetzt klar, dass ich Michel selbstverständlich eine zweite Chance gebe“, sagte sie der „Bunten“. Das Paar habe „ausführliche und intensive Diskussionen“ geführt.
„Wir haben uns bis an die Grenze des Erträglichen ausgesprochen“, sagte sie. Sie habe nichts von dem Kokainkonsum und den Prostituiertenkontakten gewusst, betonte sie, und verachte Drogen: „Michel ist auch nicht drogenabhängig, sondern er hat Fehler gemacht.“
Über ihren Partner sagte sie damals: „Es gibt wenige Männer, die so neugierig, so motivierend, so intelligent, so kreativ und so sensibel sind.“ Ihre Begründung: „Liebe ist doch das Wichtigste im Leben. Dafür lohnt es sich auch zu kämpfen.“
Im Sommer 2004 heirateten die beiden. Die Trauung fand nach jüdischem Ritus in der Park East Synagogue in New York statt, dem Gotteshaus einer orthodoxen jüdischen Gemeinde; Schäfer war zuvor zum Judentum konvertiert. Das Paar hat zwei Söhne und Wohnsitze in Frankfurt-Westend, Paris und Cannes.
1.500 Folgen, dann war Schluss
Als die erste Folge von „Bärbel Schäfer“ am 4. September 1995 lief, war die gebürtige Bremerin 32 Jahre alt – geboren 1963. Nach nur wenigen Folgen bekam sie die Goldene Kamera. Insgesamt führte sie 1.500 Mal durch ihre Sendung, bis RTL sie am 30. August 2002 absetzte.
Ihr Aus begründete sie damals so: „Ich habe sieben Jahre lang mit viel Neugier und Spaß unter deutsche Dächer geschaut. Jetzt suche ich nach neuen Herausforderungen und möchte mich deswegen von meiner Aufgabe lösen, solange es noch läuft.“
Dem Fernsehen blieb sie treu – mit Formaten wie „Wellness TV“ im Ersten und „Ein roter Teppich für …“ im WDR. Heute ist sie vor allem im Radio präsent: Bei hr3 moderiert sie den wöchentlichen „Sonntagstalk“, sonntags von 10 bis 12 Uhr live, nach Angaben des Senders seit 2009.
Dazu kamen „Talk ohne Show“ (ab 2007 bei N24), der Podcast „Ausgesprochen: Fröhlich mit Schäfer“ mit Susanne Fröhlich und 2024 die Neuauflage der SAT.1-Doku-Reihe „Notruf“. Als Buchautorin veröffentlichte sie „Avas Geheimnis“ (2022) über Einsamkeit und 2023 „Eine Herde Schafe, ein Paar Gummistiefel und ein anderer Blick aufs Leben“.
Von der Daily-Talk-Ära der Neunziger ist bei RTL wenig geblieben; über den heutigen Sparkurs des Senders rechnen ehemalige Gesichter wie Birgit Schrowanges Abrechnung mit den RTL-Sparmaßnahmen ab.
Zwei tödliche Unfälle, zwei Identifizierungen
Privat musste Schäfer Schicksalsschläge verkraften. Nur drei Jahre nach dem Start ihrer Talkshow, 1998, starb ihr damaliger Lebensgefährte Kay-Uwe Degenhardt bei einem Autounfall. Rund 15 Jahre später verunglückte auch ihr Bruder tödlich beim Autofahren.
2019 sagte sie der „Bunten“: „Ich stand zweimal an der Leitplanke und musste Menschen identifizieren. Am Anfang ist es ein Schock, aber du denkst trotzdem, er kommt irgendwann wieder um die Ecke und alles wird gut. Aber es wird nichts wieder gut.“
In ihrem Buch schrieb sie später: „Ich bin jetzt die verwaiste Schwester meines bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückten einzigen Bruders. Ich war die Freundin meines ebenfalls tödlich verunglückten Lebenspartners. Auch ein Autounfall.“ Aufgefangen in der Trauerphase wurde sie nach eigener Darstellung von Michel Friedman.
Der traurige Mann an ihrer Seite
Mehr als 20 Jahre nach der Affäre sind Schäfer und Friedman noch zusammen. Friedman blickt selbstkritisch zurück: Er sei damals „allein, einsam, depressiv“ gewesen, sagte er dem „Zeit“-Magazin – sogar Selbstmordgedanken hätten ihn gequält.
„Meine Lebenskrise rechtfertigt und entschuldigt nicht mein Fehlverhalten [...] es war falsch, es bleibt falsch. Ein Fehler, den ich mir bis heute nicht verzeihe“, sagte er.
Am 25. Februar 2026 wurde Friedman 70 Jahre alt. Der „Bild“ sagte er: „Ich bin ein eher trauriger Mensch.“ Freude finde er vor allem in der Familie, im Theater, in Büchern und im Meer.
Politisch hat er sich von der Union entfernt: Nach der Bundestagsabstimmung vom 29. Januar 2025, bei der ein migrationspolitischer Antrag der CDU/CSU nur mit AfD-Stimmen eine Mehrheit fand, trat Friedman aus der CDU aus und unterstützt seither Bündnis 90/Die Grünen.
Offen ist die Frage, die das Jubiläumsporträt neu aufwirft: Wie blickt das Publikum heute auf den Mann, der sich 2003 vor den Kameras entschuldigte – und wie auf die Frau, die ihm eine Woche später öffentlich vergab?
