Rund 32.000 heimlich gefilmte Videos vom Teufelsrad hat die Recherche der Süddeutschen Zeitung allein auf den Plattformen des Facebook-Konzerns Meta gefunden. Auf YouTube und TikTok kursieren Tausende weitere. Zu sehen sind Frauen auf dem Traditionsfahrgeschäft des Münchner Oktoberfests – gefilmt unter dem Rock, meist ohne ihr Wissen.
Exemplarisch beschreibt die Recherche eine zwölf Sekunden lange Sequenz: die Nahaufnahme eines sich drehenden Teufelsrads, in der Mitte rund ein Dutzend junger Frauen. Eine von ihnen, blonder Lockenkopf, hellblaues Dirndl, ist nach hinten weggerutscht – ihr Kleid gibt den Blick auf ihren Intimbereich frei, den nur ein dünner Slip verhüllt. Ihre Gesichter sind gut erkennbar.
Aufgespürt hat die Videos Benjamin Shultz, Doktorand für digitale Innovation an der Hochschule Neu-Ulm. Auf einem anonymen, eigens für die Recherche angelegten Account seien ihm die Clips ungefragt angezeigt worden. In einer größeren Untersuchung stieß er auf die 32.000 Teufelsrad-Videos bei Facebook – und auf Tausende weitere bei YouTube und TikTok.
„Ich hatte definitiv nicht nach diesem Inhalt gesucht.“
Wer mit den Clips Geld verdient
Nach Shultz' Analyse werben einige der Accounts mit genau diesen Inhalten für kostenpflichtige Abonnements, teils haben sie mehr als 100.000 Follower. Die meisten Accounts haben laut Shultz ihren offiziellen Sitz in asiatischen Ländern. Wer tatsächlich dahintersteckt, lässt sich seinen Angaben zufolge nicht nachvollziehen.
Schon im Juli 2026 hatte das Investigativmedium Indicator geschätzt, dass außerhalb Deutschlands ansässige Facebook-, TikTok- und YouTube-Accounts mit solchen Videos jährlich Tausende Dollar einnehmen.
Nach Kontakt von Indicator mit Meta entfernte der Konzern 18 Seiten nach seiner Richtlinie gegen sexuelle Ausbeutung Erwachsener sowie Inhalte von sieben weiteren Seiten. TikTok löschte alle sechs, YouTube alle sieben identifizierten Kanäle.
Gelöschte Seiten und Kanäle nach Hinweisen von Indicator
Juli 2026; Meta entfernte zusätzlich Inhalte von sieben weiteren Seiten
Meta nennt die Videos einen Regelverstoß
Meta teilte auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung mit, die Videos verstießen gegen die Community-Standards sowie gegen die Regeln für Nacktheit und sexuelle Aktivitäten. Man entferne diese Inhalte, egal ob KI-generiert oder nicht, wann immer man auf sie aufmerksam werde.
Tatsächlich aber, so die SZ, blieben zahlreiche Inhalte auch nach einer Meldung weiterhin auffindbar. Der Druck auf den Konzern ist ohnehin groß: Wegen des Vorwurfs des Suchtdesigns droht Meta die Zwölf-Milliarden-Strafe der EU-Kommission.
Die Linke will die Polizei am Teufelsrad
Am 18. September reagierte die Linke im Münchner Stadtrat mit einem Antrag gegen Upskirting am Teufelsrad an Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne). Die Polizei soll eine gezielte Ermittlungs- und Kontrollstrategie am Fahrgeschäft fahren, unter anderem mit verstärkter ziviler Präsenz. Betroffene sollen vor Ort eine niedrigschwellige Anlaufstelle finden, etwa an der Wiesn-Wache.
Der Antrag verlangt außerdem Gespräche des Oberbürgermeisters mit Meta, TikTok und YouTube über konsequentes und zügiges Löschen sowie über engere Zusammenarbeit mit deutschen Ermittlungsbehörden, eine mehrsprachige Informationskampagne zu Rechten und Anzeigemöglichkeiten und einen Bericht des Ausschusses für Arbeit und Wirtschaft nach der Wiesn 2027.
Liliana Parente, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken, sieht die Plattformen in der Mitverantwortung. „Meta sitzt doch in München“, sagte sie. „Ich erwarte mir von einem grünen Oberbürgermeister, dass er den Konflikt mit Meta und Co. nicht scheut, sondern klarmacht, dass gehandelt werden muss.“
„Wir reden immer nur darüber, wie sich Frauen schützen können“, so Parente weiter. „Wir müssen aber endlich gegen die vorgehen, die diese Straftaten begehen. Upskirting is a Crime und keine Lappalie.“
Fraktionschef Stefan Jagel sagt, die Wiesn sei eine städtische Veranstaltung, deshalb sei letztlich die Stadt für die Sicherheit von Frauen verantwortlich – nicht nur die Schausteller. „Die Schausteller*innen dürfen nicht alleine gelassen werden.“
Radlerhosen, Schilder und eine 80-Jährige
Betreiberin des Teufelsrads ist Elisabeth Polaczy (80). Sie zeigt sich sensibilisiert: „Wir sind sehr darauf bedacht, dass so was künftig nicht nochmal passiert“, sagte sie der SZ. Frauen sollten allerdings nicht auf das Fahrgeschäft steigen, wenn sie unter dem Dirndl nur Unterwäsche tragen; an alle anderen will sie weiterhin kostenlos Radlerhosen ausgeben.
Schilder am Kassenhaus weisen darauf hin, dass Videos und Fotos von anderen Personen ohne deren Erlaubnis verboten sind. Polaczy räumt ein, die Regel sei kaum zu überprüfen: „Da gehen jeden Tag so viele Menschen rein und raus, da kann man sich nicht jeden einzeln merken.“ Ein generelles Filmverbot hält sie für keine Option, weil man Freunde und Familie der Mitfahrenden kaum davon abhalten könne.
Wiesn-Chef Christian Scharpf (SPD), Referent für Arbeit und Wirtschaft der Stadt München, verurteilt das Vorgehen. Zugleich betont er, das Teufelsrad gehöre zu den Wiesn-Klassikern und sei ein charmantes Fahrgeschäft.
„Die Neigung von manchen Zeitgenossen, Frauen mit dem Handy unter die Röcke zu filmen und das dann auf Social Media zu posten, geht gar nicht, das ist eine Sauerei.“
Strafbar seit 2021 – angeklagt wurde niemand
Nach Paragraf 184k Strafgesetzbuch sind unbefugte Aufnahmen von Genitalien, Gesäß, weiblicher Brust oder der diese Körperteile bedeckenden Unterwäsche strafbar, wenn diese Bereiche vor Blicken geschützt sind. Auch das Verwenden und Weitergeben kann strafbar sein. Es drohen Geldstrafe oder bis zu zwei Jahre Freiheitsstrafe. Die Tat ist seit 2021 strafbar.
Die praktische Verfolgung ist bislang zäh. Wie die SZ bereits 2025 berichtete, gab es bei der Staatsanwaltschaft München kein laufendes Verfahren mehr zum Upskirting am Teufelsrad, und in keinem der geführten Verfahren kam es zu einer Anklage. Die Behörde verwies darauf, auf Hinweise aus der Bevölkerung und Strafanzeigen der Geschädigten angewiesen zu sein.
Upskirting am Teufelsrad: die Vorgeschichte
- 2021Upskirting wird Straftatbestand
Paragraf 184k StGB stellt unbefugte Aufnahmen unter den Rock unter Strafe.
- 2024Erste Videos vom Teufelsrad tauchen auf
Clips wie „Umwerfende, heiße Mädchen im Teufelsrad“ erzielen auf YouTube teils Millionen Klicks. Die Betreiber stellen Anzeigen, YouTube sperrt einen Account.
- 3. September 2025Kein laufendes Verfahren mehr
Die SZ berichtet, dass die Staatsanwaltschaft München zum Upskirting am Teufelsrad kein laufendes Verfahren mehr führt und es in keinem Verfahren zu einer Anklage kam.
- Juli 2026Hinweise auf Verdienst mit den Videos
Das Investigativmedium Indicator schätzt, dass im Ausland ansässige Accounts mit Teufelsrad-Videos jährlich Tausende Dollar einnehmen. Meta, TikTok und YouTube löschen mehrere Seiten und Kanäle.
- 17. September 2026SZ zählt 32.000 Videos bei Meta
Die Recherche findet rund 32.000 Teufelsrad-Videos bei Meta sowie Tausende weitere auf YouTube und TikTok.
- 18. September 2026Antrag der Linken und eine „Sauerei“
Die Linke im Stadtrat fordert eine Ermittlungsstrategie der Polizei; Wiesn-Chef Scharpf nennt Upskirting im Interview mit web.de eine „Sauerei“.
- 19. September 2026Das 191. Oktoberfest beginnt
Die Wiesn läuft bis zum 4. Oktober 2026 auf der Theresienwiese.
Das 191. Oktoberfest beginnt am 19. September und läuft bis zum 4. Oktober auf der Theresienwiese – eröffnet erstmals von einem Oberbürgermeister der Grünen. Ob Dominik Krause tatsächlich auf Meta, TikTok und YouTube zugeht, bis wann die Videos verschwinden und wie viele Anzeigen bis zur Wiesn 2027 zusammenkommen, ist offen. Der geforderte Bericht des Ausschusses für Arbeit und Wirtschaft ist erst nach dem Fest 2027 vorgesehen.
