Washington will offenbar Wirtschaftsabkommen mit Russland unterzeichnen, noch bevor der Krieg in der Ukraine endet. Die „New York Times“ berichtete am 17. September 2026 unter Berufung auf zwei mit den Gesprächen vertraute Personen und einen anonymen US-Beamten: Die Regierung von Präsident Donald Trump erwäge separate Abkommen mit Moskau, unabhängig davon, ob ein umfassendes Friedensabkommen zustande kommt.
Der zitierte Beamte begründet den Vorstoß damit, solche Deals würden zeigen, „dass es den USA mit einem Neustart der Beziehungen zu Russland ernst ist“. Offiziell wollte niemand den Plan kommentieren. Die Abkommen sind keine beschlossene Politik, sondern Gegenstand interner Diskussion.
Bislang galt die umgekehrte Reihenfolge: erst der Frieden, dann die Geschäfte. Nach dem Bericht könnte die Logik gedreht werden – die Deals kommen vorab und sollen der russischen Elite und anti-amerikanischen Falken im Umfeld Putins beweisen, dass Trump einen echten Neustart will. So sollen wirtschaftliche Anreize entstehen, auf ein Ende der Kämpfe hinzuwirken.
Deutsche und internationale Redaktionen griffen den Bericht auf, darunter Tagesspiegel zu Trumps Lockangebot an Putin.
Die alte Linie: erst Frieden, dann Geschäfte
Trump hatte diese Bedingung selbst gesetzt. Vor seinem Treffen mit Putin in Alaska im August 2025 sagte er, Russland wünsche Wirtschaftskooperation, es werde aber keine geben – „until we get the war settled“, bis der Krieg beigelegt ist.
Anfang September 2026 nannte Trump im Gespräch mit der „Washington Post“ gute Beziehungen zu Russland und der Ukraine „großartig fürs Geschäft“. Ein weiteres Gipfeltreffen mit Putin wollte er aber erst, wenn beide Seiten für ein Friedensabkommen bereit sind. Noch im August 2026 soll Finanzminister Scott Bessent am Rande des G20-Gipfels die alte Haltung gegenüber seinem russischen Amtskollegen vertreten haben.
Als treibende Kräfte gelten die US-Sondergesandten Steve Witkoff und Jared Kushner. Sie suchen nach Wegen, Russland für ein Ende der Kämpfe zu interessieren – nachdem klar wurde, dass die Ukraine das von Putin geforderte Gebiet nicht kampflos aufgibt.
Anfang September waren beide in Moskau – Witkoff und Kushner in Moskau gelandet – und reisten weiter nach Kiew. Kreml-Berater Juri Uschakow sagte danach, es seien „wirtschaftliche Fragen und mögliche große, für beide Seiten vorteilhafte russisch-amerikanische Projekte“ ausführlich besprochen worden. Ein Durchbruch blieb aus.
Von Alaska bis zum Sanktionspaket
- August 2025Trump macht den Frieden zur Bedingung
Vor dem Gipfel mit Putin in Alaska sagt Trump, es werde keine Wirtschaftskooperation geben, „until we get the war settled“.
- August 2026Bessent hält die alte Linie
Am Rande des G20-Gipfels soll Finanzminister Scott Bessent gegenüber Russland auf „erst Frieden, dann Geschäfte“ beharrt haben.
- 5. September 2026Witkoff und Kushner in Moskau
Die US-Unterhändler treffen Putin; Uschakow spricht von wirtschaftlichen Fragen und möglichen gemeinsamen Projekten. Ein Ergebnis gibt es nicht.
- 13. September 2026Kushner: Territorium blockiert
Kushner erklärt, der Streit um das Gebiet blockiere das Abkommen; die Vermittler müssten eine „kreative Lösung“ finden.
- 14. September 2026Zehn mögliche Projekte
Der „New Yorker“ berichtet über zehn Russland-Vorhaben, gestützt auf einen Bericht eines europäischen Geheimdienstes.
- 16. September 2026Sanktionspaket passiert den Kongress
Das Repräsentantenhaus stimmt mit 262 zu 159 Stimmen zu, der Senat hatte zuvor mit 86 zu 11 votiert.
- 17. September 2026Deals vor dem Kriegsende
Die „New York Times“ berichtet über Wirtschaftsabkommen vor Kriegsende; der Kreml nennt die Sanktionen „unfreundliche Handlungen“.
Putin verlangt das ganze Donezk-Gebiet
Zentraler Streitpunkt bleibt das Territorium. Nach Angaben der „New York Times“ hat Wladimir Putin bei den jüngsten Gesprächen erneut klargestellt, Russland wolle das gesamte Donezk-Gebiet kontrollieren – und könne es militärisch erobern.
Kushner sagte, Washington habe den Großteil eines möglichen Friedensabkommens bereits ausgearbeitet. Ziehe sich die Ukraine bis zur von Putin geforderten Linie zurück, sei der Rest weitgehend fertig. Kiew aber lehnt einen Rückzug aus eigenem Gebiet ab.
Kushner beschreibt daraus den Auftrag der Vermittler so: „Unsere Aufgabe ist es, eine kreative Lösung zu finden, die den Wünschen der Ukraine nicht widerspricht, das Ziel erreicht und Russland zugleich dazu bewegt, den Konflikt so zu beenden, dass beide Seiten weiterkommen.“ Die Ukraine verlangt Sicherheitsgarantien gegen eine Wiederaufnahme des Krieges.
Anreiz und Sanktionsdruck zugleich
Fast zeitgleich zum Lockangebot verschärft Washington den Druck. Das US-Repräsentantenhaus verabschiedete am 16. September 2026 mit 262 zu 159 Stimmen ein weitreichendes Sanktionspaket; der Senat hatte zuvor mit 86 zu 11 zugestimmt. Das Gesetz trifft russische Banken, Funktionäre sowie den Energie- und Verteidigungssektor und die sogenannte Schattenflotte.
Es erlaubt dem Präsidenten Zölle von bis zu 100 Prozent auf Abnehmer russischer Energie – potenziell China und Indien. Trump muss das Gesetz noch unterzeichnen, hat seine Zustimmung aber angedeutet. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow nannte die Sanktionen „unfreundliche Handlungen“, die die Friedensbemühungen erschweren könnten.
Innerhalb der US-Regierung gibt es keinen Konsens: Einige Beamte warnen, wirtschaftliche Anreize vor Kriegsende könnten den Druck auf den Kreml schwächen. Beobachter sehen darin einen Grundwiderspruch in Trumps Ansatz – Anreize und Strafdruck gleichzeitig. Ob er wirkt, hängt davon ab, ob Moskau zu substanziellen Zugeständnissen bereit ist.
Sanktionspaket gegen Russland: Zustimmung in beiden Kammern
Abstimmung über das weitreichende Sanktionspaket am 16. September 2026
Zehn Projekte im Gespräch, ein Dementi
Konkrete Vorhaben sind offiziell nicht bekannt. Früher diskutierte Felder reichen von Seltenen Erden und Aluminium über gemeinsame Arktis-Projekte bis zur Beteiligung amerikanischer Unternehmen am Verkauf von russischem Erdgas nach Europa.
Das Magazin „New Yorker“ berichtete am 14. September 2026 unter Berufung auf einen Bericht eines europäischen Geheimdienstes über zehn mögliche Vorhaben: die Wiederinbetriebnahme von Nord Stream 2 unter US-Kontrolle, die Wiederaufnahme von ExxonMobil-Geschäften auf Sachalin und Ölbohrungen im Ochotskischen Meer. Über die Freigabe eingefrorener russischer Vermögen sei ebenfalls gesprochen worden.
Die Vorhaben seien „ursprünglich von den politischen und wirtschaftlichen Eliten des Kremls entworfen“ worden, schreibt das Magazin in Kushners Dollar-Diplomatie und zehn mögliche Russland-Projekte. Als mögliche Beteiligte nennt es Trump, Witkoff und Kushner; ein Kushner-Sprecher bestritt, dass US-Beamte von den Deals profitieren würden.
Ende September trifft Trump Selenskyj
Für Ende September 2026 wird am Rande der UN-Generalversammlung in New York ein Treffen zwischen Trump und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj erwartet – Selenskyjs Treffen mit Trump in New York.
Außenminister Andrij Sybiha hält als mögliches Ergebnis einen Stopp der Angriffe auf die Energieinfrastruktur und auf See für denkbar. Mitte September hatte Trump eine Waffenruhe auf Energieziele verkündet – Kiew sieht sie nicht bestätigt.
Ein trilaterales Treffen von USA, Russland und Ukraine könnte im Oktober folgen. Der frühere ukrainische Botschafter in Washington, Walerij Tschalyj, hält das für unrealistisch – Russland sei nur zu einer Kapitulation Selenskyjs bereit.
Trump hatte versprochen, den Ukraine-Krieg in 24 Stunden zu beenden. Ein Jahr und acht Monate nach seiner Amtseinführung im Januar 2025 läuft er unvermindert weiter, auch der jüngste Moskau-Besuch von Witkoff und Kushner endete ohne greifbares Ergebnis. Der Vorstoß ist rechtlich unverbindlich und politisch umstritten. Wie es weitergeht, entscheidet sich daran, ob Trump das Sanktionspaket unterzeichnet und ob Moskau beim Donbass Zugeständnisse macht.
