Acht CDU-Ministerpräsidenten nennen Merz in ihrem Brief nicht
Bild: KI-generiert
Kanzlerkrise

Acht CDU-Ministerpräsidenten nennen Merz in ihrem Brief nicht

In der ZDF-Talkshow „Markus Lanz„ schildert „Bild“-Vizechef Paul Ronzheimer, wie die CDU nach der Niederlage in Sachsen-Anhalt offen über einen Kanzlerwechsel diskutiert. Im Brief der acht CDU-Ministerpräsidenten fehlt Merz' Name.

Veröffentlicht
JUX auf Google folgen

Friedrich Merz hat in seiner eigenen Partei nach Darstellung von „Bild„-Vizechef Paul Ronzheimer keinen Rückhalt mehr. In der ZDF-Talkshow „Markus Lanz“ sagte Ronzheimer am Donnerstagabend über die vergangenen Wochen: „Egal, mit wem Sie in dieser Partei gesprochen haben: Im Hintergrund hat sich keiner hinter diesen Kanzler gestellt."

Ronzheimer berichtete, CDU-Politiker hätten ihm „ganz offen„ gesagt, „dass das so nicht mehr weitergehen kann, dass er nicht mehr Kanzler bleiben kann“. Die Zweifel seien nur deshalb kleiner geworden, weil sich die CDU-Ministerpräsidenten hinter Merz gestellt hätten – „an der Situation hat sich für ihn nichts verändert".

Instagram · @paulronzheimer

Die Lage des Kanzlers beschrieb Ronzheimer mit Superlativen: Sie sei „so schwer wie es noch nie ein Kanzler hatte in der deutschen Geschichte" – im Studio schränkte er auf „mindestens in den letzten Jahrzehnten" ein. Merz habe „Werte, die katastrophal sind", das strahle in seine eigene Partei ab. Der ZDF-Bericht zum Polit-Krimi in der CDU fasst Ronzheimers Schilderungen aus Telefonaten und Whatsapp-Chats zusammen.

Nach 43,8 Prozent für die AfD beginnt ein Telefon-Krimi

Auslöser war die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026: Die AfD kam laut vorläufigem Ergebnis auf 43,8 Prozent, die CDU stürzte auf 17,2 Prozent ab – ein Verlust von rund 19,9 Prozentpunkten gegenüber 2021. Merz selbst nannte das Ergebnis die „schwerste Wahlniederlage" seiner Partei.

Was danach in der Partei ablief, nennt Ronzheimer einen Telefon-Krimi. Die CDU-Ministerpräsidenten hätten sich zusammentelefoniert, andere mächtige Männer der Partei in Whatsapp-Gruppen gewarnt: „Leute, wir müssen jetzt was tun. Das geht doch nicht so weiter."

Ab diesem Zeitpunkt begann eine Art Polit-Telefon-Krimi.
Paul Ronzheimer, stellvertretender Chefredakteur der „Bild"-Zeitung

Seither ist in der Union offen, wer Merz ablösen könnte: Merz gilt als Kanzler auf Abruf, Markus Söder und Hendrik Wüst werden als mögliche Nachfolger gehandelt.

Wüst sagt ab, danach bleibt nur Söder

In den Telefonrunden rückte zuerst Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst in den Mittelpunkt. Man habe sich gefragt, „ist Hendrik Wüst, der NRW-Ministerpräsident, bereit?", schilderte Ronzheimer. Intern sei klar gewesen, dass er nicht nach Berlin wechseln will: genannt wurden die 2027 anstehende Landtagswahl in NRW, sein persönliches Wohlbefinden in Düsseldorf und die Einschätzung, die Aufgabe des Kanzlers sei in der angespannten internationalen Lage zu groß.

Danach prüfte die Runde den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder. Wie ein solcher Wechsel an die Spitze des Bundes rechtlich und praktisch hätte funktionieren sollen, blieb in der Sendung offen. Ronzheimer über den Ausgang der Tage: „Und das zog sich Stunden, Tage und am Ende war es wieder Hendrik Wüst, der das Ganze mit abgeblasen hat."

Nach Wüsts Absage blieb außer Söder kein Kandidat übrig, hinter dem sich die Partei hätte sammeln können. Die WELT fasst die Lage so zusammen: „Dann war es vorbei. Erst mal." Ronzheimer verwies zugleich auf die hohe Geschwindigkeit politischer Entwicklungen – in wenigen Tagen könne sich alles erneut ändern.

Merz ruft selbst an – ein Brief ohne seinen Namen

Merz habe „natürlich gewusst, dass im Hintergrund versucht wird, ihn politisch umzubringen„, berichtete Ronzheimer. Daraufhin habe der Kanzler getan, was er in den Monaten zuvor nie getan hatte: Er rief Ministerpräsidenten und andere Parteifreunde direkt an. Einige seien „ganz verwundert“ gewesen. Markus Lanz reagierte überrascht: „Das ging von Merz aus? Wow."

Nach Ronzheimers Darstellung bewegte Merz den rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Gordon Schnieder, eine Unterstützungsinitiative für ihn zu starten. Ergebnis war die gemeinsame Erklärung der acht CDU-Ministerpräsidenten: Sie wandten sich gegen Personaldiskussionen und stellten sich hinter den Reformkurs der Bundesregierung.

In einem ersten Entwurf dieser Erklärung war Merz noch namentlich genannt. Der Text ging anschließend zurück in die Runde der Ministerpräsidenten – mit Folgen.

Die Ursprungsversion des Briefes ging zurück in diese Ministerpräsidentenrunde und die haben dann gesagt: Das ist jetzt doch ein bisschen viel Unterstützung für den Bundeskanzler.
Paul Ronzheimer, stellvertretender Chefredakteur der „Bild"-Zeitung

Die veröffentlichte Fassung nennt Merz' Namen nicht mehr. Nach Ronzheimers Schilderung der neuen Details zur Merz-Krise wurde der Name in drei CDU-Regierungszentralen bewusst weggelassen; ein weiterer Regierungschef habe das Fehlen „gar nicht gemerkt". In der CDU hätten Abgeordnete „fassungslos" reagiert: „Moment mal, ich habe doch gerade mit Ministerpräsident XY gesprochen, der gesagt hat, es geht nicht mehr, und jetzt macht er hier so einen Brief?"

„Atempause", nicht Trendwende

Die mitdiskutierenden Journalisten sahen in dem Brief keine Trendwende. Daniel Friedrich Sturm vom „Tagesspiegel„ nannte ihn lediglich „eine Atempause für Herrn Merz. Die ganzen Vorbehalte und Diskussionen, die es innerhalb seiner eigenen Partei gibt, das ist damit nicht weg“.

Sturms Urteil über den Kanzler fiel härter aus. Er sprach von einem enormen Autoritäts- und Ansehensverfall von Friedrich Merz und davon, dass er die Ansehensverluste und die schlechte Stimmung in der Bevölkerung für nicht mehr reparabel hält. Anna Lehmann von der „taz„ verlagerte den Blick von der Person auf die Sache: Die Reformen der schwarz-roten Koalition „kommen offenbar nicht gut an“, ein klarer Plan sei nicht erkennbar.

Im Grunde gibt es ja niemanden – mal von Markus Söder abgesehen –, der Bundeskanzler werden will. Das hatten wir in fast 80 Jahren Bundesrepublik Deutschland noch nie!
Daniel Friedrich Sturm, Journalist beim „Tagesspiegel"

Zur Verteilungswirkung der Koalitionspläne sagte Lehmann: „Für Unternehmen gibt's Bürokratieabbau und Steuersenkungen, und für die Arbeitnehmer gibt's Kürzungen und Beitragssteigerungen.„ Zugleich verortete sie das Kernproblem im eigenen Lager: „Das Problem von Friedrich Merz ist die eigene Fraktion, nicht die SPD.“ Lehmann erwartet, dass Merz 2029 nicht mehr als Kanzlerkandidat der CDU antritt.

Sabine Adler vom „Deutschlandfunk" erklärte die vage Formulierung des Briefes damit, dass die Unterzeichner das Amt nicht beschädigen wollten: Man könne noch nicht sagen, was mit Merz passiere – ob er vielleicht doch irgendwann hinwerfe oder nicht.

Über Wüst und Söder sagte Adler: „Das sind zwei ganz große Leistungsträger. Warum sollten die das aufgeben, dieses Pfund wegwerfen, um in diese Berliner Baustelle zu gehen?" Eine Vertrauensfrage wie einst bei Gerhard Schröder, verknüpft mit den eigenen Reformen, traute sie Merz nicht zu: Dazu sei er nicht bereit, er sehe die Dramatik nicht.

Am Sonntag wählen zwei Länder

Vor den Landtagswahlen am Sonntag, dem 20. September 2026, in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin herrscht in der CDU Alarmstimmung. In Mecklenburg-Vorpommern könnte die Partei laut Umfragen an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern, in Berlin liegt sie nahezu gleichauf mit der führenden Linken. Merz hat für den Wahlabend eine formelle Sitzung des CDU-Präsidiums einberufen.

Umfrage
Lädt

Unionsfraktionschef Thorsten Frei wies in der ARD-Sendung „Maischberger„ Zweifel an der Erklärung der Ministerpräsidenten zurück. Über den fehlenden Namen zu streiten, sei „Haarspalterei“: „Es gibt nur einen Bundeskanzler, der heißt Friedrich Merz. Und der ist adressiert in diesem Brief.„ Zugleich räumte er ein, die Partei sei „in einer sehr schwierigen Phase“.

Einen Rücktritt von Merz zum Ende des Jahres schloss Frei aus: „Friedrich Merz bleibt Kanzler.„ Eine Minderheitsregierung nannte er „Irrsinn“ – die AfD würde sie „am Nasenring durch die Manege führen„, das wäre das „Ende für die Union“. Hendrik Wüst sagte im Gespräch mit Sat.1 NRW: „Personaldebatten helfen jetzt nicht weiter."

Kurz vor den Wahlen hatte Merz angesichts hoher Spritpreise Entlastungen angekündigt („dass wir handeln müssen") und seine für die kommende Woche geplante USA-Reise sowie den Auftritt bei der UN-Generalversammlung in New York abgesagt, um in Berlin präsent zu sein. Am Sonntagabend entscheidet sich, ob die acht Ministerpräsidenten hinter ihrer Erklärung bleiben – oder ob in der Union erneut die Telefone heiß laufen.