Nur noch 14 Prozent der Deutschen halten Friedrich Merz für den richtigen Bundeskanzler, 78 Prozent verneinen die Frage. Selbst unter den Anhängern von CDU und CSU sprechen sich 58 Prozent gegen ihn aus. Die Insa-Umfrage für „Bild“ vom 10. und 11. September ist der Hintergrund eines Beitrags, der den Kanzler zum „Regierungschef auf Abruf“ erklärt.
Daniel Friedrich Sturm, Politischer Chefkorrespondent des Tagesspiegel, beschreibt darin einen Autoritätsverfall „auf offener Bühne“. Der am 13. September veröffentlichte Kommentar „Merz wird zum Regierungschef auf Abruf“ sieht die Landtagswahlen am 20. September in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern als mögliches „Aus“ für den Kanzler.
In Unionskreisen würden längst CSU-Chef Markus Söder oder NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst als neue Kanzler gehandelt – womöglich schon in den kommenden Wochen oder Monaten. Die SPD, so die Einschätzung des Kommentars, würde Wüst mitwählen und müsste notgedrungen auch Söder mittragen, um Neuwahlen zu verhindern.
Schon vor dem Kommentar war die Richtung klar: Der ARD-DeutschlandTrend vom 3. September sah nur 13 Prozent zufrieden mit Merz' Arbeit – nur 13 Prozent zufrieden mit Merz' Arbeit auf die AfD. Eine Forsa-Erhebung für RTL/n-tv kam auf 13 Prozent Zufriedenheit, im Osten sogar nur auf 7 Prozent.
Die Woche, in der Merz unter Druck geriet
- 6. September 2026AfD gewinnt Sachsen-Anhalt
Die AfD erreicht 43,8 Prozent, die CDU stürzt auf 17,2 Prozent ab – ihr schlechtestes Ergebnis in dem Land.
- 7. September 2026Merz schließt Rücktritt aus
„Aufgeben ist für mich keine Option“, sagt der Kanzler, räumt Kommunikationsfehler ein und verweist auf die Bundestreue.
- 9. September 2026Generaldebatte im Bundestag
Merz wirft der AfD mit Blick auf „Remigration“ vor, „ethnische Säuberung“ betreiben zu wollen. Erste offene Rücktrittsforderungen werden laut.
- 11. September 2026Bericht über Bas-Entlassung
Die „Zeit“ meldet, in der CDU werde ernsthaft über die Entlassung von Arbeitsministerin Bärbel Bas nachgedacht. Christina Stumpp kündigt ihren Rücktritt zum 21. September an.
- 12. September 2026Söder schließt Kanzlersturz aus
Wegen der Angriffe auf Bärbel Bas reagiert Vizekanzler Lars Klingbeil empört.
- 13. September 2026Kommentar und Insa-Umfrage
Der Tagesspiegel erklärt Merz zum „Regierungschef auf Abruf“, nur 14 Prozent halten ihn laut Umfrage für den richtigen Kanzler.
- 20. September 2026Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern
Laut Tagesspiegel können sie für Merz „zum Aus“ führen.
Auslöser ist der AfD-Erdrutsch in Sachsen-Anhalt
Ausgangspunkt der Krise ist die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September. Die AfD erreichte 43,8 Prozent – ihr höchster Stimmenanteil bei einer Landtagswahl in dem Land und der höchste Wert, den eine einzelne Partei dort je errungen hat. Die CDU stürzte von 37,1 Prozent (2021) auf 17,2 Prozent ab.
Damit könnte erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik eine von der AfD geführte Landesregierung entstehen, Spitzenkandidat ist Ulrich Siegmund. CDU-Spitzenkandidat Sven Schulze erklärte seine Partei zur Opposition. Merz hatte im Wahlkampf vor einem „Experimentierfeld für Wutbürger“ in Sachsen-Anhalt gewarnt – verhindert hat das nichts.
Landtagswahl Sachsen-Anhalt: CDU halbiert, AfD auf Rekordwert
Stimmenanteile in Prozent
Der Bund droht mit Artikel 37 des Grundgesetzes
Merz reagierte einen Tag nach der Wahl mit deutlichen Worten: „Das Grundgesetz gilt auch für Sachsen-Anhalt.“ Und: „Wenn dort Grenzen überschritten werden, kann ich Ihnen sagen, werden wir aus Sicht der Bundesregierung alles tun, um das zu korrigieren.“ Er verwies auf die Pflicht zur Bundestreue und nannte ausdrücklich die Einwanderungs- und Ausländerpolitik.
Verfassungsjuristen brachten daraufhin den Bundeszwang nach Artikel 37 des Grundgesetzes ins Spiel. Er erlaubt dem Bund mit Zustimmung des Bundesrates Zwangsmaßnahmen gegen ein Land, das seine Bundespflichten verletzt. Angewandt wurde Artikel 37 in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie, Fachleute nennen ihn ein „rostiges Schwert“. Der Verfassungsexperte Heiko Meiertöns notierte im „Verfassungsblog“, bei bestimmten Veränderungen rund um das Landesamt für Verfassungsschutz könnte die AfD rechtliche Grenzen überschreiten.
FDP-Chef Wolfgang Kubicki sprach davon, der Bund könne im Notfall „von Verfassungswegen einen Staatskommissar einsetzen, die Regierung entmachten“ – Juristen kritisierten das als zu absolut formuliert. Unionsfraktionschef Thorsten Frei nannte den Bundeszwang eine „Ultima Ratio“, Bundesjustizministerin Stefanie Hubig hielt ihn für denkbar, falls eine Landesregierung ihre Behörden anweist, geltendes Recht zu missachten.
Der Politikwissenschaftler Oscar Prust von der Universität Halle betonte, Bundestreue bedeute nicht, dass ein Land die politische Linie des Bundes übernehmen müsse; der Bundeszwang sei „das letzte Mittel“. Der frühere Verfassungsrichter Hans-Jürgen Papier warnte vor Alarmismus: „Die Demokratie als solche ist nicht in Gefahr.“ Baden-Württembergs Finanzminister Daniel Bayaz brachte finanzielle Sanktionen über den Länderfinanzausgleich ins Spiel.
Notfallplan im Kanzleramt: Bas entlassen?
Die „Zeit“ berichtete unter Berufung auf mehrere Quellen aus dem Umfeld des Kanzlers, in der CDU werde ernsthaft über einen Rauswurf von Arbeitsministerin Bärbel Bas nachgedacht, um Merz als handlungsfähig zu inszenieren. Die Idee stamme von „sehr ernsthaften Leuten“. Ein CDU-Stratege nannte das Vorhaben dagegen „Wahnsinn“: „Die Folgen wären unabsehbar. Jede CDU-SPD-Regierung in den Bundesländern stünde vor dem Aus.“
Ein Regierungssprecher wies Spekulationen über eine Minderheitsregierung als „völlig aus der Luft gegriffen“ zurück. Anlass für den offenen Streit war der Vorsitzende des Parlamentskreises Mittelstand, Christian von Stetten, der Bas für „nicht mehr tragbar“ erklärt und den Haushalt von Vizekanzler Lars Klingbeil als „nicht zustimmungsfähig“ bezeichnet hatte.
„Was soll das? Wir sind in verdammt schwierigen Zeiten. Wir müssen zusammenhalten in einer Regierung.“
Klingbeil verwies auf eine rechnerische „zweite Mehrheit“ aus Union und AfD im Bundestag und fragte: „Wohin zieht es eigentlich einige in der CDU?“ Selbst in der Union gab es Kopfschütteln: Der Parlamentarische Geschäftsführer Hendrik Hoppenstedt mahnte, öffentlich ausgetragener Koalitionsstreit helfe „niemandem, außer vielleicht der eigenen Profilierung und ganz sicher den Populisten in unserem Land“.
Söder schließt einen Sturz aus – nur für die CSU
CSU-Chef Markus Söder trat Spekulationen über einen Kanzlersturz entgegen: „Von der CSU auf keinen Fall“, sagte er der „Bild am Sonntag“. Auf die Frage, ob Merz noch der richtige Kanzler sei, antwortete er knapp: „Ja, er steht zu den Reformen.“ Zugleich betonte Söder, für die CDU sei er nicht zuständig.
„Für die CDU bin ich nicht zuständig, da bin ich nicht der Vorsitzende. Aber für die CSU kann ich das sagen.“
Ein Nachfolger stünde vor denselben Problemen – „mit einer SPD, die sich mit Reformen schwertut“. Die Union tue gut daran, zusammenzustehen und sich „nicht durch die AfD auseinanderbringen“ zu lassen.
Vor der Wahl in Sachsen-Anhalt hätten sowohl die US-Führung um Donald Trump als auch der Kreml Stimmung für die AfD geschürt, sagte Söder. Es gebe einen „schweren Durchhänger – vielleicht der schwerste, den man sich vorstellen kann –, aber kein Grund zum Aufgeben“. Sachsen-Anhalt sei „die größte Denkzettelwahl der deutschen Geschichte“, die Regierung müsse „einen deutlichen Zacken zulegen“.
Immer mehr Rücktrittsforderungen aus der CDU
Erstmals wurden nach der Wahl offene Rücktrittsforderungen gegen Merz laut. Der stellvertretende CDU-Landesvorsitzende in Mecklenburg-Vorpommern, Tino Schomann, sagte der dpa, Merz müsse „runter vom Sessel, und da muss ein anderer rauf“ – er sei nicht empathisch, ihm werde nicht mehr geglaubt, er mache handwerkliche Fehler. Als Nachfolger nannte Schomann Außenminister Johann Wadephul, Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, Söder und Alexander Dobrindt.
Der Publizist Michel Friedman erklärte im „Spiegel“-Spitzengespräch, Merz entspreche nicht den Anforderungen eines Bundeskanzlers. Der CDU-nahe Milliardär Carsten Maschmeyer forderte in der ARD-Sendung „Maischberger“ dessen Rücktritt.
„Merz hat es voll vergeigt. Er muss weg. Er muss zurücktreten.“
Als mögliche Nachfolger nannte Maschmeyer Wüst, Daniel Günther und Söder. Merz selbst hatte klargemacht: „Aufgeben ist für mich keine Option“ – er räumte Kommunikationsfehler ein, hielt aber am Reformkurs fest. CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann stellte sich hinter ihn, der sächsische Bundestagsabgeordnete Florian Oest forderte im „Handelsblatt“ eine „Agenda 2030“ und ließ offen, ob Merz „die Kraft für diesen Aufbruch hat“. Die stellvertretende CDU-Generalsekretärin Christina Stumpp trat zum 21. September von ihrem Amt zurück.
Was der 20. September entscheidet
In Mecklenburg-Vorpommern ist die CDU in Umfragen auf 7 Prozent abgesackt und droht, den Landtag zu verpassen; die AfD liegt vorn, die SPD von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig hat zuletzt aufgeholt. In Berlin könnte die CDU um Regierenden Bürgermeister Kai Wegner dagegen die Linke schlagen. Hoppermann warf Schwesig vor, mit personalisiertem Wahlkampf die politische Mitte zu schwächen – „verantwortungslos“.
Das European Council on Foreign Relations ordnete die Lage international ein: Die Spaltung zwischen Ost- und West-CDU sowie zwischen Merz und seiner konservativen Basis verschärfe sich, die Wahrscheinlichkeit steige, dass Merz zu sehr mit Innenpolitik beschäftigt sei, um europäische Führung zu leisten. Als wahrscheinlichsten Nachfolger nennt der Think Tank Wüst, dessen moderate Politik allerdings nicht zur polarisierten Stimmung passe.
Entscheidend dürfte sein, ob weitere Wahlniederlagen am 20. September den Kreis der Kritiker vergrößern. Verpasst die CDU in Schwerin den Landtag, wird die Frage nach Merz' Zukunft in der Unionsfraktion jedenfalls nicht leiser.
