Russland bereitet bis zu 300.000 zusätzliche Einberufungen vor
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Wehrpflicht

Russland bereitet bis zu 300.000 zusätzliche Einberufungen vor

Kreml-Beamte und Mitarbeiter der Einberufungsämter bringen laut Bloomberg Angehörige in Sicherheit und verlagern Vermögen ins Ausland – während Putin eine neue Mobilmachung dementiert. Ein europäischer Sicherheitsbeamter nennt bis zu 300.000 zusätzliche Einberufungen bis Ende 2026.

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Die Beamten, die Russlands Einberufungen organisieren sollen, bringen ihre eigenen Familien in Sicherheit. Nach einem Bloomberg-Bericht über die Fluchtvorbereitungen im Machtapparat versuchen hochrangige Kreml-Beamte seit Monaten, Konten bei ausländischen Banken zu eröffnen und Vermögen ins Ausland zu verlagern.

Gleichzeitig forderten sie Freunde und Verwandte auf, Russland zu verlassen. Dasselbe Verhalten zeigt nach diesen Angaben das Personal der Armee-Rekrutierungszentren – also jener Stellen, die die Einberufungen abwickeln sollen. Die Furcht vor einer neuen Mobilmachungswelle reicht damit bis in den Apparat, der sie organisieren müsste.

Putin nennt die Berichte „völligen Unsinn“

Öffentlich hält der Kreml an einer anderen Darstellung fest. Präsident Wladimir Putin hatte entsprechende Berichte am 1. September 2026 als „völligen Unsinn“ und als „Informationsangriff“ auf Russland zurückgewiesen. Es gebe „derzeit kein Szenario, das eine Mobilmachung erforderlich machen würde“, sagte er; Russland habe „keinerlei Probleme bei der Verfügbarkeit von Militärpersonal“.

Zwei Tage später schränkte Putin ein: Ein solches Szenario sei „für heute“ ausgeschlossen. Die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) sieht darin eine Hintertür – der Kreml könne das Dementi nach der Wahl zurücknehmen. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow warf ukrainischen Vertretern vor, die Lage in Russland „ideologisch aufzuhetzen“.

Von der Warnung zur Einberufung

  1. 21. September 2022
    Teilmobilmachung zehn Tage nach der Wahl

    Putin ruft die Teilmobilmachung aus, kurz nach Regional- und Kommunalwahlen. Rund 300.000 Reservisten werden einberufen, Hunderttausende verlassen Russland.

  2. 11. August 2026
    Selenskyj warnt vor dem Herbst

    Der ukrainische Präsident beruft sich auf interne russische Dokumente und erwartet eine Mobilmachungswelle unmittelbar nach der „Imitation der Parlamentswahlen“.

  3. 1. September 2026
    Putin spricht von „völligem Unsinn“

    Der Kremlchef weist alle Berichte über eine neue Mobilmachung zurück.

  4. 3. September 2026
    Die Einschränkung

    Putin erklärt, ein Mobilmachungsszenario sei „für heute“ ausgeschlossen.

  5. 18. September 2026
    Bloomberg veröffentlicht den Bericht

    Kreml-Beamte und Mitarbeiter von Rekrutierungszentren sollen Auslandskonten eröffnen und Angehörige zur Ausreise drängen; ein europäischer Sicherheitsbeamter nennt 300.000 zusätzliche Einberufungen bis Ende 2026.

  6. 19. September 2026
    Ansturm auf die Ausreise-Beratung

    Die Nothilfe- und Auswanderungsanfragen aus Russland steigen seit Juli auf fast das Achtfache; Suchanfragen zu „wie ausreisen“ erreichen den höchsten Stand seit Anfang 2023.

Der Apparat rüstet um – und schrumpft

Nach Darstellung eines namentlich nicht genannten europäischen Sicherheitsbeamten bereitet Russland die Einberufung von bis zu 300.000 weiteren Männern bis Ende 2026 vor. Anders als bei der Teilmobilmachung vom September 2022 könnte diesmal eine offizielle Ankündigung entfallen. Kiew warnt seit Wochen vor genau diesem Szenario – Selenskyjs Warnung vor 300.000 neuen Soldaten nennt dieselbe Größenordnung.

Russland baut dafür seine Einberufungsämter um, um die geplante höhere Zahl von Einberufungen bewältigen zu können. Ein zweiter Faktor verstärkt die Nervosität im Apparat: Putin ordnete laut Bloomberg an, die Zahl der regionalen Beamten um 15 Prozent zu reduzieren, um den Haushalt zu entlasten.

Unter den Betroffenen wächst die Sorge, nach einer Entlassung selbst eingezogen zu werden. Der Schreibtisch im Verwaltungsapparat schützt offenbar nicht mehr vor der Front.

Zu wenige Rekruten, zu viele Tote

Die Armee steht unter Personaldruck. Nach Berechnungen des Russland-Experten Janis Kluge von der Stiftung Wissenschaft und Politik wurden von Januar bis August 2026 rund 234.000 Vertragssoldaten angeworben – etwa 26.000 weniger als im Vorjahreszeitraum. Die Anwerbeprämien stiegen zugleich auf Rekordhöhen von bis zu 1,8 Millionen Rubel, rund 19.000 US-Dollar.

Die Financial Times berichtet, die Regionen sollten bis Ende 2026 eigentlich 409.000 neue Verträge liefern. Ein Moskauer Gewährsmann sagte Bloomberg, die russischen Verluste an der Front lägen bei bis zu 1.000 Gefallenen pro Woche, und die Qualität der neu unterzeichnenden Rekruten sei extrem niedrig.

Um die von Putin selbst genannte Truppenstärke von 700.000 Mann in der Ukraine zu halten, müsste Russland laut Bloomberg jährlich rund 400.000 neue Soldaten gewinnen. Kirill Rogov, Leiter des Analysezentrums Re: Russia, sagte Bloomberg, eine Mobilmachung sei „notwendig, wenn das Ziel ist, innerhalb der nächsten sechs Monate die Grenzen des Donbas zu erreichen“.

Die Politikwissenschaftlerin Ekaterina Schulmann erwartet eine ungleiche Lastenverteilung: Der Kreml werde vor allem in Regionen einziehen lassen, die bei der Duma-Wahl die höchste Loyalität zeigen – „an Orten, wo Loyalität, Disziplin und administrative Effizienz demonstriert werden, werden mehr Menschen eingezogen“.

Russlands Personalbedarf und die tatsächliche Rekrutierung 2026

Vertragssoldaten: angeworben, geplant und jährlich benötigt

Quelle: Janis Kluge (SWP), Financial Times, Bloomberg

Die Angst erreicht die Bevölkerung

Die Furcht vor einer Einberufung ist längst nicht mehr auf den Apparat beschränkt. Das Antikriegsprojekt „Kowtscheg“, das russische Kriegsgegner bei der Emigration unterstützt, registrierte im August 2026 fast achtmal so viele Anfragen wie im Mai. Wie Hilfsorganisationen berichten, haben sich die Ausreise-Anfragen vor der Duma-Wahl mehr als versechsfacht.

Bei „Idite lesom“ („Haut ab“) gingen im August 5.089 Beratungen ein – dreimal so viele wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Die Organisation berichtet über Fälle, in denen Männer auf Polizeiwachen gebracht und dort unter Druck oder mit Gewalt zur Unterschrift unter Militärverträge gezwungen wurden. Die Suchanfragen bei Yandex und Google zu „wie ausreisen“ und „Mobilmachung“ erreichten im Sommer und in den ersten zehn Septembertagen den höchsten Stand seit Anfang 2023.

Anastasia Burakowa, Gründerin von „Kowtscheg“, sagte der Nachrichtenagentur AP, man sehe derzeit, „dass sich Menschen auf die Auswanderung vorbereiten und sich über ihre Möglichkeiten informieren“. Das bedeute aber nicht, „dass sich derzeit sehr viele Menschen an den Grenzen aufhalten“. Mit der Welle von 2022, als innerhalb weniger Wochen schätzungsweise 600.000 bis 700.000 Menschen Russland verließen, ist das nicht vergleichbar.

Bevorzugte Ziele sind visafreie Länder: Armenien, Georgien, Kasachstan, Serbien und die Türkei. In Eriwan stiegen die Mietanfragen im August um bis zu 35 Prozent, in Tiflis um bis zu 30 Prozent. Der Sekretär des armenischen Sicherheitsrates, Alen Simonjan, hat Russen öffentlich willkommen geheißen – während der Kreml jede neue Mobilmachung bestreitet.

An der Grenze wird niemand danach gefragt, warum er gekommen ist. Den Russen kann ich nur eines sagen: Willkommen in Armenien.
Alen Simonjan, Sekretär des armenischen Sicherheitsrates

Ein Register, das ausreisen verhindert

Wer ausreisen will, trifft auf eine neue Infrastruktur. Das elektronische Register der Militärdienstpflichtigen wurde 2025 weiter ausgebaut und ist mit Steuerbehörde, Innenministerium, medizinischen Daten, Eigentumsregistern und der Grenzkontrolle verknüpft. Wird ein elektronischer Einberufungsbescheid ausgestellt, greift automatisch eine Ausreisesperre.

Das Mobilmachungsdekret vom 21. September 2022 wurde nie formal aufgehoben. Nach der Einschätzung der SWP zur neuen Mobilmachung in Russland könnte das Verteidigungsministerium einfach neue Sollstärken formulieren und die Einberufung Hunderttausender Reservisten als Fortsetzung bisheriger Maßnahmen begründen.

In Krasnodar wurde Anfang September ein 24-jähriger Mann aus der Region Rostow an der Passkontrolle festgehalten und mit einem Ausreiseverbot belegt – der erste derartige gemeldete Fall an diesem Grenzübergang.

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Ob Putin die Entscheidung trifft, ist offen. Europäische Beamte sagten Bloomberg, eine endgültige Entscheidung sei noch nicht gefallen; der Kreml erinnere sich an den öffentlichen Widerstand von 2022.

Die SWP hält eine neue Teilmobilmachung für wahrscheinlicher als eine Generalmobilmachung – in Russland fehlen bereits heute zwischen 1,5 und 2,5 Millionen Arbeitskräfte. Das US-Institut für die Erforschung des Krieges (ISW) rechnet eher mit einer allmählichen und verdeckten Mobilisierung als mit einer großen öffentlichen Einberufung.