Mercedes-Benz will die Wochenarbeitszeit in Deutschland von 35 auf 38 Stunden erhöhen – ohne Lohnausgleich. Das Management hat der Arbeitnehmerseite genau das vorgeschlagen, wie das Handelsblatt über die 38-Stunden-Forderung berichtet. Für die Beschäftigten sind das drei unbezahlte Mehrstunden pro Woche, eine Verlängerung der Arbeitszeit um gut 8,6 Prozent.
Am Abend des 18. September kam gegenüber dem SWR die Bestätigung der 38-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich durch den Konzern. Offen ist nach Angaben aus dem Verhandlungsumfeld, ob die längere Arbeitszeit befristet oder dauerhaft gelten soll. Die Gespräche laufen ausdrücklich unabhängig von der anstehenden Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie.
Wochenarbeitszeit bei Mercedes-Benz: 35, 38 oder 40 Stunden
Geltende tarifliche Regel, Vorschlag des Managements und Gegenforderungen
Ungarn als Druckmittel
Mercedes-Benz begründet den Vorstoß mit den Kosten am Standort. Die strukturellen Kosten in Deutschland einschließlich der Arbeitskosten seien im internationalen Vergleich nicht wettbewerbsfähig, sagte ein Sprecher. Die Arbeitszeit ohne Lohnausgleich zu erhöhen, sei aus Sicht des Konzerns der direkteste und fairste Weg, sie zu senken.
Druck setzt die Konzernleitung ebenfalls: Ohne Senkung der Arbeitskosten in Deutschland werde es weitere Verlagerungen ins Ausland geben. Im Verhandlungsumfeld fällt der Verweis auf Ungarn, wo die Kosten nach Angaben aus Arbeitnehmerkreisen rund 70 Prozent niedriger liegen. Schon Ende Juni hatte der Vorstand wissen lassen, man solle in allen Bereichen für das gleiche Geld mehr arbeiten – wie diese Drohung im Werk ankommt, beschreibt Serkan Gök:
„Es gibt die Drohung: Wenn es keine Einigung in den Verhandlungen gibt, gibt es auch kein Nachfolgemodell – man spricht davon, die Produktion dann zu verlagern.“
Betriebsrat: nichts verhandelt, nichts vereinbart
Die Arbeitnehmerseite weist den Vorstoß zurück. Der Betriebsrat betonte am Freitagmittag gegenüber dem SWR, zu einer 38-Stunden-Woche sei bislang weder etwas verhandelt noch vereinbart worden. Der Gesamtbetriebsrat hatte längere Arbeitszeiten bei gleichem Entgelt schon im Sommer kritisiert – die Ursachen lägen nicht bei den Beschäftigten. IG-Metall-Chefin Christiane Benner will solche Forderungen regionaler Arbeitgeberverbände in der anstehenden Tarifrunde entschieden zurückweisen.
Im Bremer Werk mit mehr als 10.000 Beschäftigten – bis zu 25.000 Arbeitsplätze hängen direkt und indirekt am Standort – fordert die Werkführung laut Weser-Kurier sogar die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche. Bei Betriebsversammlungen in Früh-, Spät- und Nachtschicht am 17. September, an denen auch Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) teilnahm, wurde der Widerstand deutlich. Der Bremer Betriebsratsvorsitzende Michael Peters sitzt im dreiköpfigen Verhandlungsteam der Arbeitnehmerseite.
Michael Häberle, Betriebsrat in Stuttgart-Untertürkheim mit rund 19.000 Beschäftigten, fordert statt längerer Arbeitszeit eine Debatte über die 30-Stunden-Woche, um Arbeit breiter zu verteilen. Kürzungen bei Sonderzahlungen und tariflichen Leistungen lehnt die Arbeitnehmerseite ebenfalls ab. Bovenschulte bestreitet nicht, dass Mercedes Kosten senken muss, sagt aber:
„Gleiches Geld für mehr Arbeit ist noch keine Zukunftsstrategie.“
Die Branche zieht unterschiedlich nach
Mercedes steht mit dem Vorstoß nicht allein. Der Zulieferer Aumovio hat sich in Villingen-Schwenningen und Ingolstadt auf längere Arbeitszeiten verständigt; Aumovio-Chef Philipp von Hirschheydt erwartet von 40 statt 35 Stunden einen signifikanten Produktivitätsschub. Bei BMW in Leipzig sank die Wochenarbeitszeit dagegen stufenweise von 38 auf 35 Stunden, Volkswagen vereinheitlichte sie für bestimmte Beschäftigtengruppen ebenfalls auf 35 Stunden. Im August sprach sich auch Stihl-Aufsichtsratschef Nikolas Stihl für ein Ende der 35-Stunden-Woche aus.
Der Streit fällt in eine angespannte Geschäftslage: Mercedes-Benz erzielte 2025 einen Umsatz von 132,2 Milliarden Euro nach 145,6 Milliarden Euro im Vorjahr; das bereinigte EBIT sank von 13,7 auf 8,2 Milliarden Euro. Die bereinigte Umsatzrendite der Pkw-Sparte fiel von 8,1 auf 5,0 Prozent, die Aktie verlor am 18. September 3,6 Prozent auf 44,27 Euro. Nach VDA-Angaben gingen im vergangenen Jahr rund 52.000 Arbeitsplätze in der deutschen Automobilindustrie verloren.
Zukunft statt Kahlschlag
Für Montag, den 21. September, hat die IG Metall zum bundesweiten Aktionstag „Zukunft statt Kahlschlag – Zusammenhalt ist unsere stärkste Marke“ aufgerufen; in Bremen sind mehrere Demonstrationszüge und zwei Kundgebungen geplant, eine direkt am Mercedes-Werk. Am selben Tag soll die Mercedes-Belegschaft über die konkreten Sparpläne des Konzerns informiert werden. Über den Sparkurs hat jux.net im Juni berichtet: Mercedes verschiebt Sonderzahlung und verlangt mehr Arbeit.
