Meloni plant 30-Prozent-Limit für ausländische Schüler pro Klasse
Bild: KI-generiert
Schulpolitik

Meloni plant 30-Prozent-Limit für ausländische Schüler pro Klasse

Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni will per Gesetz begrenzen, wie viele ausländische Kinder in einer Klasse sitzen, und Burka wie Niqab an Schulen verbieten. Ein 30-Prozent-Limit gibt es seit 2010 – doch Schulleiter und Juristen bezweifeln, dass es sich durchsetzen lässt.

Veröffentlicht
JUX auf Google folgen

Wer kein Italienisch spricht, soll künftig nur begrenzt in italienischen Klassenzimmern sitzen: Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni will per Gesetz eine Obergrenze für ausländische Schüler pro Klasse festschreiben.

Am 20. September 2026 sagte Meloni auf der Abschlusskundgebung der FdI-Jugendveranstaltung „Fenix“ im Laghetto dell'Eur in Rom, das Vorhaben komme „in Kürze“ in den Ministerrat (Cdm).

Das Paket umfasst drei Elemente: eine gesetzliche Höchstzahl ausländischer Schüler je Klasse, eine Italienisch-Lernpflicht für Eltern ausländischer Kinder mit schweren Eingliederungsproblemen und ein Verbot von Burka und Niqab an Schulen.

In Kürze kommt ein Vorhaben in den Ministerrat, das per Gesetz die Höchstzahl ausländischer Schüler pro Klasse einführt, für Eltern ausländischer Schüler mit schweren Eingliederungsproblemen die Pflicht einführt, Italienisch zu lernen, und das Verbot von Burka und Niqab an Schulen einführt.
Giorgia Meloni, Ministerpräsidentin Italiens

Meloni begründet die Quote mit der Zusammensetzung der Klassen. „Es geht nicht, dass in einer italienischen Klasse italienische Kinder in die Ecke gedrängt werden, weil sie zur Minderheit geworden sind. Das kann man nicht machen“, sagte sie in Rom.

Ein Limit, das seit 2010 existiert

Neu ist die Idee nicht. Schon die Circolare Ministeriale n. 2 vom 8. Januar 2010 der damaligen Bildungsministerin Mariastella Gelmini legt fest, dass Klassen „di norma“ höchstens zu 30 Prozent aus ausländischen Schülern bestehen sollen – mit Ausnahmen, etwa wenn die Kinder schon Italienisch sprechen.

Vom Rundschreiben zum Gesetzespaket

  1. 8. Januar 2010
    Rundschreiben legt 30-Prozent-Grenze fest

    Die Circolare Ministeriale n. 2 von Bildungsministerin Mariastella Gelmini begrenzt den Ausländeranteil pro Klasse „di norma“ auf 30 Prozent – Ausnahmen inklusive.

  2. 2024
    Neue Quote von 20 Prozent für neu Zugewanderte

    Ab 20 Prozent neu zugewanderter Schüler ohne Italienischkenntnisse muss die Schule eine zusätzliche Lehrkraft für die Sprachförderung bereitstellen (Legge 106/2024).

  3. 16. September 2026
    Schlagabtausch in der Camera dei Deputati

    Rossano Sasso (Futuro Nazionale) nennt das Rundschreiben „carta straccia“ und fordert „remigrazione“; Bildungsminister Giuseppe Valditara verteidigt die Regel.

  4. 20. September 2026
    Meloni kündigt Gesetzespaket an

    Auf der FdI-Jugendveranstaltung „Fenix“ nennt Meloni Obergrenze, Italienisch-Pflicht für Eltern und Burka-Verbot – das Vorhaben solle „in Kürze“ in den Ministerrat.

Genau deshalb blieb das Rundschreiben in der Praxis folgenlos. Fast 4.000 Schulen überschreiten die 30-Prozent-Schwelle; würde die Grenze zwingend gelten, müssten Schüler zwangsweise umverteilt werden. Der Jurist Guariso nannte das eine Diskriminierung.

Am 16. September 2026 kam es darüber in der Camera dei Deputati zum Schlagabtausch. Der Abgeordnete Rossano Sasso von Futuro Nazionale, der Partei von Roberto Vannacci, nannte das Rundschreiben „carta straccia“ – Altpapier – und forderte „remigrazione“. Bildungsminister Giuseppe Valditara (Lega) konterte, die Regel stamme von 2010 und nicht von ihm, und will das Limit nun in Gesetzesform gießen.

Fast zwölf von hundert Schülern ohne italienischen Pass

Nach Zahlen der Stiftung Fondazione ISMU haben 11,6 Prozent der in Italien eingeschulten Kinder keinen italienischen Pass – knapp zwölf von hundert. Insgesamt sind es mehr als 900.000 Schüler, rund zwei Drittel von ihnen wurden in Italien geboren.

Anteil der Schüler ohne italienische Staatsbürgerschaft

Angaben in Prozent, nach Region

Quelle: Fondazione ISMU / Orizzonte Scuola

Die Verteilung ist extrem ungleich: In Norditalien liegt der Anteil bei rund 16 Prozent, in der Lombardei bei 20 Prozent, im Mezzogiorno bei 4 Prozent. 2022/23 überschritten rund 7,2 Prozent der Schulen die 30-Prozent-Schwelle, während 18 Prozent gar keinen ausländischen Schüler hatten.

Die Konzentration geht laut einer Analyse zur 30-Prozent-Quote vor allem auf die Schulwahl italienischer Familien zurück („white flight“) – ein Mechanismus, den eine Quote nicht an der Wurzel packe.

Kritik: schwer umsetzbar und symbolisch

Aus der Praxis kommt Widerspruch. Antonello Giannelli, Präsident des Schulleiterverbands ANP, hält das Anliegen didaktisch für nachvollziehbar, technisch aber für kaum lösbar.

In didaktischer Hinsicht ist die Sache begründet und nachvollziehbar, aber es ist schwierig, eine technische Lösung zu finden. Die Schule muss die Anmeldungen der Kinder aus dem Viertel annehmen, vor allem an Kindergärten und Grundschulen. Wenn in dieser Gegend Ausländer die Mehrheit sind, was machen wir? Schicken wir sie weg?
Antonello Giannelli, Präsident des Schulleiterverbands ANP

Melonis Gegenargument beim Gesichtsschleier: „In die Schule geht man mit unbedecktem Gesicht, und in Italien kann niemand im Namen einer echten oder vermeintlichen Tradition entscheiden, dass eine junge Frau sich verstecken muss. Die Gleichheit von Mann und Frau ist nicht verhandelbar.“

Anders als die Quote hält Il Post das Burka-Verbot für „mehr als alles andere propagandistisch“ und verweist auf kaum verbreitete Burka und Niqab in Italien: Das Innenministerium war 2010 zu dem Schluss gekommen, es seien weniger Trägerinnen als in Frankreich, wo man 300 bis 2.000 Frauen schätzte.

Das Portal weist zudem auf eine begriffliche Unschärfe hin: Burka (Afghanistan, Pakistan) und Niqab (Golfstaaten) seien etwas völlig anderes als der Hijab, das Kopftuch. Meloni selbst sprach in ihrer Rede von „burqa e hijab“, in der Ankündigung von „burqa e niqab“.

Wettlauf mit Vannacci vor der Wahl 2027

Il Post ordnet die Ankündigung als Zuspitzung im Vorfeld der Parlamentswahl 2027 ein; ein Termin steht noch nicht fest. Meloni gerät damit in einen Wettlauf mit Vannacci, dessen neue Formation Futuro Nazionale das Thema besetzt.

Dass sie das Paket in dieser Phase vorlegt, fällt in eine für sie ungewöhnlich stabile Zeit: Ihr Kabinett ist seit dem 4. September 2026 seit 1413 Tagen ununterbrochen im Amt – länger als jede italienische Regierung zuvor.

Unterstützung bekommt Meloni aus dem Bildungsministerium: Staatssekretärin Paola Frassinetti sagte, mit verhülltem Gesicht zur Schule zu gehen sei keine Inklusion. Auf derselben Veranstaltung kündigte Meloni an, technische und berufsbildende Institute künftig als „Licei“ zu bezeichnen, weil schon der Name klarmache, dass sie Schulen gleichen Werts seien.

Die Opposition griff die Regierung bei den Zahlen an. PD-Vorsitzende Elly Schlein sagte: „Die Präsidentin Meloni hat weiterhin Probleme mit ihrem Taschenrechner: Wie bei der Gesundheit ist auch bei der Universität während ihrer Regierung die Ausgabe im Verhältnis zum BIP gesunken. Der Punkt ist, dass sie uns sagen muss, wann wir wählen gehen, denn je früher wir ihren Misserfolgen ein Ende setzen, desto besser.“

Umfrage
Lädt

Vollständig ist der Text noch nicht. Unklar sind die genaue Prozentgrenze, die Definition „gravi problemi di inserimento scolastico“, die Finanzierung der Italienisch-Kurse für Eltern und die Frage, ob das Verbot nur Burka und Niqab oder auch den Hijab erfasst. Ebenso offen ist, ob und wann das Paket tatsächlich im Ministerrat beschlossen wird.