Claudia Wenzel wird 67 und kämpft um das Bild vom Osten
Bild: KI-generiert
DDR-Erinnerung

Claudia Wenzel wird 67 und kämpft um das Bild vom Osten

Claudia Wenzel (67) feiert an diesem Montag Geburtstag – und streitet weiter darüber, wie über die DDR erzählt wird. Die Schauspielerin wirbt um Verständnis für ostdeutsche Biografien und hält dem Westen Unwissen vor.

Veröffentlicht
JUX auf Google folgen

Der Osten werde „immer in die rechte Ecke geschoben“, sagt Claudia Wenzel (67) – dagegen wehrt sie sich seit Jahren. An diesem Montag, dem 21. September 2026, begeht die Schauspielerin ihren Geburtstag.

Noch wenige Tage zuvor stand sie nicht auf einer Theaterbühne, sondern auf einem Schiff: Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Schauspieler Rüdiger Joswig, bestritt sie an Bord der MS Thurgau „Edelweiss“ ein Gespräch über „Bühne, Fernsehen und Ehe“.

Der Bericht über den Talk auf der MS Edelweiss nennt den Journalisten Wolfgang Schumann als Moderator und rund 55 Gäste an Bord. Wegen Niedrigwasser war die Route, die ursprünglich ab Basel starten sollte, geändert worden; Kapitän war Csaba Szabo.

Vom Gretchen zur Serienfigur

Ihre Karriere begann in Leipzig: Nach dem Abitur an der Melanchthon-Oberschule in Lutherstadt Wittenberg studierte Wenzel ab 1978 an der Theaterhochschule „Hans Otto“ und gehörte ab 1982 zum Ensemble des Leipziger Schauspielhauses, wo sie als Gretchen in „Faust I“ debütierte.

Dort blieb sie bis 1994 – unter anderem als Mascha in „Drei Schwestern“ und als Hexe Hella in „Meister und Margerita“, in der sie nackt auf der Bühne stand. Die Angaben zu Claudia Wenzels Theaterlaufbahn führen weitere Stationen auf: das Maxim-Gorki-Theater in Berlin, das Winterhuder Fährhaus in Hamburg sowie Bühnen in Dresden und Heppenheim.

Bekannt wurde sie in der DDR durch Film und Fernsehen: 1983 gab sie als Bärbel in dem DEFA-Spielfilm „Schwierig sich zu verloben“ ihr Debüt unter Regie von Karl-Heinz Heymann. Von 1986 bis 1988 spielte sie in „Zahn um Zahn – Die Praktiken des Dr. Wittkugel“ die Sabine Wittkugel, Tochter des Zahnarztes Dr. Alexander Wittkugel, den Alfred Struwe verkörperte.

Nach der Wende folgten die Rollen, die sie zum gesamtdeutschen Fernsehgesicht machten: Fanny Moll in „Unser Lehrer Doktor Specht“ (1991 – 1999), Irene Kadenbach in „Dr. Stefan Frank“ (1995 – 2001), Corinna „Cora“ Franke in „Sturm der Liebe“ (2005 – 2006) und Dr. Vera Bader in „In aller Freundschaft“ (2008 – 2013, 2017 – 2023), deren Serientod in der 1000. Folge kam.

Zwischen 2020 und 2022 war sie zudem in acht Folgen von „Der Bergdoktor“ als Thea Hochstetter an der Seite von Hans Sigl zu sehen. Auch andere Darstellerinnen prägen eine Figur über Jahrzehnte: ChrisTine Urspruchs 24 Jahre als Tatort-Alberich sind ein Beispiel.

Claudia Wenzels Serienrollen nach Folgenzahl

Genannte Folgenzahlen aus vier Serien

Quelle: Serienangaben, Stand August 2026

Streit um die Deutung des Ostens

Seit einigen Jahren tritt Wenzel vor allem als Erinnerungsakteurin auf: Sie liest aus ihrem Buch, besucht Schulklassen und reklamiert Gehör für ostdeutsche Biografien. In der „SuperIllu“ sagte sie, es sei nicht zu akzeptieren, „dass der Osten immer in die rechte Ecke geschoben wird“; die AfD sei „nicht aus dem Nichts“ entstanden.

Wenzel sagt: „Ich will helfen, die vielen Missverständnisse und das Unwissen der ‚Wessis‘ gegenüber der DDR-Geschichte zu ändern und mehr Verständnis zu wecken.“
Claudia Wenzel, Schauspielerin

Ihre Erzählung ist nicht die einer Nostalgikerin: Die fehlende Freiheit in der DDR beschreibt Wenzel als bedrückend, den Tag der Deutschen Einheit nennt sie ihren schönsten Feiertag. 1984 passierte sie bei einem Gastspiel in Ludwigshafen erstmals die Grenzanlagen – und lehnte ein Engagement im Westen ab, weil sie Repressalien gegen ihre Familie in Wittenberg fürchtete.

Bestseller als Wendegeschichte

2024 veröffentlichte Wenzel ihre Autobiografie „Mein Herz ließ sich nicht teilen – Eine Wendegeschichte“. Das Buch wurde zum Spiegel-Bestseller; nach Angaben aus dem Speyer-Kurier liegt es inzwischen in vierter Auflage vor.

Darin verarbeitet sie ihre Kindheit und Jugend in der DDR, die Wendezeit und die Jahre im vereinten Deutschland. Gemeinsam mit ihrem Mann tritt sie seit Jahren mit dem Projekt „Zeitenwende – Lebenswende“ auf, besucht Schulklassen und liest gegen das Vergessen.

Am 19. Juli 2026 stand sie mit einer musikalischen Lesung im Theater am Rand bei Strausberg und sang drei Lieder ihres Bruders, des Liedermachers Hans-Eckardt Wenzel; am Klavier begleitete sie Lukas Natschinski. Ihr Vater, der Kunsterzieher und Maler Manfred Wenzel, schuf den Gemäldezyklus „Mauerbilder“.

Böse Rollen und eine Bitte der Mutter

Über Jahre wurde Wenzel vor allem als intrigante Figur besetzt – der Berliner Kurier nannte sie einmal „Biest“. Von Irene Kadenbach über Cora Franke bis zur ersten, skrupellosen Version der Vera Bader hätten frühere Bekannte sie persönlich mit der Rolle verwechselt.

Ihre Mutter bat sie laut dem Speyer-Kurier, beim Bäcker im Heimatort nett zu plaudern, um das Gegenteil zu beweisen. Wenzel sagt, sie habe inzwischen „einen Abstand gewonnen, der mir guttut“; für ein langes Berufsleben brauche es neben Talent auch „50 Prozent Glück“.

Privat ist sie seit September 2003 in zweiter Ehe mit dem Schauspieler und Synchronsprecher Rüdiger Joswig verheiratet, der Stars wie Tom Berenger, Gary Oldman und James Caan seine Stimme leiht und 17 Jahre lang den Kapitän Holger Ehlers in „Küstenwache“ spielte.

Von der ersten Begegnung zur zweiten Ehe

  1. 1984
    Kennenlernen in Leipzig

    Wenzel und Rüdiger Joswig sind Theaterkollegen – beide sind zu diesem Zeitpunkt anders verheiratet.

  2. 1987
    Joswig geht nach West-Berlin

    Er hatte 1982 einen Ausreiseantrag gestellt und siedelt in den Westen über.

  3. 1992
    Wieder Kontakt nach der Wende

    Joswig nimmt erneut Verbindung zu Wenzel auf.

  4. September 2003
    Hochzeit in zweiter Ehe

    Das Paar heiratet; für beide ist es die zweite Ehe.

Wenzel sagte später, sie sei „schon nach der zweiten Probe“ in ihn verknallt gewesen, obwohl beide verheiratet waren, und habe diese Gefühle zuerst nicht zugelassen. Das Paar lebt in Berlin.

Was im Geburtstagsjahr noch kommt

Für die kommenden Wochen ist Wenzel weiter mit musikalischen Lesungen unterwegs: Am 2. Oktober 2026 liest sie um 18 Uhr im Grünen Salon an der Orangerie in Bad Muskau, am 13. November 2026 beim Bücherherbst im Dahme-Seenland. Am Theater am Rand bei Strausberg ist sie bei der Lesung „Sie waren neun. Der Weg in die Freiheit“ zu erleben.

Umfrage
Lädt

In ihren Lesungen stellt sie ihren Zuhörern die Frage, die den Streit bündelt: „Haben wir aus der Geschichte gelernt oder existiert die Mauer noch immer in unseren Köpfen?“ Eine Antwort gibt sie selbst nicht; sie trägt die Frage weiter in Schulen und Säle – das nächste Mal beim Bücherherbst im Dahme-Seenland am 13. November.