Jean Pütz (90) greift zu seinem runden Geburtstag die deutsche Energiepolitik an. Die Nationale Wasserstoffstrategie der Bundesregierung nennt er in der Buchankündigung beim Diplomatic Council Publishing unverblümt eine “Farce„.
Am Montag, dem 21. September 2026, wird der Mann, der mit der WDR-“Hobbythek„ Wissenschaft ins Wohnzimmer brachte, 90 Jahre alt. Statt sich zurückzuziehen, legt er zum Jubiläum das Buch “Wie wir von fossilen Energien unabhängig werden – Mehr Rationalität statt Heureka-Politik!„ vor, verfasst mit dem Journalisten Andreas Dripke.
Wasserstoff? “Viel zu kratzbürstig„
Pütz hält Wasserstoff als universellen Energieträger für ungeeignet. Er sei “viel zu kratzbürstig„, müsse für den flüssigen Transport auf minus 253 Grad Celsius gekühlt werden und sei bei Normaltemperatur hochexplosiv. Für Wasserstoffgas müsste weltweit erst eine völlig neue Infrastruktur errichtet werden.
Sein Gegenentwurf: grünes Methanol als zweite Säule der Energiewende neben dem Strom. “Wir brauchen nur zwei Energieformen: erstens elektrischen Strom, zweitens einen flüssigen Energieträger„, lautet ein Kernsatz des Buches. Methanol ist bei Umgebungsbedingungen flüssig – Tankschiffe, Pipelines, Tanks, Waggons und Tankstellen aus der fossilen Welt lassen sich weiter nutzen.
Hergestellt werden soll das Methanol in sonnenreichen Regionen rund um den Äquator, auf bislang ungenutzten Wüstenflächen. Solaranlagen erzeugen dort billigen Strom, Wasser aus der Luft wird per Elektrolyse zerlegt, der Wasserstoff verbindet sich mit CO₂ aus der Umgebungsluft. Der Atmosphäre wird so netto Kohlendioxid entzogen – bei der späteren Nutzung entsteht CO₂, das erneut zur Herstellung dienen kann.
Defossilisierung statt Dekarbonisierung
Daraus leitet Pütz eine begriffliche Unterscheidung ab: Nicht Dekarbonisierung sei das Ziel, sondern Defossilisierung. Kohlenstoff sei nicht grundsätzlich das Problem. Entscheidend sei, keinen zusätzlichen fossilen Kohlenstoff aus Kohle-, Erdöl- und Erdgaslagerstätten in den aktiven Kreislauf der Atmosphäre einzubringen.
Sein Ansatz versteht sich ausdrücklich nicht als Konkurrenz zu Elektromobilität, Wärmepumpen oder Stromnetzausbau, sondern als Ergänzung überall dort, wo direkte Elektrifizierung technisch schwierig oder unwirtschaftlich ist – etwa bei Schiffen, Flugzeugen und Industrieanlagen.
Pütz verknüpft damit geopolitische Hoffnungen: Sonnenreiche Länder könnten von Rohstoffverkäufern zu Produzenten erneuerbarer Energie und eigener Wertschöpfung werden, Europa könnte neue Energiepartnerschaften eingehen. Das Thema beschäftigt ihn seit Jahren, schon früher warb er für eine internationale Methanolwirtschaft.
Vom Betriebselektriker zum Fernsehlehrer
Pütz, geboren am 21. September 1936 in Köln, wuchs weitgehend in Luxemburg auf. Nach der Hauptschule machte er eine Elektrikerlehre und arbeitete als Betriebselektriker im Eisenhüttenwerk Luxemburg. 1955 bestand er eine Aufnahmeprüfung für Sonderbegabte, 1956 begann er ein Ingenieurstudium der Nachrichtentechnik, das er 1959 als Diplomingenieur abschloss.
Auf dem zweiten Bildungsweg holte er das Abitur nach und arbeitete als Studienrat. Schon während des Studiums war er freier Mitarbeiter beim WDR, ab 1970 festangestellter Redakteur, wo er die Redaktion Naturwissenschaft und Technik aufbaute und leitete. Sein Satz “Ich hab' da mal was vorbereitet„ wurde zum geflügelten Wort.
Von 1974 bis 2004 lief die von ihm erfundene “Hobbythek„ mit 345 Ausgaben. 1984 entwickelte er die “Wissenschaftsshow„, aus der später “Quarks„ hervorging. Bis 2001 war er fest beim WDR angestellt, danach war er im ZDF-Magazin “Volle Kanne„ zu sehen und tourte mit seiner “Pützmunter„-Show. Er veröffentlichte rund 80 Bücher.
Jean Pütz: Stationen eines langen Berufslebens
- 21. September 1936Geburt in Köln
Jean Pütz kommt in Köln zur Welt und wächst weitgehend in Luxemburg auf.
- 1956Ingenieurstudium in Köln
Nach der Aufnahmeprüfung für Sonderbegabte beginnt er das Studium der Nachrichtentechnik, 1959 folgt das Diplom.
- 1970Festangestellter WDR-Redakteur
Pütz baut die Redaktion Naturwissenschaft und Technik auf und leitet sie.
- 22. Dezember 1974Erste “Hobbythek„-Ausgabe
Die von ihm erfundene Sendung läuft bis 2004 in insgesamt 345 Folgen.
- 1984Die “Wissenschaftsshow„
Aus ihr geht später die Sendung “Quarks„ hervor.
- 2004Letzte “Hobbythek„-Folge und dritte Ehe
Im selben Jahr heiratet er Pina Coluccia.
- 21. September 202690. Geburtstag
Zum Jubiläum erscheint sein Buch über eine grüne Methanolwirtschaft; der WDR zeigt um 23.15 Uhr “WDR Geschichte(n)„.
Panoramablick ohne Durchblick
Gesundheitlich hat Pütz nach eigenen Angaben einen Oberschenkelhalsbruch überstanden und eine neue Herzklappe bekommen. Wegen altersbedingter Makuladegeneration liegt sein Sehvermögen nur noch bei rund zwei Prozent: Lesen und Schreiben kann er nicht mehr, er diktiert alles.
Über seine Lage spricht er mit einem Satz, der inzwischen zu seinem Markenzeichen geworden ist – und der erklärt, warum er trotzdem weitermacht:
„Ich habe einen Panoramablick, aber ich habe keinen Durchblick mehr. Das ist mein Spruch. Aber: Man darf nicht aufgeben!“
Partys und ein Termin um 23.15 Uhr
Seinen 90. Geburtstag will Pütz groß feiern: Auf seinem Bauernhof erwartet er 200 bis 300 Gäste. Seit 2004 ist er in dritter Ehe mit Pina Coluccia verheiratet; 1999 kam Sohn Jean Adrian zur Welt, 2010 Tochter Julie. Aus erster Ehe stammt Sohn Jörn. Einen großen Wunsch hat er noch: den Tanz mit Tochter Julie auf dem Abiball.
Seine Frau Pina Coluccia sagt: “Wir müssen jeden Geburtstag genießen und feiern, den wir noch zusammen haben.„ Pütz selbst rechnet mit deutlich mehr Zeit:
„Die Ärzte haben mir versprochen, dass ich mindestens noch 15 Jahre lebe. Das heißt, jetzt muss ich schon meine Freunde zum 100. Geburtstag einladen.“
Der WDR erinnert aus Anlass des Geburtstags an seine Karriere und zeigt die Würdigung zum 90. Geburtstag. Am Sonntag, 20. September, lief auf ONE die allererste “Hobbythek„-Ausgabe, ursprünglich vom 22. Dezember 1974. Am Montag folgt um 23.15 Uhr im WDR Fernsehen eine neue Folge “WDR Geschichte(n)„; Grundlage ist ein Gespräch, das Autor Klaus Michael Heinz im Sommer 2026 mit Pütz geführt hat. Ob sein Methanol-Plan politisch Gehör findet, ist offen.
