Israels Verteidigungsminister Israel Katz droht mit der Räumung der gesamten Stadt Gaza. Sollte auch nur ein israelischer Soldat oder Zivilist entführt werden, würden die Häuser, die „Terrortürme“ und die rund eine Million Einwohner nach Süden evakuiert, sagte er am Dienstag, dem 22. September 2026.
Der Ort war mit Bedacht gewählt: Katz sprach bei der jährlichen Gedenkveranstaltung für die im Jom-Kippur-Krieg 1973 getöteten Soldaten in der Nationalen Gedenkhalle auf dem Mount-Herzl-Militärfriedhof in Jerusalem. Seine Warnung richtete sich nach übereinstimmenden Berichten nicht nur an die Hamas, sondern ausdrücklich auch an deren Unterstützer.
Warnung „vom Iran bis Erdoğan“
Katz berief sich auf „verschiedene Absichten und Geheimdienstinformationen“, die auf neue Entführungspläne der Hamas hindeuteten. Details nannte er nicht; unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben nicht. Der Iran und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan ließen die Hamas nach seinen Worten als „nützliche Idioten“ benutzen.
Katz verglich das angedrohte Vorgehen mit dem bisherigen Kriegsverlauf: Gaza-Stadt werde so behandelt wie Rafah, Beit Hanoun und 70 Prozent des Gazastreifens – „bis er zurückgebracht wird“, also bis zur Rückkehr künftiger Geiseln. Er drohte zudem, Häuser und Terrortürme der Stadt zu zerstören.
„Das ist die Sprache, die die dschihadistischen Terrororganisationen im Gazastreifen und im Libanon verstehen, und das ist die Sprache, die wir sprechen: die Bevölkerung evakuieren, die Infrastruktur zerstören und das Gebiet einnehmen.“
Kein Rückzug von der Yellow Line
Gleichzeitig machte Katz klar, dass Israels Armee nicht von der sogenannten Yellow Line abrücken wird – der Trennlinie zwischen israelisch kontrolliertem Gebiet und dem von der Hamas beherrschten Teil des Gazastreifens. Teilrückzüge werde es nicht geben, solange die Hamas nicht zerschlagen und Gaza nicht von Waffen und Tunneln entwaffnet sei. Die im Oktober 2025 von den USA vermittelte Waffenruhe, sagte Katz, werde so nicht halten: „Wir alle wissen, dass dies nicht geschehen wird.“
Beim Anteil des Gebiets unter israelischer Kontrolle weichen die Angaben ab: Die Jerusalem Post nennt 63 Prozent und Rückzugspunkte bei 53, rund 30 und 15 Prozent, der JointMedia News Service rund 54 Prozent entlang der Yellow Line. Mitte September hatte Katz Medienberichten zufolge einen Plan zur Umsiedlung der Gaza-Bevölkerung für rund zwei Millionen Palästinenser bekräftigt.
„Ein Witz“ und „leere Drohungen“
In Israel fiel die Reaktion scharf aus. Der Vorsitzende von Jisrael Beitenu und frühere Verteidigungsminister Avigdor Liberman nannte die Warnung einen „Witz“: Wenn es drei Jahre nach dem Massaker noch Geheimdienstinformationen über Entführungsabsichten gebe, sage das mehr über den Bankrott der Regierung des 7. Oktober aus als alles andere.
Ofer Winter, Vorsitzender der Partei Amcha Jisrael und Brigadegeneral a. D., forderte ein Ende der Ankündigungen: „Statt die Bedrohung zu beseitigen, gehen Verantwortliche auf Sendung und drohen damit, dass ganz Gaza evakuiert wird, wenn jemand entführt wird.“ Die Hamas nehme solche Drohungen nicht ernst – 2023 seien 251 Menschen entführt worden, „und das ist nicht geschehen“.
Gezielte Tötungen und eine Wahl in fünf Wochen
Auslöser der Warnung war nach Angaben des israelischen Portals ynet ein Bericht, wonach die Armee Soldaten im Gazastreifen zu erhöhter Wachsamkeit aufgerufen hatte – die Hamas könnte auf eine Serie gezielter Tötungen ihrer Funktionäre mit Entführungen reagieren. Getötet wurden nach israelischen Angaben unter anderem der Rafah-Brigadekommandeur Nayal Abu Obeid und der Kommandeur des Bataillons Jabaliya, Ahmad Batash.
Vom Überfall 2023 bis zur Drohung auf dem Mount Herzl
- 7. Oktober 2023Überfall der Hamas auf Israel
Rund 1.200 Menschen sterben, 251 werden in den Gazastreifen verschleppt.
- Oktober 2025Von den USA vermittelte Waffenruhe
Die vereinbarte Entwaffnung der Hamas bleibt offen.
- 15./16. September 2026Israel tötet Hamas-Kommandeure
Unter den Getöteten ist Nayal Abu Obeid, Kommandeur der Rafah-Brigade.
- 21. September 2026Anschlag an der Yellow Line
Eine Sprengladung trifft ein unbemanntes Pionierfahrzeug; das Board of Peace mahnt zur Einhaltung der Waffenruhe.
- 22. September 2026Katz droht mit Räumung Gaza-Stadts
Bei der Gedenkfeier auf dem Mount Herzl kündigt er an, rund eine Million Einwohner nach Süden evakuieren zu lassen.
- 22./23. September 2026Scharfe Kritik in Israel
Liberman nennt die Warnung einen Witz, Winter fordert ein Ende leerer Drohungen.
- 27. Oktober 2026Parlamentswahl in Israel
Die Drohung fällt in die heiße Phase des Wahlkampfs.
Am Abend vor der Gedenkveranstaltung schlug nach Armeeangaben eine Sprengladung am Straßenrand gegen ein unbemanntes Pionierfahrzeug auf israelischer Seite der Yellow Line ein; Israel nannte das eine „eklatante Verletzung“ der Waffenruhe und griff Hamas-Infrastruktur an. Die Drohung fällt gut fünf Wochen vor der israelischen Parlamentswahl am 27. Oktober 2026. Ob aus Katz' Ankündigung Wirklichkeit wird, hängt an einem einzigen Fall: ob es eine weitere Entführung gibt.
