Ein 52 Jahre alter Sicherheitsmitarbeiter ist am Montagabend auf dem Münchner Oktoberfest von der herabfahrenden Gondel des 85 Meter hohen Free-Fall-Towers „Hangover“ erfasst und eingeklemmt worden. Er starb wenig später im Krankenhaus – bislang ist unklar, warum er sich unter der Gondel aufhielt.
Der Unfall ereignete sich gegen 21:50 Uhr an dem Turm in der Matthias-Pschorr-Straße auf der Theresienwiese. Die Gondel traf den Mann beim Herabfahren. Laut der Homepage des Fahrgeschäfts erreicht sie bis zu 90 Stundenkilometer, bevor sie unten deutlich abgebremst wird. Ob die Gondel mit ihren 24 Plätzen zum Unfallzeitpunkt voll besetzt war, blieb zunächst offen.
Der 52-Jährige erlitt schwerste, vor allem Kopfverletzungen. Kollegen leisteten vor Ort Erste Hilfe, der Rettungsdienst führte sie fort, schnell eintreffende Polizisten und Retter begannen mit der Reanimation.
Der Mann wurde vor Ort wiederbelebt und schwerst verletzt in das Klinikum rechts der Isar gebracht, wo er seinen Verletzungen erlag. Fahrgäste kamen nach Angaben von Polizei und Aicher Ambulanz nicht zu Schaden.
Polizei: Er war in einem verbotenen Bereich
Die zentrale Frage der Ermittlungen: Warum stand der Sicherheitsmann unter der Gondel, als sie sich nach unten bewegte? Nach Angaben der Polizei hielt er sich in einem Bereich auf, in dem er sich nicht hätte befinden dürfen. Weshalb, war zunächst unklar.
Polizeisprecher Thomas Schelshorn sagte, man wisse nicht, weshalb sich der 52-Jährige an einer Stelle aufgehalten habe, an der er nicht hätte sein sollen. Die Kriminalpolizei nahm die Ermittlungen bereits am Montagabend am Fahrgeschäft auf.
Geführt werden sie vom Kommissariat 13 der Münchner Kriminalpolizei, das unter anderem für Betriebsunfälle zuständig ist. Die Ermittler gehen von einem Unfall aus und werteten Zeugenaussagen aus; sie baten weitere Zeugen, sich zu melden oder Handyvideos zu übermitteln, wie aus dem Livebericht der Süddeutschen Zeitung zum Unfall hervorgeht. Geklärt werden soll, ob jemandem ein Vorwurf gemacht werden kann.
Vor Ort waren die Arbeiten vorerst abgeschlossen, Spuren gesichert und erste Zeugen befragt.
TÜV findet keine Mängel – Betrieb läuft wieder
Am Dienstag, dem 22. September, prüfte der TÜV den Turm. Nach Angaben der Betreiberfamilie kontrollierten die Prüfer alle Funktionen äußerst sorgfältig und gewissenhaft; technische Mängel stellten sie laut dem BR-Bericht zur technisch einwandfreien Anlage nicht fest.
Auch das Ordnungsamt der Stadt München erhob keine Einwände und erteilte die Freigabe. Wiesnchef Christian Scharpf zufolge gaben TÜV und Lokalbaukommission grünes Licht, auch die Staatsanwaltschaft hatte keine Einwände gegen die Wiederaufnahme des Betriebs. Für Besucher bestehe keinerlei Gefahr.
Der Hangover war nach dem Unfall von den Behörden vorübergehend gesperrt worden, nahm aber weniger als 24 Stunden später – am Dienstagabend – den Betrieb wieder auf. Ein technischer Defekt lag offenkundig nicht vor; die Unfallursache blieb ungeklärt. Erst im August saßen auf dem Hamburger Sommerdom 23 Menschen drei Stunden im Kettenkarussell fest, weil die Notbremse blockierte.
Die Familie hatte ihm von dem Job abgeraten
Bei dem Getöteten handelt es sich um Aleksandar Spasic (52), einen serbischen Staatsbürger aus Augsburg. Er arbeitete zum ersten Mal auf dem Oktoberfest als Security-Mitarbeiter am Hangover und hatte sich auf die Arbeit gefreut, um damit für seine Familie zu sorgen. Er hinterlässt seine Ehefrau Adriana (47), mit der er fast 30 Jahre verheiratet war, und zwei erwachsene Söhne.
Seine Angehörigen hatten ihm von dem Job abgeraten. Sohn Lazar (26) schilderte gegenüber der „Bild“-Zeitung:
„Papa, geh nicht zum Oktoberfest, das ist ein schlimmer Ort zum Arbeiten.“
Die Familie fürchtete vor allem, der 52-Jährige könnte durch Betrunkene verletzt werden. Nur 75 Minuten vor dem tödlichen Unfall hatte Spasic noch Kontakt mit seiner Ehefrau. Sein Sohn sagte, er habe „am Gesicht der Oberärztin gemerkt, dass etwas Schlimmes passiert ist“.
Adriana Spasic sagte, ihr Mann sei „mein Ein und Alles“ gewesen. Zugleich äußerte die Familie Unverständnis über den Hergang. Lazar beschrieb seinen Vater als vorsichtig: Einen Tag zuvor habe er an einem anderen Fahrgeschäft einen verlorenen Gegenstand nicht aufheben wollen, weil ihm das zu gefährlich gewesen sei.
Gegenüber der „Bild“ mutmaßte der Sohn, eigentlich dürfe dort niemand hin, es sei verboten. Vielleicht habe jemand seine Brille oder sein Handy verloren, und sein Vater habe es aufheben wollen. Nach Angaben des Sohnes handelte es sich um die letzte Fahrt des Tages, rund zehn Minuten vor Betriebsschluss; die Sitze bremsen knapp über dem Boden ab.
Betreiber zeigen sich geschockt
Die Betreiberfamilie Schneider zeigte sich tief betrübt. Sprecher Dirk Metz erklärte, man sei „noch immer geschockt von dem tragischen Ereignis gestern Abend“.
In einer am Dienstag veröffentlichten Pressemitteilung hieß es, nach so einem schrecklichen Unglück sei es für Familie Schneider wie für die gesamte Schaustellerfamilie nicht leicht, wieder zum Normalbetrieb überzugehen. Die Gedanken seien weiterhin bei der Familie und den Freunden des Verstorbenen.
Das ganze Team sei geschockt und entsetzt, hieß es weiter; die Familie arbeite eng mit Polizei und Staatsanwaltschaft zusammen, um zu klären, wie es zu diesem für die Schaustellerfamilie einmaligen Vorfall kommen konnte und welche Konsequenzen zu ziehen sind.
Yvonne Heckel, Sprecherin der Veranstaltungsgesellschaft der Münchner Schausteller, sagte, die Anteilnahme sei enorm gewesen, „die Kollegen, die sind sprachlos“. Am Donnerstag sollte im Rahmen des Schaustellergottesdienstes Raum und Zeit gegeben werden, um den Kollegen zu trauern.
Wie konnte er in den Gefahrenbereich gelangen?
Freunde des Getöteten richteten auf der Plattform GoFundMe ein Spendenkonto für die Hinterbliebenen ein. In dem beigefügten Text hieß es, in dieser schweren Zeit wolle man der Familie zumindest finanziell ein wenig Unterstützung und Entlastung geben.
Während des großen Rettungseinsatzes wurde der Bereich rund um das Fahrgeschäft abgesperrt. Aicher-Sprecher Julian Tanzer zufolge waren Kriseninterventionsteams vor Ort, um Augenzeugen zu betreuen. Wie viele Menschen betroffen waren, konnte Tanzer nicht sagen; jeder, der eine Betreuung gewollt habe, habe die Möglichkeit gehabt.
Für die Familie bleibt die zentrale Frage unbeantwortet: Wie konnte ein vorsichtiger Sicherheitsmann zehn Minuten vor Betriebsschluss in den verbotenen Bereich unter der Gondel geraten? Die Kripo will klären, ob jemandem ein Vorwurf zu machen ist. Die Ermittlungen könnten sich nach Angaben der Polizei Tage, wenn nicht Wochen ziehen.
