Der Manhattan Supreme Court hat Harvey Weinstein (74) am Mittwoch, dem 23. September 2026, zu 15 Jahren Haft verurteilt – fünf Jahre mehr, als seine Anwälte gefordert hatten, fünf weniger als die Staatsanwaltschaft. Damit steht die 15-jährige Haftstrafe nach dem New Yorker Wiederaufnahmeverfahren fest.
Das Strafmaß erging wegen einer „criminal sexual act“ ersten Grades zum Nachteil der damaligen Fernseh-Produktionsassistentin Miriam Haley (49). Richter Curtis Farber verhängte zusätzlich fünf Jahre Bewährung nach der Entlassung und ordnete an, dass Weinstein sich als Sexualstraftäter registrieren lassen muss. Weinstein erschien im Rollstuhl, die Hände an den Sitz gefesselt, im Gerichtssaal. Das gesetzliche Maximum für die Tat lag bei 25 Jahren.
Der 74-Jährige sitzt seit 2020 in Haft und hat mehr als sechs Jahre verbüßt; nach Angaben der Nachrichtenagentur AP verbleiben ihm unter dem neuen Strafmaß rund neun Jahre. Nach Einschätzung mehrerer Berichte wird Weinstein den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen.
Farber nennt ihn das Gesicht der MeToo-Bewegung
Der Richter begründete das Strafmaß mit fehlender Einsicht: „Du hast dir mit Gewalt genommen, was du wolltest, und du hast nie Verantwortung übernommen“, sagte Farber. In einer weiteren Passage sagte er: „Du hattest alles. Dein Vermächtnis hätte mit Größe besiegelt werden können. Aber du hast alles weggeworfen, indem du Miriam Haley angegriffen hast.“
„Man wird sich an die vielen wunderbaren Filme erinnern, die Sie auf die Leinwand gebracht haben, aber die Anerkennung dafür wird verblassen angesichts dessen, was Sie getan haben, was aus Ihnen geworden ist: ein sexueller Predator. Das buchstäbliche Gesicht der MeToo-Bewegung.“
Farbers Worte sind die Antwort auf die Streitfrage, die die Verhandlung beherrschte: Zeigt Weinstein Reue? Der Richter verneinte das – und folgte damit dem Argument, mit dem die Staatsanwaltschaft 20 Jahre Haft verlangte. Weinstein war über Jahrzehnte einer der mächtigsten Produzenten Hollywoods; für „Shakespeare in Love“ gewann er einen Oscar.
20 Jahre gefordert, neun geboten, 15 verhängt
Assistant District Attorney Nicole Blumberg forderte für die Staatsanwaltschaft Manhattan 20 Jahre Haft plus fünf Jahre Nachbetreuung – exakt die Strafe, die 2020 für diesen Anklagepunkt verhängt worden war. Weinstein habe „nicht einmal ein Gramm Reue“ gezeigt, betreibe weiterhin Victim Blaming und „unrelenting online harassment“.
Blumberg verwies zudem auf einen Deal über 1,75 Millionen Dollar, mit dem Weinstein Podcaster dafür bezahlt haben soll, Videos zu seinem Verteidigungsvorteil zu veröffentlichen und den Jury-Pool zu beeinflussen – offenbar eine Anspielung auf sein Interview mit Candace Owens im Mai 2025.
Die Verteidigung um Anwalt Jacob Kaplan verlangte dagegen nur neun Jahre, nach AP-Angaben drei zusätzliche Jahre auf die bereits verbüßten sechs, weil eine längere Strafe es wahrscheinlicher mache, dass Weinstein im Gefängnis stirbt. Verteidiger Marc Agnifilo sagte vor Gericht, sein Mandant sei nur wegen Übergriffen auf zwei Frauen verurteilt worden: „Es sind nicht Dutzende, es sind zwei.“
Haftstrafen im Fall Weinstein in New York
Angaben in Jahren
Drei Anläufe, sechs Jahre Verfahren
Es ist die zweite Verurteilung in genau diesem Fall. 2020 hatte ein New Yorker Gericht Weinstein wegen der Attacke auf Haley und der Vergewaltigung der angehenden Schauspielerin Jessica Mann zu 23 Jahren Haft verurteilt – 20 Jahre für Haley, drei für Mann.
2024 hob das höchste Gericht des Bundesstaats New York die Schuldsprüche auf. Begründung: Der damalige Richter habe zu Unrecht Aussagen weiterer Frauen zugelassen, deren Vorwürfe nicht Teil der Anklage waren; Weinstein sei dadurch benachteiligt worden. Insgesamt dauerte sechsjährige Weg zum zweiten Strafmaß von der ersten Verurteilung bis zu diesem Mittwoch.
Von der ersten Verurteilung zum zweiten Strafmaß
- Oktober 2017Enthüllungen lösen die MeToo-Bewegung aus
Die New York Times und der New Yorker veröffentlichen Vorwürfe Dutzender Frauen gegen Weinstein.
- 202023 Jahre Haft in New York
20 Jahre für die Attacke auf Miriam Haley, drei Jahre für die Vergewaltigung von Jessica Mann.
- 2024Höchstes Gericht hebt die Schuldsprüche auf
Der New York Court of Appeals beanstandet die Zulassung von Aussagen weiterer Frauen; ein neuer Prozess wird angeordnet.
- Juni 2025Wiederaufnahme mit gemischtem Ergebnis
Erneuter Schuldspruch im Fall Haley, Freispruch im Fall Kaja Sokola, keine Einigung im Fall Jessica Mann.
- Mai 2026Dritter Prozess endet erneut ohne Urteil
Der allein auf den Vorwurf von Jessica Mann beschränkte Prozess endet mit einem hung jury.
- Ende Juni 2026Staatsanwaltschaft lässt Anklagepunkt fallen
Weil Mann nicht erneut aussagen will, wird der Weg zur Strafzumessung frei.
- 23. September 202615 Jahre Haft
Richter Curtis Farber verhängt zusätzlich fünf Jahre Bewährung und ordnet die Registrierung als Sexualstraftäter an.
Haleys zweite Aussage
Haley, eine frühere Entertainment-Produzentin, die heute in der Werbebranche arbeitet, hatte 2004 auf einer Film-Afterparty erstmals Kontakt zu Weinstein und lernte ihn 2006 bei den Filmfestspielen von Cannes wieder kennen, wo er ihr eine kurze Tätigkeit als Produktionsassistentin bei der von ihm produzierten Reality-Show „Project Runway“ anbot.
Sie sagte aus, Weinstein habe sie am 10. Juli 2006 in seiner Wohnung in Manhattan/Soho zum Oralverkehr gezwungen, sie dabei aufs Bett gedrückt und festgehalten, obwohl sie sich widersetzt und ihn zum Aufhören aufgefordert habe.
In ihrer zweiten „victim impact statement“ sagte Haley, die Entscheidung auszusagen, sei traumatisierend gewesen. Sie habe oft daran gedacht auszusteigen und sich nach hartem Kreuzverhör, Presserummel und Anfeindungen im Netz oft „wie die Angeklagte“ gefühlt: „Es ist ein lebenslanges Urteil für mich.“
„Der sexuelle Übergriff von Harvey Weinstein hat verheerende Auswirkungen auf mein Leben und mein Sicherheitsgefühl gehabt, die vielleicht nie verschwinden werden.“
Nach dem Urteil sagte Haley, sie sei mit dem Strafmaß zufrieden. Weinstein aber habe offensichtlich nicht anerkannt, was er getan habe: „Ich glaube, er fühlt sich immer noch im Recht, und das ist Teil des Problems.“
Reue, Rollstuhl und ein Stiftungsplan
„Ich bin kein perfekter Mensch. Aber ich bin ein Mensch, der Fehler gemacht hat“, sagte Weinstein. Es habe ihm geholfen zu erkennen, wie sein früheres Verhalten andere negativ beeinflusst habe: „Ich lebe mit vielen Reuegefühlen und entschuldige mich aufrichtig bei jedem, den ich mit meinen Handlungen verletzt haben könnte.“ Zugleich betonte er: „Aber ich muss meine Unschuld wiederholen.“
Er beklagte die „torturous“ Haftbedingungen auf Rikers Island, fühle sich „wie ein Tier oder weniger“ behandelt und sehe „grundlegende Menschenrechte“ verletzt. Für den Fall einer Entlassung kündigte er an, sein restliches Leben der Unterstützung von Häftlingen zu widmen und eine Stiftung namens „Transfer“ zu gründen. Mehrere seiner Beschwerdeführerinnen schüttelten während seiner Worte den Kopf.
„Ich will außerhalb dieser Mauern leben. Ich bin kein gewalttätiger Mensch. Ich bitte um Gnade.“
Der 74-Jährige leidet nach Angaben seiner Anwälte an Knochenmarkkrebs, chronischer myeloischer Leukämie, einer koronaren Herzkrankheit sowie Nieren- und Diabetes-Erkrankungen. Seit 2025 war er sechsmal im Krankenhaus; derzeit ist er in der Gefängnisstation des Bellevue Hospital in Manhattan untergebracht. Anwalt Kaplan erklärte, die Krebstherapie verschärfe die Herzprobleme und werde weitere Klinikaufenthalte erforderlich machen.
Ein zweites Strafmaß steht noch aus
Weinsteins Sprecher Juda S. Engelmayer kündigte an, man werde „seine juristischen Rechte weiter verfolgen und sowohl die Verurteilung als auch dieses Strafmaß im Berufungsweg anfechten“. Auffällig sei die „außergewöhnliche Diskrepanz“ zu üblichen Strafen in New York für vergleichbare Taten – in Deutschland verurteilte das Landgericht Heilbronn im August 2026 einen Familienvater wegen Vergewaltigung und schweren sexuellen Missbrauchs der eigenen Tochter zu neuneinhalb Jahren Haft wegen Vergewaltigung der Tochter.
Getrennt davon läuft das kalifornische Verfahren: Dort war Weinstein im Dezember 2022 wegen der Vergewaltigung und sexuellen Nötigung der italienischen Schauspielerin und Model Evgeniya Chernyshova in einem Hotel in Los Angeles schuldig gesprochen und im Februar 2023 zu 16 Jahren Haft verurteilt worden. Ein Berufungsgericht bestätigte den Schuldspruch, hob aber das Strafmaß auf, weil der damalige Richter die später gekippten New-York-Verurteilungen strafverschärfend berücksichtigt hatte. Eine Neu-Festsetzung steht aus.
Richter Farber sagte, wenn es nach ihm gehe, solle die New-York-Strafe im Anschluss an die kalifornische verbüßt werden; über eine parallele Vollstreckung entscheide letztlich die kalifornische Justiz. Manhattan District Attorney Alvin Bragg, der neben Haley im Saal saß, sagte: „Heute ging es um die Überlebenden.“
Gloria Allred, die Haley begleitete, widersprach der Deutung, dieses Urteil markiere das Ende von #MeToo: „Viele in der Presse haben angedeutet, dass dieses Strafmaß das Ende der MeToo-Bewegung bedeutet. Meiner Meinung nach könnte nichts weiter von der Wahrheit entfernt sein.“ Mehr als 80 Frauen haben Weinstein öffentlich sexuelle Übergriffe vorgeworfen.
Offen bleibt nun, ob Weinsteins Berufung gegen Verurteilung und Strafmaß Erfolg hat und wann Kalifornien über die Vollstreckung entscheidet. Ein Termin für die dortige Neu-Festsetzung ist nicht gesetzt – bis dahin bleibt der 74-Jährige in Haft.
