Die Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren ist nach Ansicht der Kommissionsspitze kein verzichtbarer Punkt in einem 33 Punkte langen Paket. Constanze Janda, Co-Vorsitzende der Alterssicherungskommission, nennt sie „wirklich zentral“ – und stellt sich damit gegen die Koalition, die genau diese Empfehlung gerade auseinandernimmt.
In einem am 23. September 2026 veröffentlichten Interview der Kommissionschefin im Tagesspiegel sagte Janda, die Streichung sei unvermeidbar, weil die Rentenart nicht nachhaltig finanzierbar sei. Auf die Frage, welche der 33 Empfehlungen weniger wichtig sei, wäre ihr „die zur abschlagsfreien Rente auf gar keinen Fall eingefallen“.
Union und SPD diskutieren nach Berichten über den Umbau der Rente mit 63, über den auch der Merkur zu 47 Beitragsjahren berichtet, die abschlagsfreie Frührente im Kern zu erhalten und stattdessen die Voraussetzungen zu verschärfen: statt 45 künftig 46 oder maximal 47 Beitragsjahre, eine Begrenzung auf Berufsgruppen mit harter körperlicher Arbeit und eine kürzere Anrechnung von Erziehungszeiten.
Von 33 Empfehlungen bleibt im Streit wenig übrig
Die Kommission hatte ihren Bericht am 23. Juni 2026 an Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) übergeben – mit 33 Empfehlungen, darunter die Empfehlung zur Abschaffung der Rente mit 63.
Von der Einführung 2014 zum offenen Koalitionsstreit
- 2014Einführung der Rente mit 63
Die abschlagsfreie Altersrente nach 45 Versicherungsjahren wird eingeführt.
- 23. Juni 2026Kommission übergibt 33 Empfehlungen
Die Alterssicherungskommission übergibt ihren Bericht an Kanzler Merz und Arbeitsministerin Bas; enthalten ist die Abschaffung der abschlagsfreien Frührente.
- 2. Juli 2026Koalition will alle Empfehlungen umsetzen
Der Koalitionsausschuss kündigt an, die 33 Empfehlungen vollständig umzusetzen; das Gesetzgebungsverfahren soll bis Ende 2026 abgeschlossen sein.
- 22. September 2026Berichte über Anpassungen
Medien berichten, Union und SPD diskutieren 46 oder maximal 47 Beitragsjahre, eine Begrenzung auf körperlich belastende Berufe und eine kürzere Anrechnung von Erziehungszeiten.
- 23. September 2026Janda verteidigt die Abschaffung
Im Tagesspiegel-Interview nennt die Co-Vorsitzende die Streichung „wirklich zentral“ und fünf Jahre Übergangsfrist realistisch.
- 24. September 2026CSU und SPD halten dagegen
CSU-Landesgruppenchef Hoffmann fordert „Härtefälle ja, Regelfälle nein“; SPD-Vize Schweitzer lehnt eine Abschaffung strikt ab.
Am 2. Juli 2026 hatte der Koalitionsausschuss den Bericht gewürdigt und angekündigt, alle Empfehlungen „vollständig und zügig“ umzusetzen. Merz betonte, das Paket dürfe nicht auseinandergenommen werden („alle Elemente dieses Reformpakets müssen jetzt zügig umgesetzt werden“), Bas warnte vor „Rosinenpicken“. Gut zwei Monate später verhandelt dieselbe Koalition über Anpassungen an genau dieser Stelle.
Milliardenkosten, die anderswo fehlen
Janda begründet ihre Haltung mit Geld: Die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren koste jedes Jahr Milliardensummen, die dringend für andere Zwecke gebraucht würden. Für die Kommissionsvorsitzende ist die Streichung deshalb kein Detail am Rand des Reformpakets.
„Sie ist wirklich zentral, weil diese Rentenart jedes Jahr Kosten in Milliardenhöhe mit sich bringt und das Geld dringend anderweitig gebraucht wird.“
Zugleich hält sie die Abschaffung für unausweichlich: „Früher oder später“ müsse die Rentenart ohnehin fallen, weil sie nicht nachhaltig finanzierbar sei. Wenn nicht jetzt, werde sie die nächste Rentenkommission wieder vorschlagen – bis dahin zahlten die Jüngeren drauf.
Fünf Jahre Übergang – und ein Urteil aus Karlsruhe
Die Kommission habe von vornherein klargemacht, dass es bei der Abschaffung Übergangsfristen geben müsse; fünf Jahre halte Janda für realistisch. Aus ihrer Sicht ist eine Übergangsregelung verfassungsrechtlich zwingend – sie verweist auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2004 zur Anhebung des Rentenalters für Frauen.
Auch die Finanzierung des Gesamtpakets hängt für sie an dieser Frage: Die neue, kapitalgedeckte Säule sei mit zwei zusätzlichen Beitragspunkten kalkuliert und könne nur funktionieren, wenn nicht auch noch die abschlagsfreie Rente Milliardensummen auffresse.
Sozial hält Janda die Regelung für verfehlt. Sie nütze nicht den Menschen, für die sie gedacht gewesen sei. Die Kommission habe stattdessen eine Rentenart konzipiert, die speziell auf Menschen abziele, die aus gesundheitlichen Gründen wirklich nicht bis zur Regelaltersgrenze arbeiten könnten.
„Der Dachdecker zahlt für den früheren Ruhestand gut situierter Büroangestellter drauf.“
Mit einer solchen Ersatzlösung würde nach ihren Worten tatsächlich der Dachdecker profitieren – und nicht der Büroangestellte, der seinen Ruhestand mit 63 schon geplant hat.
Härtefälle ja, Regelfälle nein
In der Koalition ist die Umsetzung umstritten. Nach Berichten wird über Streit um die Rente mit 63 inzwischen im Kanzleramt verhandelt. CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann zieht eine Grenze:
„Wir haben in der Koalition eine klare Vereinbarung: Härtefälle ja, Regelfälle nein. Ohne eine Änderung des Regel-Ausnahme-Verhältnisses bei der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren kann es keine Rentenreform geben.“
Die SPD hält dagegen. Vize-Parteichef Alexander Schweitzer lehnt eine Abschaffung auch mit Übergangsfristen ab: „Es reichen keine Übergangsfristen. Wer lange arbeitet, muss mehr haben als der, der nicht so lange gearbeitet hat.“ Das sei für ihn Leistungsgerechtigkeit. Fraktionschef Matthias Miersch nennt den Rentenanspruch nach 45 Jahren ein „elementares Gerechtigkeitsthema“.
Rückendeckung bekommt Janda dagegen von Wissenschaft und Verbänden. Die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer fordert, an der kompletten Abschaffung festzuhalten, und nennt die Regelung unsolidarisch gegenüber der jüngeren Generation. Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK, verlangt mindestens eine ausreichende Übergangszeit und eine „echte Ersatzlösung“ für gesundheitlich belastete Ältere.
Was der Wegfall bringen würde
Eine Modellrechnung des DIW im Auftrag der Bertelsmann Stiftung ergibt: Die Abschaffung könnte die Rentenversicherung je Rentnerjahrgang um rund 9,5 Milliarden Euro entlasten und dem Arbeitsmarkt etwa 125.000 Vollzeitkräfte erhalten. 2025 gingen nach den in der Debatte genannten Zahlen rund 262.000 Menschen über diese Rentenart abschlagsfrei in den Ruhestand; andere Angaben schwanken zwischen 250.000 und 280.000 jährlich.
Die abschlagsfreie Altersrente ist seit 2014 möglich. Ab 1964 Geborene können bei 45 Versicherungsjahren grundsätzlich mit 65 Jahren ohne Abschläge in Rente gehen.
Ob sich Janda durchsetzt, entscheidet sich im Gesetzgebungsverfahren, das bis Ende 2026 abgeschlossen sein soll. Offen ist, ob die Koalition bei 46 oder 47 Beitragsjahren landet – oder ob die Kommissionschefin sich behauptet und die abschlagsfreie Rente nach 45 Jahren ganz fällt.
