Koalition streitet im Kanzleramt über die Rente mit 63
Bild: KI-generiert
Altersvorsorge

Koalition streitet im Kanzleramt über die Rente mit 63

Vertrauliches Spitzentreffen im Kanzleramt: Die SPD will das Rentenpaket aufschnüren und die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren erhalten – die Unionsfraktion hält an der Abschaffung fest. Die entscheidende Klärung soll erst der Koalitionsausschuss am 7. Oktober bringen.

Veröffentlicht
JUX auf Google folgen

Rund 30 Prozent aller Neurentner beziehen die abschlagsfreie Rente nach 45 Versicherungsjahren, seit 2014 waren es 3,4 Millionen Menschen. Ob dieser Weg bleibt, ist zwischen Union und SPD offen – nach Angaben aus CDU-Kreisen will die SPD ihn vollständig erhalten.

Am Dienstagabend, dem 22. September 2026, kamen ab 20 Uhr Spitzenvertreter der Koalition im Bundeskanzleramt zu einem vertraulichen Treffen zusammen. Formelle Beschlüsse wurden nicht gefasst, Ergebnisse zunächst nicht veröffentlicht. Das Treffen diente der Vorbereitung des Koalitionsausschusses am 7. Oktober 2026, wie vorab über das Krisentreffen zu Rente und Pflege berichtet wurde.

Vorausgegangen war eine monatelange Debatte. Die Alterssicherungskommission der Bundesregierung hatte im Juni 2026 in 33 Empfehlungen der Rentenkommission zur Rente mit 63 vorgeschlagen, die abschlagsfreie Rente für besonders langjährig Versicherte abzuschaffen und durch eine „Schutzrente“ für gesundheitlich belastete Beschäftigte zu ersetzen.

Der Streit um die Rente mit 63

  1. Juni 2026
    Rentenkommission empfiehlt das Aus der Rente mit 63

    Die Alterssicherungskommission der Bundesregierung schlägt in 33 Empfehlungen vor, die abschlagsfreie Rente nach 45 Versicherungsjahren abzuschaffen und eine „Schutzrente“ für gesundheitlich Belastete einzuführen.

  2. Anfang Juli 2026
    Koalitionsausschuss will das Paket komplett umsetzen

    CDU und SPD beschließen, das Rentenpaket zügig und vollständig umzusetzen; ein erstes Gesetz soll bis Ende 2026 stehen.

  3. Ende August 2026
    Merz will Frühverrentung unattraktiv machen

    Der Kanzler sagt, „alle Anreize zur Frühverrentung“ müssten beendet werden.

  4. 13. September 2026
    AfD gewinnt die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt

    Merz kündigt an, im Gesetzgebungsverfahren Details anzuschauen – besonders beim Umgang mit Menschen, die 45 Jahre gearbeitet und Beiträge gezahlt haben.

  5. 19. bis 21. September 2026
    Niederlagen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin

    In Mecklenburg-Vorpommern kommt die AfD auf rund 38 Prozent, die CDU fliegt mit 4,9 Prozent aus dem Landtag; in Berlin holt die SPD ihr schlechtestes Ergebnis der Landesgeschichte. Merz kündigt eine grundlegende Kurskorrektur an.

  6. 22. September 2026
    Vertrauliches Spitzentreffen im Kanzleramt

    Ab 20 Uhr beraten Warken, Bas, Dobrindt und Böhning über Rente, Pflege und Gesundheit. Beschlüsse fallen nicht, das Treffen bereitet den Koalitionsausschuss am 7. Oktober vor.

Die SPD will das Paket aufschnüren

Aus CDU-Kreisen hieß es, die SPD wolle die bisherigen Vereinbarungen wieder aufschnüren. Konkret gefordert würden deutlich längere Übergangsfristen bei der Altersteilzeit, der weitgehende Erhalt von Minijobs sowie das vollständige Festhalten an der . Zudem pocht die SPD auf den dauerhaften Erhalt der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren.

Langfristig dringt sie darauf, auch Beamte, Selbstständige und Politiker in die gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen. In CDU-Kreisen heißt es zugleich, die SPD sehe sich durch den jüngsten Kurs der Union bestärkt, die stärker auf soziale Gerechtigkeit setze; es gebe den Vorwurf, der Kanzler zeige sich gegenüber der SPD zu nachgiebig.

Ein Papier des SPD-Parteivorstands stellt den Reformkurs offen infrage: Ein schlichtes „Weiter so“ könne es nach den Landtagswahlen nicht geben. Einsparungen seien angesichts knapper Kassen nötig, „sie sind deshalb aber noch lange keine Reformen“. Stattdessen fordert die SPD einen „deutschen New Deal“ mit Entlastungen bei den Spritpreisen, einem Preisdeckel und mehr Geld für frühkindliche Bildung.

SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf hatte in der ARD-Sendung „Miosga“ betont, gerade das Ende der Rente mit 63 stoße in der Bevölkerung auf Ablehnung, weil sich viele Menschen in ihrer Lebensplanung darauf verlassen hätten. Parteichef und Finanzminister Lars Klingbeil sagte: „Gerade in Fragen wie der Rente mit 45 Beitragsjahren müssen wir jetzt schnell zur Lösung auch in der Koalition kommen.“

Widerstand auch in der Union

Die Auseinandersetzung verläuft nicht entlang der Koalitionslinie. Die CDU-Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (Sachsen), Mario Voigt (Thüringen) und Sven Schulze (Sachsen-Anhalt) verlangen substanzielle Änderungen und verweisen auf lange Erwerbsbiografien und die Bedeutung der gesetzlichen Rente in Ostdeutschland. Zuletzt stellten sich sieben der 16 Ministerpräsidenten gegen die Pläne.

Kretschmer zeigte sich am Montag im Deutschlandfunk überzeugt: „Es wird bei der Rente nach 45 Beitragsjahren bleiben.“ Damit stellt er sich gegen den Kurs der Unionsfraktion, den Merz zuvor die Ost-Länderchefs bei der Rente zurückwies.

Auf SPD-Seite lehnen unter anderem die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger, Mecklenburg-Vorpommerns Regierungschefin Manuela Schwesig, Brandenburgs Dietmar Woidke und Bremens Andreas Bovenschulte eine ersatzlose Abschaffung ab. Auch die SPD-Landtagsfraktion in Baden-Württemberg fordert Änderungen.

Die Führung der Unionsfraktion hält bislang an der Abschaffung fest. Fraktionschef Thorsten Frei drängt auf eine Umsetzung als Gesamtpaket; sein Stellvertreter Johannes Winkel sprach sich am Mittwochmorgen erneut für die Reform ohne grundlegende Abstriche aus. CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann nannte die Abschaffung unumstößlich und verwies auf das strukturelle Defizit der Rentenkasse. Bei einer Härtefallregelung für besonders belastete langjährig Versicherte sind sich Union und SPD im Grundsatz einig, sie muss aber noch ausformuliert werden.

Was die Abschaffung kosten soll

Umkämpft ist vor allem, wie lange die Übergangsfristen ausfallen. SPD-Politiker fordern mehrjährige Fristen, teils ist von bis zu zehn Jahren die Rede; Teile der Rentenkommission halten deutlich kürzere Übergänge für ausreichend. Als Leitplanke gilt ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2004: Bei der Abschaffung der Altersrente für Frauen nahm es eine fünfjährige Übergangsfrist als Maßstab. Arbeitsministerin Bas hat rund fünf Jahre als Orientierung genannt.

Nach Berechnungen der Rentenkommission brächten Abschläge bei vorzeitigem Renteneintritt rund 430 Millionen Euro jährlich. Würde der Renteneintritt im Schnitt um ein Jahr nach hinten verschoben, läge die Entlastung bei 6,5 Milliarden Euro pro Jahrgang. Eine DIW-Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung errechnete für den Geburtsjahrgang 1957 eine Einsparung von rund 10,4 Milliarden Euro – 9,5 Milliarden davon beim Staat – und rund 125.000 zusätzliche Vollzeitarbeitsjahre. Das Handelsblatt hat die zu erwartenden Folgen einer Abschaffung zusammengestellt.

2025 nahmen 145.194 Männer und 117.167 Frauen die Altersrente für besonders langjährig Versicherte erstmals in Anspruch. Die durchschnittliche Bruttorente der Männer lag bei 2095 Euro, die der Frauen bei 1672 Euro.

Ökonomen warnen vor einem Einknicken. Die Vorsitzende des Sachverständigenrats, Monika Schnitzer, warnte davor, das Konzept wegen einzelner Wahlergebnisse aufzugeben – sonst drohten steigende Beiträge. Der Wirtschaftsweise Martin Werding wies darauf hin, dass der Rentenbeitragssatz 2027 und 2028 auf rund 20 Prozent steigen werde.

Die OECD-Sozialexpertin Monika Queisser betonte: „Mit 45 Beitragsjahren und mit 65 abschlagsfrei in Rente ist im internationalen Vergleich nicht unbedingt großzügig.“ Der Ökonom Axel Börsch-Supan vom Max-Planck-Institut hält einen früheren Ausstieg dagegen für legitim – wenn die Abschläge bezahlt werden.

Natürlich kann jeder früher in Rente gehen, wenn er das möchte. Aber dann soll er oder sie auch die Abschläge bezahlen.
Axel Börsch-Supan, Ökonom am Max-Planck-Institut

Was die Bevölkerung will

Die geplante Abschaffung stößt in der Bevölkerung auf deutliche Ablehnung. Im ZDF-Politbarometer vom August 2026 sprachen sich 75 Prozent der 1.319 befragten Wahlberechtigten dagegen aus, 20 Prozent dafür.

Zugleich hält eine große Mehrheit eine Reform grundsätzlich für nötig: In einer Civey-Erhebung im Auftrag der Funke-Mediengruppe bejahten 82 Prozent eine grundlegende Reform der gesetzlichen Rente – doch nur 20 Prozent trauen der schwarz-roten Koalition zu, sie hinzubekommen. Gewerkschaften und Sozialverbände kritisieren die Abschaffung mit Verweis auf körperlich belastende Berufe und früh begonnene Erwerbsbiografien.

Stimmung zur Rente mit 63 und zur Rentenreform

Angaben in Prozent der Befragten

Quelle: ZDF-Politbarometer, August 2026; Civey für Funke-Mediengruppe

Wie es weitergeht

Am Mittwochmorgen, dem 23. September 2026, erklärte Kanzleramtschefin Nina Warken, es gebe „keine Absage“ an die angekündigten Reformen; die Empfehlungen der Rentenkommission seien weiterhin als Gesamtpaket zu betrachten. Zugleich bestätigte sie den Vertrauensschutz bei der Rente mit 63 ohne Gesetzentwurf, den Arbeitsministerin Bärbel Bas zugesagt hatte.

Unionsfraktionschef Frei erklärte nach Gesprächen in der Fraktion, einzelne Fragen seien noch offen und müssten ausformuliert werden, Grundlage bleibe die Verständigung, das Rentenpaket grundsätzlich umzusetzen. Eine öffentlich bekannte Einigung über die Zukunft der Rente nach 45 Versicherungsjahren gab es am 23. September nicht.

Bis ein Gesetzentwurf vorliegt und Bundestag sowie gegebenenfalls Bundesrat entschieden haben, gilt die bisherige Regelung weiter. Klären soll das der Koalitionsausschuss am 7. Oktober 2026 – bis dahin bleibt offen, ob die abschlagsfreie Rente nach 45 Versicherungsjahren tatsächlich verschwindet oder in veränderter Form erhalten bleibt.

Umfrage
Lädt