Mercedes will 800 Millionen Euro bei den Arbeitskosten sparen
Bild: KI-generiert
Tarifstreit

Mercedes will 800 Millionen Euro bei den Arbeitskosten sparen

Mercedes-Benz will die Arbeitskosten in Deutschland um bis zu 800 Millionen Euro senken. Der Vorstand fordert längere Arbeitszeit, weniger Urlaubs- und Weihnachtsgeld – Betriebsrat und IG Metall verweigern sich und sehen eine rote Linie überschritten.

Veröffentlicht
JUX auf Google folgen

Mercedes-Benz will die Arbeitskosten in Deutschland um bis zu 800 Millionen Euro senken – und riskiert dafür den offenen Bruch mit seiner Belegschaft.

Am 24. September 2026 berichtete die WirtschaftsWoche unter Berufung auf drei mit der Sache vertraute Personen über diese Summe. Wie sie zusammenkommen soll, blieb offen. Der Stuttgarter Konzern bestätigte die Zahl nicht und verwies auf laufende Gespräche; über Ergebnisse will er erst nach deren Abschluss informieren, wie der SWR über die geplanten Einsparungen berichtet.

Der seit Monaten schwelende Streit um die deutschen Arbeitskosten hat damit erstmals eine konkrete Zielmarke. Auf der einen Seite steht der Vorstand um Konzernchef Ola Källenius, auf der anderen Betriebsrat und IG Metall – beide Seiten haben sich öffentlich festgelegt.

Vom Sparprogramm zur Werksdrohung

  1. 2025
    Sparprogramm „Next Level Performance“ startet

    Unter Konzernchef Ola Källenius beginnt Mercedes mit dem Programm, das die Konzernkosten bis 2027 um rund fünf Milliarden Euro senken soll. Für die deutschen Standorte wird eine Beschäftigungssicherung bis 2034 vereinbart.

  2. Juni 2026
    Produktivitätsoffensive für Deutschland

    In einer Rundmail an die Belegschaft kündigt der Vorstand längere Arbeitszeit für gleiches Geld sowie Kürzungen beim Weihnachts- und Urlaubsgeld und bei der Gewinnbeteiligung an. In den Werken wird ein Video von Källenius gezeigt.

  3. 26. Juni 2026
    Sonderzahlung verschoben

    Mercedes verschiebt die tarifliche Sonderzahlung – den „Transformationsbaustein“ von 18,4 Prozent eines Monatsentgelts – auf das Folgejahr.

  4. 21. September 2026
    Schiebe droht, 175.000 protestieren

    Produktionsvorstand Michael Schiebe sagt in Sindelfingen, ohne Kostensenkung müsse ein deutsches Aufbauwerk und ein deutsches Powertrainwerk schließen. Am selben Tag protestieren bei einem IG-Metall-Aktionstag bundesweit rund 175.000 Menschen.

  5. 24. September 2026
    Bericht über 800 Millionen Euro

    Die WirtschaftsWoche meldet, Mercedes wolle die Arbeitskosten in Deutschland um bis zu 800 Millionen Euro senken. Der Konzern bestätigt die Zahl nicht.

  6. 7. Oktober 2026
    Tarifrunde startet

    In der Metall- und Elektroindustrie beginnen die Verhandlungen; die Friedenspflicht endet am 31. Oktober 2026.

Drei Hebel – und alle sind tariflich geschützt

Nach den übereinstimmenden Berichten prüft das Management mehrere Stellschrauben gleichzeitig. Die größte ist die Arbeitszeit: Bei Mercedes gilt tariflich die 35-Stunden-Woche. Der Vorstand will, dass die Beschäftigten für dasselbe Gehalt länger arbeiten – im Gespräch ist eine 38-Stunden-Woche.

Källenius und Aufsichtsratschef Martin Brudermüller dringen laut ad-hoc-news sogar auf bis zu 40 Wochenstunden ohne vollen Lohnausgleich. Zusätzlich prüft das Management eine Kürzung des Urlaubs- und Weihnachtsgeldes sowie die Streichung einzelner Sonderzahlungen. Bereits im Juni hatte Mercedes die tarifliche Sonderzahlung um ein Jahr verschoben.

Alle drei Punkte sind tarifvertraglich geregelt – Mercedes kann sie nicht im Alleingang ändern. Die Wochenarbeitszeit steht im Flächentarifvertrag der Metall- und Elektroindustrie. Ohne Zustimmung der IG Metall, die parallel ein Lohnplus fordert, lässt sich eine generelle Arbeitszeitverlängerung juristisch nicht durchsetzen.

Schiebe droht mit dem Aus für zwei deutsche Werke

Die 800-Millionen-Pläne fallen nicht ins Leere: Bereits am 21. September 2026 hatte Mercedes mit der Schließung zweier deutscher Werke gedroht. Produktionsvorstand Michael Schiebe sagte auf einer Betriebsversammlung in Sindelfingen, ohne Kostensenkungen werde der Konzern ein deutsches Aufbauwerk und ein deutsches Powertrainwerk schließen müssen. Ein Unternehmenssprecher bestätigte die Angaben.

„Es ist unser klares Ziel, alle deutschen Standorte zu erhalten. Dafür müssen wir uns auf für alle verträgliche Maßnahmen einigen, um die Kosten in Deutschland zu senken. Gelingt uns dies nicht, werden wir ein deutsches Aufbauwerk sowie ein deutsches Powertrainwerk schließen müssen.“
Michael Schiebe, Produktionsvorstand Mercedes-Benz

Die Unschärfe gehört zur Drohkulisse. Mercedes betreibt Aufbauwerke in Sindelfingen, Rastatt und Bremen – drei Standorte konkurrieren um zwei verbleibende Plätze. Powertrain- und Komponentenwerke unterhält der Konzern in Untertürkheim, Affalterbach, Berlin, Hamburg, Kamenz sowie in Kölleda und Arnstadt. Dem Betriebsrat zufolge erwägt das Management die Schließung der Motorenfertigung in Untertürkheim.

175.000 Protestierende und ein Kompromiss

Die Belegschaft reagierte umgehend. Bei einem Aktionstag der IG Metall protestierten nach Gewerkschaftsangaben bundesweit rund 175.000 Menschen, in Sindelfingen etwa 20.000 Beschäftigte, in Bremen rund 3.000. Vor den Werkstoren skandierten sie „Ola raus“ – gerichtet gegen Konzernchef Källenius.

Michael Häberle, stellvertretender Konzernbetriebsratschef, nennt die Sparliste der Unternehmensführung einen „Horrorkatalog“. Die Positionen lägen „meilenweit auseinander“; in seinen 40 Jahren bei Mercedes habe er eine solche Kompromisslosigkeit des Managements noch nicht erlebt. Ein Hochlohnland wie Deutschland könne den Wettbewerb nicht über niedrige Löhne gewinnen: „Hohe Löhne und Innovationen waren Teil des Erfolgs von Mercedes.“

„Ich lasse mich nicht auf das Niveau von China herab.“
Michael Häberle, stellvertretender Konzernbetriebsratschef Mercedes

Gesamtbetriebsratschef Ergun Lümali lotet laut WirtschaftsWoche eine Kompromisslinie aus: Die Belegschaft arbeitet wöchentlich zwei Stunden mehr, befristet auf zwei Jahre – aber nur, wenn Mercedes im Gegenzug investiert, Produkte zusagt und Jobs und Standorte in Deutschland erhält.

Laut dem Spiegel-Bericht über den Widerstand im Betriebsrat sprach eine Sprecherin des Gremiums von Sondierungsgesprächen: Es sei „weder etwas verhandelt noch beschlossen“. Die IG Metall sieht mit dem Angriff auf die 35-Stunden-Woche eine rote Linie überschritten.

49 Millionen Euro Quartalsgewinn – und ein Sparprogramm

Der Sparkurs hat eine harte Grundlage. Im zweiten Quartal 2026 brach das operative Betriebsergebnis der Pkw-Sparte auf 49 Millionen Euro ein; die bereinigte Umsatzrendite lag bei 4,0 Prozent nach 5,1 Prozent im Vorjahr. In China, dem wichtigsten Einzelmarkt, sackten die Auslieferungen um 30 Prozent auf 98.624 Fahrzeuge.

Hinzu kamen Wertminderungen von 752 Millionen Euro auf Anteile an chinesischen Gemeinschaftsunternehmen und Restrukturierungskosten von rund 1,1 Milliarden Euro im ersten Halbjahr. Die 800 Millionen sind Teil des Programms „Next Level Performance“, mit dem Källenius die Konzernkosten bis 2027 um rund fünf Milliarden Euro senken will.

Intern rechnet das Management gegen: Die Lohnkosten in osteuropäischen Fabriken liegen rund 75 Prozent niedriger als in Deutschland, in den USA knapp ein Fünftel. Die Jahresarbeitszeit an anderen Standorten ist über 25 Prozent höher.

Lohnkosten-Vergleich: Osteuropa und USA gegen Deutschland

Lohnkosten in Mercedes-Fabriken relativ zu Deutschland (Index 100); Angaben aus internen Präsentationen des Managements

Quelle: Handelsblatt / elektroauto-news, September 2026

Untermauert wird das durch den Ausbau in Ungarn: Im Werk Kecskemét steigt die Jahreskapazität auf 400.000 Einheiten – bei rund drei Viertel niedrigeren Löhnen. Gegenüber 2024 hat Mercedes seine deutschen Fertigungskapazitäten bereits um rund ein Zehntel reduziert. Weltweit soll die Kapazität bis 2028/2029 von 2,4 Millionen auf 2,0 bis 2,2 Millionen Einheiten sinken.

Die Tarifrunde entscheidet

Der Konflikt fällt mitten in die Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie, die am 7. Oktober 2026 startet. Die Friedenspflicht endet am 31. Oktober. Betroffen sind rund 91.000 Beschäftigte an den deutschen Mercedes-Standorten, für die 2025 eine Beschäftigungssicherung bis 2034 vereinbart wurde.

Umfrage
Lädt

Lümali will Zugeständnisse nur gegen Produkt-, Investitions- und Standortgarantien. Ob der Vorstand solche Zusagen macht, ist offen – bislang will er erst nach Abschluss der Gespräche über Ergebnisse informieren. Bis zum 31. Oktober läuft die Friedenspflicht. Danach wird sich zeigen, ob Mercedes verhandelt oder seine Drohung aus Sindelfingen wahrmacht.