Mercedes-Benz droht mit der Schließung von zwei deutschen Werken. Produktionsvorstand Michael Schiebe sagte am Montag auf der Betriebsversammlung im Werk Sindelfingen, ein deutsches Aufbauwerk und ein deutsches Powertrainwerk müssten geschlossen werden, falls die Kosten in Deutschland nicht sinken.
Ein Unternehmenssprecher bestätigte die Aussagen Schiebes auf Anfrage der dpa, wie der Bericht der Zeit über die angekündigte Werksschließung festhält. Zuerst berichtet hatten die „Stuttgarter Zeitung“ und die „Stuttgarter Nachrichten“.
Die Drohung ist an eine Bedingung geknüpft – und macht die Standortfrage zum Druckmittel in den Verhandlungen über Kostensenkungen. Bleiben sollen Werke und Beschäftigung nur, wenn sich die Belegschaft auf Einschnitte einlässt.
„Es ist unser klares Ziel, alle deutschen Standorte zu erhalten. Dafür müssen wir uns auf für alle verträgliche Maßnahmen einigen, um die Kosten in Deutschland zu senken. Gelingt uns dies nicht, werden wir ein deutsches Aufbauwerk sowie ein deutsches Powertrainwerk schließen müssen.“
Ein Aufbauwerk, ein Powertrainwerk – nur welches?
In Aufbauwerken werden die Fahrzeuge montiert. In Deutschland betreibt Mercedes solche Standorte neben Sindelfingen noch in Rastatt und Bremen. Powertrainwerke fertigen Komponenten; sie stehen in Stuttgart-Untertürkheim, Affalterbach, Berlin, Hamburg, Kamenz, Kölleda und Arnstadt.
Welches Werk betroffen wäre, ließ das Unternehmen offen. Der Bremer Regionalsender buten un binnen ordnet die Drohung als mögliche Gefahr für das Bremer Werk ein – Bremen ist eines der drei deutschen Montagewerke.
Der Weser-Kurier berichtet, in den Verhandlungen habe die Unternehmensführung bislang mit der Stilllegung eines einzigen Werkes gedroht. Schiebe habe am Montag „noch einmal nachgelegt“ und zwei Standorte genannt. Die „Bild“-Zeitung bringt es auf die Formel: Blockiere der Betriebsrat die Pläne des Vorstands, drohe das Aus für zwei Standorte.
Vorstand gegen IG Metall
Hintergrund ist der verschärfte Sparkurs des Stuttgarter Autobauers. Mit einer „Produktivitätsoffensive für Deutschland“ will der Vorstand die Kosten senken. In einem Schreiben an die Beschäftigten schlug er vor, für das gleiche Geld mehr zu arbeiten – der harte Sparkurs von Mercedes begann bereits im Juni.
Der Vorstoß ist nicht neu: Mercedes will 38 statt 35 Stunden – bezahlt werden sollen weiter nur 35. Nach einem Bericht des „Handelsblatt“ sollen zudem Weihnachts- und Urlaubsgeld, Sonderzahlungen und Jubiläumsprämien gekürzt werden; die F.A.Z. berichtet von einer geforderten Rückkehr zur 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich.
Die IG Metall weist das Ansinnen als unverhandelbar zurück: Die 35-Stunden-Woche gilt seit 1995 in der Metall- und Elektroindustrie. Daniel Friedrich, IG-Metall-Bezirksleiter Küste, rief den Bremer Beschäftigten zu: „Wer die 35-Stunden-Woche bei Mercedes angreift, greift uns alle an. Wir geben die 35 nicht kampflos her!“ Die IG-Metall-Spitze rechnete vor, fünf unbezahlte Stunden mehr entsprächen einer Kürzung des Jahresentgelts um 20 Prozent.
20.000 Beschäftigte vor dem Werkstor
Unmittelbar vor Schiebes Auftritt versammelten sich am Montagvormittag rund 20.000 Beschäftigte vor dem Mercedes-Werk in Sindelfingen. Die IG Metall sprach von über 20.000 Teilnehmern, Mercedes-Benz von 20.000.
Anlass war der bundesweite Aktionstag der IG Metall unter dem Motto „Zukunft statt Kahlschlag – Zusammenhalt ist unsere stärkste Marke“. Die Gewerkschaft hatte an rund 280 Orten und 200 Standorten mobilisiert; bundesweit zählte sie rund 175.000 Beschäftigte der Autoindustrie.
Gesamtbetriebsratschef Ergun Lümali sagte in Sindelfingen, der Vorstand habe jeglichen Verstand für die Beschäftigten verloren. Man wolle deutlich machen, dass man sich wehren könne. IG-Metall-Bezirksleiterin Barbara Resch machte klar, wie die Gewerkschaft die Sparpläne einordnet:
„Wir lassen uns nicht für dumm verkaufen.“
In Bremen beteiligten sich nach Gewerkschaftsangaben rund 3.000 Beschäftigte des Mercedes-Werks und der Zulieferbetriebe an zwei Kundgebungen in Sebaldsbrück und im Gewerbegebiet Hansalinie. Betriebsratsvorsitzender Michael Peters stimmte die Belegschaft auf eine lange Auseinandersetzung ein: „Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir uns hier nicht das letzte Mal getroffen haben.“
65 Euro gegen 18 Euro
Wirtschaftlich steht Mercedes unter wachsendem Druck. Im zweiten Quartal 2026 steigerte der Konzern seinen Gewinn um mehr als 13 Prozent, vor allem dank E-Auto-, Kleinlaster- und Finanzgeschäft; in der klassischen Autosparte ging der Absatz dagegen zurück. Die Mercedes-Aktie verlor seit Jahresbeginn rund 28 Prozent. Branchenweit wächst der Druck: Auch Volkswagen gab eine Gewinnwarnung heraus, dort geht es um das Aus für vier Werke.
Der Arbeitgeberverband der Automobilindustrie (VDA) rechnete in einem Gastbeitrag vor, eine Arbeitsstunde koste in einem deutschen Autowerk 65 Euro, in Tschechien 24 Euro und in Polen 18 Euro. VDA-Präsidentin Hildegard Müller warnte: „Produktion in Deutschland ist kein Naturgesetz.“
Arbeitskosten je Stunde im Autowerk
Mercedes verlagert Kapazitäten nach Osteuropa: Mitte Juli verdoppelte der Konzern die Jahreskapazität des ungarischen Werks Kecskemét von 200.000 auf 400.000 Fahrzeuge. Der Standort kann die Modelle von Bremen und Rastatt produzieren, die Faktorkosten liegen nach Angaben des Unternehmens 70 Prozent unter denen in Deutschland. In den Verhandlungen soll auch der rumänische Standort Sebeș für ein neues Werk ins Spiel gebracht worden sein.
Der Fahrplan bis zur Tarifrunde
Der Konflikt fällt in die heiße Phase vor der Tarifrunde: Am 7. Oktober 2026 beginnt in Ludwigsburg die erste Verhandlung für die Metall- und Elektroindustrie. Zum 31. Oktober laufen die Entgelttarifverträge aus, dann endet die Friedenspflicht und Warnstreiks werden möglich. In Baden-Württemberg arbeiten rund 900.000 Menschen in dieser Branche.
Von der Sparankündigung zur Schließungsdrohung
- 26. Juni 2026Vorstand kündigt verschärften Sparkurs an
In einem Schreiben an die Beschäftigten schlägt Mercedes vor, für das gleiche Geld mehr zu arbeiten; die Auszahlung des Tarifbausteins wird verschoben.
- 3. Juli 2026Zehntausende protestieren gegen die Sparpläne
An deutschen Standorten demonstrieren nach Gewerkschaftsangaben mehr als 33.000 Beschäftigte.
- 15. Juli 2026Ungarisches Werk wird verdoppelt
Mercedes hebt die Jahreskapazität in Kecskemét von 200.000 auf 400.000 Fahrzeuge.
- 15. September 2026Berichte über eine mögliche Schließung in Rastatt
Mercedes weist die Gerüchte nicht ausdrücklich zurück.
- 21. September 2026Schiebe droht mit zwei Schließungen
Auf der Betriebsversammlung in Sindelfingen nennt der Produktionsvorstand ein Aufbau- und ein Powertrainwerk; zuvor protestieren dort rund 20.000 Beschäftigte.
- 7. Oktober 2026Erste Tarifverhandlung in Ludwigsburg
Für die Metall- und Elektroindustrie beginnen die Verhandlungen.
- 31. Oktober 2026Friedenspflicht endet
Mit dem Auslaufen der Entgelttarifverträge werden Warnstreiks möglich.
Formal schließt eine Beschäftigungssicherung betriebsbedingte Kündigungen in Deutschland bis 2034 aus, nach Angaben der F.A.Z. bis 2035. Die IG Metall kritisiert, der Vorstand komme mit seinen Sparplänen „durch die Hintertür“ und nenne das eine Produktivitätsoffensive. Ein Unternehmenssprecher betonte: „Wir stehen zur vereinbarten Beschäftigungssicherung und wollen unsere Werke und die Beschäftigung in Deutschland erhalten.“
Ob eines der Werke tatsächlich schließt, entscheidet sich zuerst am Verhandlungstisch – und danach womöglich auf der Straße. Am 7. Oktober beginnen die Gespräche; läuft am 31. Oktober die Friedenspflicht aus, kann die IG Metall ihre Drohkulisse mit Warnstreiks untermauern.
