Kanadas Premierminister Mark Carney hat bestätigt, dass seine Regierung einen militärischen Angriff der Vereinigten Staaten auf Kanada für möglich hält – und sich darauf vorbereitet hat. Das Interview mit der New York Times erschien am Mittwoch, dem 23. September 2026, wie der Tagesspiegel über Carneys Risikovorsorge berichtet.
Carney befand sich für die 81. Generalversammlung der Vereinten Nationen in Manhattan, als er die Fragen der Times beantwortete. Ob er Trumps Drohungen, Kanada zum „51. Bundesstaat“ der USA zu machen, ernst nehme, beantwortete er mit einem Begriff aus der Finanzwelt: „extremes Tail Risk“ – ein sehr unwahrscheinliches, aber nicht ausgeschlossenes Szenario.
„Ich denke, man hat in solchen Positionen die Verantwortung, extreme Risiken zu berücksichtigen. Das ist einfach Risikomanagement. Das ist nicht das Basisszenario, aber es wäre unverantwortlich, sich nicht darauf vorzubereiten.“
Zölle, Gegenzölle und ein umbenannter See
Hintergrund ist eine seit Monaten eskalierende Konfrontation. Trump bezeichnet Kanada seit Ende 2024 wiederholt als möglichen „51. Bundesstaat“ und verspottete Premierminister Justin Trudeau als „Gouverneur“. Im Januar 2025 schloss er militärische Gewalt zur Annexion aus, hielt „wirtschaftlichen Druck“ aber für ein legitimes Mittel, um das Land in die Union zu zwingen.
Zugleich drohte er der Europäischen Union mit sehr hohen Zöllen oder einem Handelsstopp, falls sie Kanada aufnimmt – eine entsprechende Drohung gegen die EU.
Nach dem Scheitern der Verhandlungen Mitte August verhängten die USA am 22. August 50 Prozent Zölle auf kanadische Güter im Wert von rund 28 Milliarden Dollar – darunter Bier, Käse und Elektronik. Carney sagte damals vor Reportern, man sei im Krieg, wenn man angegriffen werde.
Anfang September reagierte Ottawa mit Gegenzöllen zwischen 15 und 50 Prozent auf US-Waren im Wert von mehr als 20 Milliarden Dollar, darunter Stahl, Aluminium, Wolle, Bauholz, Milch, T-Shirts und Klimaanlagen. Trump ließ kanadische Produkte aus der öffentlichen Beschaffung des Bundes ausschließen und benannte den Ontariosee in „Lake America“ um.
Recherchen der Financial Times zufolge haben sich Vertreter der US-Regierung im vergangenen Jahr mehrfach mit führenden Köpfen einer rechtsextremen Separatistengruppe aus der Provinz Alberta getroffen. Der Premierminister von British Columbia, David Eby, sprach in diesem Zusammenhang von „Verrat“.
Von der „51. Bundesstaat“-Rhetorik zur Risikoanalyse
- Dezember 2024Trump nennt Kanada „51. Bundesstaat“
Der designierte US-Präsident verspottet Premierminister Justin Trudeau als „Gouverneur“.
- Januar 2025Trump schließt militärische Gewalt aus
Wirtschaftlicher Druck bleibt für ihn ein legitimes Mittel, Kanada in die Union zu zwingen.
- Juli 2025Carney im Weißen Haus: „not for sale“
Trump antwortet auf Carneys Satz, Kanada sei nicht zu verkaufen, mit: „Never say never.“
- 20. Januar 2026Kanadas Militär simuliert US-Invasion
Die Globe and Mail berichtet über ein Szenario, das erstmals seit rund einem Jahrhundert durchgespielt wurde.
- 22. August 202650 Prozent Zölle auf kanadische Güter
Nach dem Scheitern der Verhandlungen belegt Washington Waren im Wert von 28 Milliarden Dollar mit Strafzöllen.
- 1. September 2026Ottawa verhängt Gegenzölle
Betroffen sind US-Waren im Wert von mehr als 20 Milliarden Dollar.
- 23. September 2026Carney bestätigt das Tail Risk
Im Interview mit der New York Times bestätigt er die Risikoanalyse seiner Regierung.
Zwei Millionen gegen weniger als 200.000
Ein bewaffneter Konflikt zwischen den Nachbarn wäre nach Einschätzung von Beobachtern höchst unausgewogen. Nach Angaben des Pentagons dienen in der US-Armee rund 1,3 Millionen aktive Soldaten und fast 765.000 Reservisten. Die kanadische Armee kommt auf etwa 69.000 Aktive und rund 33.500 Reservisten.
Zur See verfügten die USA 2024 über 65 U-Boote, Kanada über vier – von denen laut kanadischer Regierung nur eines seetüchtig ist. Kanada besitzt keine Atomwaffen und keine Flugzeugträger, hat aber die längste Küstenlinie der Welt und liegt nahe der strategisch wichtigen Arktis. Carney hat seit seinem Amtsantritt die Verteidigungsausgaben erhöht.
Militärische Kräfte im Vergleich
Aktive Soldaten und Reservisten in Tausend
Erstmals seit rund einem Jahrhundert geprobt
Bereits im Januar 2026 hatte die kanadische Zeitung Globe and Mail berichtet, die kanadischen Streitkräfte hätten – erstmals seit rund einem Jahrhundert – ein Szenario durchgespielt, in dem die USA angreifen. Die Analyse ging davon aus, dass US-Truppen die konventionellen Verteidigungspositionen Kanadas innerhalb von zwei Tagen bis einer Woche überwinden könnten.
Die daraus abgeleitete Strategie gegen einen hypothetischen Angreifer aus dem Süden: Sabotage, Guerilla-Taktiken und Drohnenangriffe. Militärplaner griffen dabei auf ältere Pläne zurück – auf US-Seite den „War Plan Red“ von 1930, auf kanadischer Seite den „Defence Scheme No. 1“ von Oberstleutnant James Sutherland Brown.
Der „War Plan Red“ sah einen Blitzschlag gegen den Hafen von Halifax, die Besetzung von Kraftwerken bei den Niagarafällen und eine dreigleisige Invasion zur Einnahme von Montreal, Winnipeg und der Nickelminen Nordontarios vor.
Der ehemalige Generalleutnant Andrew Leslie, der die Abteilung leitete, die solche Pläne schreibt und aktualisiert, sagte der CBC über Kanadas ständige Notfallplanung, die Planungen wären nach Trumps Wiederwahl 2024 aktualisiert und angesichts der Drohungen „mit erhöhter Aufmerksamkeit“ hervorgeholt worden. Die Pflicht, alle Sorgfaltspflichten zu erfüllen, liege beim Premierminister; Generalstabschefin Jennie Carignan müsse ihn beraten.
Washington nennt die Frage absurd
Auf US-Seite reagierte der Kommandeur des US-Indo-Pacific Command, Admiral Samuel Paparo, auf die hypothetische Journalistenfrage nach einer Invasion Kanadas mit Spott. Er sagte, eine solche Operation sei „absolut und völlig absurd“ – und legte nach:
„Würden Sie mich bitte auch fragen, was meine Angriffspläne für die Marsmenschen sind?“
Der Politikwissenschaftler Matthew Schmidt von der University of New Haven, ehemaliger Dozent am U.S. Army War College, sagte, viele Amerikaner – auch er selbst – hätten kein Gespür dafür, wie Trumps Worte auf Menschen in anderen Ländern wirkten. Eine US-Militäraktion gegen Kanada hielt er für abwegig, Carneys Vorgehen aber für klug und verantwortungsvoll.
Zugleich fragte Schmidt, ob Carneys Äußerung nicht auch ein politisches Signal gewesen sei: „Wenn Mark Carney aufsteht und das sagt, unterstreicht es einfach die Absurdität dessen, was der amerikanische Präsident gesagt hat.“
In Ottawa sprach der NDP-Fraktionsvorsitzende Don Davies von einer tiefgreifenden Veränderung der Beziehungen: Alles, was man über das Verhältnis Kanada – USA zu wissen glaubte, stehe nun in der Luft. Der Toronto-Star-Kolumnist Andrew Phillips schrieb, Carney hätte der Frage ausweichen können, habe dem Szenario aber „gerade genug Sauerstoff gegeben, um Schlagzeilen zu befeuern“.
Abkehr von Starlink und den F-35
Carney kündigte im selben Interview an, Kanadas Abhängigkeit von den USA bei Schlüsseltechnologien systematisch zu verringern. Konkret nannte er den Ausstieg aus Elon Musks Starlink-Satelliteninternet: „Starlink, davon werden wir uns diversifizieren, ohne Frage.“ Zugleich läuft die Überprüfung des geplanten Kaufs von bis zu 88 US-Kampfjets vom Typ F-35.
Carney will sicherstellen, dass Kanada Flugzeuge erhält, die gut in der Arktis operieren können – ein Hinweis darauf, dass er den schwedischen Saab Gripen E nicht ausgeschlossen hat. Zudem erwartet er wachsende Nachfrage nach Alternativen zum US-Dollar: Ein globales Finanzsystem, das völlig vom Greenback abhänge, sei nicht nachhaltig.
Gegenüber Trump betonte Carney zugleich das Funktionieren des Verhältnisses – ein Signal, dass der Kanal trotz Zöllen offen bleibt:
„Aus meiner Sicht haben wir ein gutes Verhältnis, weil wir jederzeit zum Telefon greifen und über Probleme sprechen können. Er ist direkt, ich bin direkt, was unsere Standpunkte angeht. So läuft es viel effizienter.“
Die beiden hätten auch nach dem Zusammenbruch der Handelsgespräche häufig miteinander gesprochen, sagte Carney. Er sehe weiterhin einen Weg, die Handelsverhandlungen wiederzubeleben.
Am selben Mittwoch behauptete Trump, Kanada „zerstöre sich selbst“, weil es Millionen Menschen „im Grunde unkontrolliert und ungeprüft“ ins Land lasse – Belege nannte er nicht. Carney und Trump trafen sich am Rande der UN-Generalversammlung nicht. Offen bleibt, ob Ottawa seine Notfallplanung konkretisiert – oder ob es beim Hinweis auf das Tail Risk bleibt.
