US-Präsident Donald Trump droht der Europäischen Union mit sehr hohen Zöllen oder einem Handelsstopp. Auslöser ist der Vorschlag aus Brüssel, Kanada als erstes assoziiertes Mitglied der Europäischen Union aufzunehmen.
Trump nannte den Plan am Mittwoch, 16. September 2026, bei einem Wahlkampfauftritt vor der Air Force One in Charlotte, North Carolina, „lächerlich“. Sollte er den Schritt „auch nur im Geringsten als feindseligen Akt“ werten, will er handeln.
Trump droht, den gesamten Handel mit Europa abzuschneiden, wenn Kanada sich enger mit der EU assoziiert https://t.co/bhKE8HkTGb
Nur Stunden zuvor hatte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in Straßburg ihre Rede zur Lage der Europäischen Union gehalten. Kanadas Premierminister Mark Carney saß als erster Regierungschef überhaupt als Ehrengast im Plenarsaal, sprang auf und umarmte sie; die Abgeordneten spendeten stehenden Applaus.
Von der Leyens Angebot aus Straßburg
In ihrer Rede sagte von der Leyen, man müsse die Partnerschaften „in dieser neuen Welt dringend neu denken“. An den anwesenden Carney gewandt erklärte sie: „Wir wollen die Beziehung zu Kanada auf das höchstmögliche Niveau bringen.“ Kanada solle das erste assoziierte Mitglied der EU werden.
Als Felder der Zusammenarbeit nannte sie eine Technologie-Allianz, Rüstungsproduktion, Künstliche Intelligenz, Quantencomputing, Cybersicherheit, Energieversorgung, kritische Rohstoffe, Batterieherstellung und Arktispolitik – darunter ein gemeinsames Leuchtturmprojekt in der Arktis. Das Freihandelsabkommen CETA soll zu einer „Allianz für die Zukunft“ mit einem „Raum gemeinsamen Wohlstands und gemeinsamer wirtschaftlicher Sicherheit“ werden.
Zur Begründung verwies von der Leyen auf gemeinsame Werte. Wie eine assoziierte Mitgliedschaft institutionell und rechtlich aussehen soll, ließ sie offen – der Begriff ist in den EU-Verträgen bislang überhaupt nicht vorgesehen. Die Partnerschaft sei „nicht gegen Andere“ gerichtet, sondern solle Kanada und die EU „gemeinsam stärker machen“.
„Wir sehen die Welt mit den gleichen Augen: von KI bis Klimawandel, von der Arktis bis zur Geopolitik.“
Trumps Antwort aus Charlotte
Auf den Plan angesprochen sagte Trump in North Carolina, er halte ihn für „lächerlich“. Er fügte hinzu: „Wenn die Absicht gut ist, ist das in Ordnung. Wenn die Absicht schlecht ist, werden wir Europa mit sehr hohen Zöllen belegen, das ist eine Möglichkeit.“ Woran er eine gute von einer schlechten Absicht unterscheidet, erläuterte er nicht.
Deutlicher wurde er bei der Frage, was aus seiner Sicht folgen müsste:
„Wenn sie das tun, und ich das auch nur im Geringsten als feindseligen Akt betrachte, werde ich sehr hohe Zölle verhängen oder den Handel mit Europa in vielen Bereichen einstellen.“
Über Kanada verlor Trump nur wenige Worte. Das Nachbarland sei zuletzt ein „schrecklicher Handelspartner“ gewesen. Seine Drohung gegen Europa lässt er dagegen breit: Sie reicht von „sehr hohen Zöllen“ bis zu einem Handelsstopp „in vielen Bereichen“.
Widerspruch aus den eigenen Reihen
Innerhalb der EU trifft der Vorstoß auf Skepsis. Der CDU-Bundestagsabgeordnete und frühere Transatlantikkoordinator Peter Beyer sagte im Deutschlandfunk, eine engere Zusammenarbeit mit Kanada sei in Handels-, Sicherheits- und Rüstungsfragen sinnvoll. Für eine neue Form der assoziierten Mitgliedschaft sehe er jedoch keinen Bedarf.
Ein solches Modell sei bislang nicht einmal für die Westbalkanstaaten eingeführt worden. Es überrasche ihn, dass ein entsprechendes Angebot ausgerechnet Kanada gemacht werde – einem engen Partner der EU, der zudem nicht auf dem europäischen Kontinent liege.
Auch rechtlich ist der Weg versperrt: Artikel 49 des EU-Vertrags erlaubt nur „europäischen Staaten“ den Beitritt. Der SPD-Europaabgeordnete René Repasi bestätigte, der Begriff sei in den Verträgen nicht vorgesehen; denkbar sei ein Modell „Europäischer Wirtschaftsraum plus“. Die Bundesregierung begrüßte die Initiative grundsätzlich, der Begriff müsse aber noch einmal „überdacht“ werden.
Das Konzept stammt von Bundeskanzler Friedrich Merz. Er hatte im Mai 2026 eine assoziierte EU-Mitgliedschaft für die Ukraine als Zwischenschritt vorgeschlagen – dort stieß er auf Ablehnung.
Ein Handelsstreit mit messbaren Folgen
Hintergrund ist der eskalierte Handelsstreit zwischen Washington und Ottawa. Die USA hatten im August 2026 Zölle von 50 Prozent auf eine breite Palette kanadischer Güter verhängt – darunter Autos, Alkohol und Milchprodukte. Kanada reagierte mit Gegenzöllen von bis zu 50 Prozent auf amerikanische Produkte im Umfang von rund 28 Milliarden kanadischen Dollar und setzte die Verhandlungen aus.
Die Folgen sind messbar: Kanadas Exporte in die USA gingen 2025 um 3,7 Prozent zurück, während die Ausfuhren in andere Länder um 11,1 Prozent zunahmen. Der Anteil der Nicht-US-Märkte stieg auf den höchsten Stand seit mehr als vier Jahrzehnten.
Kanadas Exporte: US-Geschäft schrumpft, andere Märkte wachsen
Veränderung im Jahr 2025 gegenüber dem Vorjahr
Rund 70 Prozent der kanadischen Exporte gehen in die USA. Trump hatte dem Nachbarland zuvor wiederholt die Souveränität bestritten und von einem möglichen 51. Bundesstaat gesprochen. Eine von ihm veröffentlichte Karte, auf der die US-Flagge über Kanada, Mexiko und Grönland liegt, sorgte Anfang September für Widerspruch aus Mexiko – Trump zeigt Kanada als Teil der USA.
Carney spricht, im Oktober wird verhandelt
Carney begrüßte den „Vorschlag“ zu einem „weitaus stärkeren, ehrgeizigeren Bündnis in der Zukunft“. Eine assoziierte Mitgliedschaft erwähnte sein Büro nicht. Sein erklärtes Ziel bleibt eine „einzigartige Allianz“ mit der EU, keine Mitgliedschaft. Am Donnerstag, 17. September 2026, will er ab 11:30 Uhr MESZ selbst im Europaparlament in Straßburg sprechen.
Kanadas Finanzminister François-Philippe Champagne wies die Deutung zurück, die Europa-Annäherung diene nur als Hebel gegenüber Washington: „Es geht immer um uns“, sagte er. Man werde weiter mit den USA zusammenarbeiten. Zugleich sagte er: „Die Welt hat sich verändert und Amerika hat sich verändert. Und ich denke, die Welt hat das bemerkt.“
Für den 29. und 30. Oktober 2026 ist ein EU-Kanada-Gipfel in Montreal geplant, auf dem die neue Beziehung verhandelt werden soll. Das Europäische Parlament kündigte zudem an, ein Büro in Ottawa zu eröffnen – sein zehntes außerhalb der EU, mit regionalem Mandat bis in die Arktis. Ob die Idee Realität wird, hängt vor allem von den EU-Mitgliedstaaten ab – und davon, ob Trump den Schritt am Ende als feindseligen Akt wertet.
Die Eskalation im September
- 12./13. September 2026Bericht über eine „assoziierte Mitgliedschaft“
Das „Wall Street Journal“ berichtet, Kanada prüfe eine assoziierte Mitgliedschaft in der EU.
- 13. September 2026Carney dementiert in Toronto
Kanada wolle kein EU-Mitglied werden, sondern eine „einzigartige Allianz“, sagt der Premierminister.
- 14. September 2026Trump verschärft den Ton
Er nennt Kanada den „schwierigsten Verhandlungspartner“ und bekräftigt neue Zölle auf kanadische Autos ab 1. Januar.
- 15. September 2026Carney reist nach Europa
Das Europäische Parlament kündigt ein Büro in Ottawa an, sein zehntes außerhalb der EU.
- 16. September 2026Von der Leyens Angebot
In Straßburg schlägt sie Kanada als erstes assoziiertes Mitglied vor; Carney erhält stehenden Applaus.
- 16. September 2026Trumps Drohung aus Charlotte
Er nennt den Plan „lächerlich“ und droht der EU mit Zöllen oder einem Handelsstopp.
- 29./30. Oktober 2026Gipfel in Montreal
Dort wollen EU und Kanada über die neue Form der Partnerschaft verhandeln.
