Oleschky ist seit Mai ohne Lebensmittel – Kiew fordert Evakuierung
Bild: KI-generiert
Hungersnot

Oleschky ist seit Mai ohne Lebensmittel – Kiew fordert Evakuierung

Seit dem 26. Mai 2026 erreicht Oleschky keine Lebensmittellieferung mehr. Kiew fordert vor der UN-Generalversammlung einen humanitären Korridor und die Evakuierung der rund 6.000 Verbliebenen – der Kreml räumt Engpässe ein und gibt Kiew die Schuld.

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Seit dem 26. Mai 2026 hat kein Lastwagen mehr Lebensmittel nach Oleschky gebracht. In der von Russland besetzten Stadt am linken Ufer des Dnipro, rund vier Kilometer von der Gebietshauptstadt Cherson entfernt, harren nach Behördenangaben noch etwa 6.000 Menschen aus – ohne Strom, ohne Gas, ohne fließendes Wasser.

Am 22. September 2026 brachte Außenminister Andrij Sybiha die Lage in die nach New York und forderte einen humanitären Korridor, Lebensmittel- und Medikamentenlieferungen sowie die Evakuierung der Zivilbevölkerung. Kiew wirft Moskau vor, genau das seit Monaten zu verhindern.

Gras, Zucchini für 10 Euro, eine einzige Kuh

Die Einwohnerin Halyna, die aus Sicherheitsgründen nicht mit ihrem echten Namen genannt wird, berichtet in dem DW-Bericht über den Alltag in Oleschky, sie habe mittags noch nichts gegessen. Das Beste sei ein Fladen aus Wasser und Mehl mit Apfelmus und Tee ohne Zucker. Fleisch habe sie zuletzt „wahrscheinlich an Neujahr“ gegessen.

Auf dem Marktplatz wird nur zwischen sieben und neun Uhr morgens getauscht: Ein Kilogramm Zucchini kostete 1000 Rubel, umgerechnet 10 Euro, ein Sack Mehl wechselte für 200.000 Rubel den Besitzer. 20 Kilogramm Weizenkörner kosteten 21.000 Rubel – deshalb schlachteten die Menschen sogar die im Frühjahr geschlüpften Hühner. Im ganzen Ort gebe es nur noch eine einzige Kuh.

„Die Lage ist kritisch. Das kann man nicht einfach als Hungern bezeichnen, es ist eine Hungersnot.“
Tetjana Hasanenko, Leiterin der Militärverwaltung von Oleschky

Kiew fordert Zugang, Moskau schiebt die Schuld

Der Kreml reagierte doppelt. Am 21. September 2026 räumte Moskau erstmals kritische Engpässe bei der Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten in Oleschky ein und erklärte, das russische Militär arbeite an einer Lösung. Zugleich wies Kreml-Sprecher Dmitri Peskow die Verantwortung von sich.

„Das Regime in Kiew tut absolut alles, um die Lieferungen zu behindern. Drohnen überfliegen ständig das Gebiet und töten Menschen.“
Dmitri Peskow, Sprecher des Kreml

Kiew weist das als Verdrehung der Tatsachen zurück. Auch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz nennt die Lage „instabil und schwierig“ und verweist auf „zahlreiche Hindernisse“ für die Hilfe. Ein am 25. September veröffentlichter UN-Bericht dokumentiert für 2026 mindestens 29 getötete und 54 verletzte Zivilisten in Oleschky und dem benachbarten Hola Prystan.

358 Menschen auf der Evakuierungsliste

Seit dem Frühjahr 2026 verhandelt Kiew mit Moskau über eine Evakuierung. Der Menschenrechtsbeauftragte des Parlaments, Dmytro Lubinez, nennt 358 Menschen, die dringend raus müssten – „das sind nur diejenigen, von denen wir erfahren haben“. Vorläufige Vereinbarungen über eine Waffenruhe und die Beteiligung des Roten Kreuzes habe es gegeben, doch Russland habe seine Bereitschaft seit geraumer Zeit nicht mehr bekräftigt.

Freiwillige, die Evakuierungen koordinieren, berichten, dass Evakuierungen inzwischen gar nicht mehr möglich sind. Viele Einwohner besitzen weder einen russischen noch einen ukrainischen Pass – viele Dokumente gingen bei der Überflutung 2023 oder bei Bränden verloren. Sozialleistungen werden gezahlt, lassen sich aber nicht abheben; Vertreter der Besatzungsmacht sind vor Ort nicht ansprechbar.

Wie Oleschky von der Außenwelt abgeschnitten wurde

  1. November 2022
    Antoniwka-Brücke gesprengt

    Russische Truppen sprengen die einzige direkte Verbindung zwischen Oleschky und Cherson über den Dnipro.

  2. Juni 2023
    Überflutung nach Dammbruch

    Nach der Zerstörung des Kachowka-Staudamms wird Oleschky fast vollständig überflutet; viele Dokumente und Besitztümer gehen verloren.

  3. 7. Januar 2026
    Letzte Durchfahrt von Versorgungsfahrzeugen

    Nach Angaben von Einwohnern erreicht letztmals ein Versorgungsfahrzeug die Stadt.

  4. 26. Mai 2026
    Letzte Lebensmittellieferung

    Seither erreicht keine Lieferung mehr die Stadt. Anfang Juni fahren vier Fahrzeuge auf Minen, zwei Menschen sterben.

  5. 21. September 2026
    Kreml räumt Engpässe ein

    Moskau bestätigt kritische Versorgungsprobleme und schiebt die Schuld auf Kiew.

  6. 25. September 2026
    UN-Bericht zu Drohnenangriffen

    Die UN-Menschenrechtsbeobachtungsmission dokumentiert häufige Angriffe mit Kurzstreckendrohnen auf Zivilisten.

Drohnen, Minen und ein Winter ohne Vorbereitung

Der Weg zur nächsten Versorgung ist lebensgefährlich: Lebensmittel gibt es im rund 20 Kilometer südlich gelegenen Dorf Radensk, wer evakuiert werden will, muss das weitere 20 Kilometer entfernte Tarasiwka erreichen. Der Weg dorthin ist dicht vermint. „Man geht los und kann unterwegs sterben“, sagt Halyna; zwei Frauen seien bei der Lebensmittelbeschaffung ums Leben gekommen.

Drohnenangriffe gehören in der Region zum Alltag, wie die russischen Angriffe auf Cherson Ende August mit drei Toten und einem zerstörten Kraftwerk zeigten. Zwei Rettungswagen, die früher Busse ersetzten, fahren seit etwa anderthalb Monaten nicht mehr, nachdem eine Fahrt für einen Fahrer tödlich endete. Caritas-Vizepräsident Alexander Bodmann warnt in dem ORF-Bericht über die humanitäre Katastrophe, dass die Menschen im Winter nicht nur hungern, sondern erfrieren könnten.

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