Der WDR stellt bis Ende 2027 insgesamt 76 Angebote ein und verzichtet bis 2030 auf rund 133 Stellen. Zu den Opfern gehört „Frau tv“ – seit 29 Jahren das letzte Frauenmagazin im deutschen Fernsehen.
Vorgestellt hat der Sender das Sparprogramm am 25. September unter dem Titel „Schlanker, stärker, digitaler in die Zukunft“. In seiner Mitteilung zum Umbauprogramm nennt er drei Gründe: rasant veränderte Mediennutzung, eine ungewisse Finanzierung und steigende Kosten. Ein Tag später veröffentlichte BILD nach eigenen Angaben die vollständige Streichliste der 76 Formate samt Follower-Zahlen der betroffenen Kanäle; der Sender bestätigte die Streichungen auf Anfrage.
Frau tv endet nach 29 Jahren
Im Fernsehen trifft es neben „Frau tv“ auch „Menschen hautnah“, „WDR Story“ und „WDR.Dok“; ihre Inhalte sollen in die ARD-Mediathek wandern. Die Naturdoku-Reihe „Erlebnis Erde“, bislang Primetime am Montagabend im Ersten, wird komplett ins Digitale verschoben. Das Nachmittagsmagazin „Hier und heute“ startet künftig erst um 17 Uhr und wird um eine Stunde gekürzt.
Hinter den 76 Streichungen steht ein größerer Umbau: Der WDR will sein Portfolio von rund 600 auf 300 Angebote im Jahr 2030 halbieren. Bis zu 100 neue Formate sind geplant, rund 400 Bestandsangebote müssen dafür entfallen – als „Angebot“ zählt der Sender auch Podcasts, Newsletter, Webseiten und eigene Social-Media-Kanäle. Intendantin Katrin Vernau begründet das Tempo mit der Finanzlage:
„Die Mediennutzung verändert sich rasant, unsere Finanzierung ist ungewiss, unsere Kosten steigen. Gleichzeitig benötigen wir mehr Mittel für digitale Angebote – während derzeit noch gut drei Viertel unserer Ressourcen im klassischen linearen Programm gebunden sind. Deshalb müssen wir jetzt handeln und Tempo machen. Unser Ziel: Wir wollen die digitale Heimat aller Menschen im Westen sein.“
Sparpaket trifft Fußball und Karneval
Beim Fußball fährt der WDR die Live-Übertragung der 3. Liga zurück: Sie erreiche „keine relevante Reichweite“, heißt es. Betroffen sind West-Vereine wie MSV Duisburg, Rot-Weiß Essen, Alemannia Aachen und Preußen Münster. Eine frühere Angabe, „Sport im Westen live – 3. Liga“ verschwinde aus dem linearen Fernsehen, wurde korrigiert: Möglichst viele Spiele sollen trotz schwacher Quoten weiter linear laufen, die Digital-Livestreams werden ausgebaut. Gestrichen wird der Podcast „WDR 2 Einfach Fußball“ und der Karnevals-Instagramkanal „wdrjeck“ mit 55.000 Fans.
Radio-Apps, Podcasts und der Rückzug von X
Alle Radio-Apps des WDR – 1LIVE, WDR 2 und Co. sowie die Radio-und-Fernsehen-App – werden eingestellt; Nutzer sollen auf die ARD-App „ARD Sounds“ wechseln. Bei WDR 3 endet „Ex und Pop“, bei WDR 4 fällt „Satire am Sonntag“ weg und der Samstagabend schrumpft von vier auf zwei Stunden. Gestrichen werden Podcasts wie „1LIVE Intimbereich“, „1LIVE Reportage“, „nah dran“ und „studio M – MONITOR im Gespräch“. Auch personell schrumpft der Hörfunk: Mit Thorsten Schorns Wechsel vom WDR zu RTL Radio verlor die Anstalt einen langjährigen Moderator.
Auf Instagram enden „tickr by WDR aktuell“ (174.000 Fans), „klima.neutral“ (90.000) und der Kanal von „Erlebnis Erde“ (131.000). Auf Facebook entfallen „Heimatflimmern“ und die Seite von „Hier und heute“ (175.000 Fans), das Flüchtlingsangebot „WDRforyou“ verliert seine Website. Der WDR zieht sich zudem komplett von der Plattform X zurück – betroffen sind die Accounts des Senders selbst sowie von „hart aber fair“, „maischberger“, „Presseclub“, „Quarks“ und „WDR Investigativ“.
Follower der gestrichenen WDR-Kanäle
Reichweite der Instagram- und Facebook-Auftritte, die bis Ende 2027 enden
ver.di: Die Länder sparen die Sender kaputt
Der Umbau trifft auch das Personal: Ab 2027 soll jede dritte durch Verrentung frei werdende Stelle bis 2030 unbesetzt bleiben – rund 133 Stellen. In den beiden Programmdirektionen gehen in den kommenden Jahren etwa 150 Beschäftigte in den Ruhestand, 50 dieser Stellen bleiben offen. Beim WDR arbeiten rund 4.000 fest angestellte und etwa 2.500 freie Beschäftigte; das Auftragsvolumen für Freie soll sinken.
Ver.di-Vorstandsmitglied Christoph Schmitz-Dethlefsen hält die Pläne für eine Schwächung des Medienstandorts Nordrhein-Westfalen. Er wirft dem Sender vor, nicht offen im Rundfunkrat und gegenüber den Beschäftigten mit den Plänen umgegangen zu sein, nun aber konkrete Zahlen zum Stellenabbau vorzugeben. Adressat seiner schärfsten Kritik sind die Bundesländer, die die Finanzierung verantworten:
„Eine Rundfunkpolitik, die von den Bundesländern verantwortet wird, spart die Sender kaputt und führt damit auch zu weniger Sendungen für die Breite der Gesellschaft.“
Beim Tatort gibt es keine Einschnitte
Weniger Geld für Sport und Karneval, mehr für Digitales: Als neue Formate nennt der WDR „Draußenpolitik“ mit Louis Klamroth und die Dokusoap „Motsi & Oti – Meet the Mabuses“. Einschnitte beim „Tatort“ aus Köln, Dortmund und Münster schloss Intendantin Vernau aus: „Wir werden nicht genau dort, wo wir eine starke und gut nachgefragte Marke haben, einen Einschnitt vornehmen.“ Der MDR dagegen verzichtet drei Jahre auf neue Folgen aus Dresden – und in Sachsen-Anhalt will die AfD nach einem Wahlsieg den MDR-Staatsvertrag kündigen.
Wie der WDR-Umbau bis 2030 geplant ist
- Frühjahr 2026WDR kündigt Halbierung des Portfolios an
Der Sender will von rund 600 auf 300 Angebote im Jahr 2030 kommen; bis zu 100 neue Formate sind geplant.
- Juni 2026Mediengewerkschaft VRFF bestätigt den Beginn
Die Halbierung des Angebots hat nach Angaben der Gewerkschaft begonnen.
- 25. September 2026Geschäftsleitung stellt Sparprogramm vor
76 Angebote werden bis Ende 2027 eingestellt, jede dritte durch Verrentung frei werdende Stelle bleibt bis 2030 unbesetzt.
- 25. September 2026ver.di kritisiert die Pläne
Bundesvorstandsmitglied Christoph Schmitz-Dethlefsen beklagt fehlende Offenheit und eine Schwächung des Medienstandorts NRW.
- 26. September 2026BILD veröffentlicht die Streichliste
Die vollständige Liste der 76 Formate wird samt Follower-Zahlen der betroffenen Kanäle bekannt; der WDR bestätigt die Streichungen.
- 27. September 2026Vernau schließt Einschnitte beim Tatort aus
Die Intendantin will die Krimis aus Köln, Dortmund und Münster nicht antasten.
- Frühjahr 2027Entscheidung über weitere Streichungen
Dann will der WDR festlegen, welche Angebote als Nächstes wegfallen.
