Die Ukraine hat zwei nordkoreanische Kriegsgefangene an Südkorea übergeben – und damit einen offenen Streit mit dem Empfängerland ausgelöst. Südkoreas Präsident Lee Jae Myung nannte die öffentliche Bekanntgabe „zutiefst bedauerlich“. Beide Länder hätten den Vorgang wegen seiner diplomatischen und sicherheitspolitischen Sensibilität vertraulich behandeln wollen.
Öffentlich wurde die Übergabe am Mittwoch, dem 23. September 2026, durch den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in seiner Rede vor der 81. Generaldebatte der UN-Vollversammlung in New York. Zu diesem Zeitpunkt waren die beiden Männer längst in Südkorea.
In der vergangenen Woche haben die Russen mehr als 2.200 Angriffsdrohnen gegen die Ukraine gestartet, sowie rund 1.650 Fliegerbomben und 38 Raketen verschiedener Typen, eine beträchtliche Anzahl davon ballistische Raketen. Und letzte Nacht gab es tragischerweise Menschen, die infolge russischer Angriffe getötet wurden. Drei Menschen wurden in der Region Saporischschja infolge der Angriffe getötet. In Kyjiw wurde ein Mann durch einen Drohnenangriff getötet. Mein Beileid an die Familien und Angehörigen… Wohngebäude, Energieinfrastruktur und andere zivile Infrastruktur in den Regionen Odesa, Charkiw, Sumy, Mykolajiw, Cherson, Poltawa, Schytomyr und Kyjiw wurden über Nacht angegriffen. Am Morgen haben die Russen zweimal ein Rechenzentrum in Kyjiw getroffen. Drei Menschen wurden beim ersten Angriff verletzt, darunter zwei Kinder. Wir arbeiten ständig mit Europäern, Amerika, Kanada, Japan, Australien und anderen Partnern zusammen, um unsere Verteidigung zu stärken und echte Diplomatie voranzutreiben. Aber leider fehlt es an einer konsequent starken Position von China und Indien, Brasilien und Südafrika, den G20-Ländern und dem Globalen Süden. Tatsächlich hat jedes dieser Länder Einfluss auf Russland und kann helfen, Frieden Wirklichkeit werden zu lassen. Garantierte und würdige Sicherheit hier in der Ukraine aufzubauen bedeutet, Sicherheit und Stabilität global zu stärken. Ich danke allen, die nicht beiseitestehen und der Ukraine helfen.
Nach Angaben des südkoreanischen Abgeordneten Yoo Yong Won (Yu Yong-weon) trafen sie über ein Drittland ein, „drei bis vier Tage“ vor der Bekanntgabe – also um den 20./21. September. Seoul und Kiew hätten sich bereits etwa im Juni 2026 auf die Überstellung verständigt, nach südkoreanischer Darstellung unter der Bedingung, sie nicht öffentlich zu machen.
Seoul fordert eine Entschuldigung
Am Sonntag, dem 27. September 2026, verlangte das Präsidialamt in Seoul offiziell „eine offizielle Erklärung und eine Entschuldigung“. Sekretär Seong Ghi-hong erklärte, das Präsidialamt bedauere die einseitige Offenlegung zutiefst – und ebenso, dass Kiew anschließend fälschlich bestritten habe, es habe eine Vertraulichkeitsvereinbarung gegeben. Weitere Maßnahmen würden geprüft.
Präsident Lee Jae Myung hatte zuvor erklärt, er wisse nicht, „warum die ukrainische Seite die Vereinbarung gebrochen und die Angelegenheit öffentlich gemacht hat, aber es ist sehr enttäuschend“. Aus Seouls Sicht wiegt das Dementi schwerer als die Offenlegung selbst: Gerade diese Darstellung untergrabe das Vertrauen zwischen beiden Regierungen erheblich und schade den freundschaftlichen Beziehungen schwerwiegend. Der Streit zwischen Seoul und Kiew wird inzwischen offen ausgetragen.
Kiew bestreitet, dass es eine solche Abmachung überhaupt gab. Selenskyjs Berater Dmytro Lytvyn sagte vor Journalisten, die Ukraine sei „ein offenes Land“; es wäre seltsam gewesen, die Soldaten heimlich zu übergeben. Aus der „langen und detaillierten“ Geschichte habe man nur die Tatsache selbst berichtet, dass sie in die Republik Korea geschickt wurden.
Selenskyj: Kim benutzt sie wie eine Währung
In New York bestätigte Selenskyj den Vorgang selbst – die erste öffentliche Bestätigung überhaupt und der Auslöser des Streits mit Seoul. Vor der Vollversammlung sagte er:
„Kürzlich haben wir zwei nordkoreanische Kriegsgefangene an die Republik Korea übergeben.“
Der Präsident schilderte, es sei „nicht einfach“ gewesen, diese Männer lebend gefangen zu nehmen. Einer von ihnen, so Selenskyj, habe versucht, sich das Leben zu nehmen, als er erkannte, dass er gefangen genommen werden würde – und sei schockiert gewesen, dass das Schicksal ihn nicht sterben ließ.
Dann rechnete er mit Pjöngjang ab: Kim Jong Un benutze die Koreaner „wie eine Währung“ und bekomme dafür etwas zurück. „Warum sollten Koreaner in einem Krieg gegen die Ukraine ihr Leben geben?“, fragte Selenskyj.
Menschenrechtsorganisationen und Geheimdienste dokumentieren seit längerem, dass russische Einsatzkräfte und nordkoreanische Vorgesetzte eigene schwer verwundete Soldaten im Gefechtsfeld exekutieren, um Beweise für die nordkoreanische Truppenpräsenz zu vernichten. Nordkoreanische Soldaten würden darauf getrimmt, den Tod der Gefangenschaft vorzuziehen.
Gefangen in Kursk, verhört in Kiew
Die beiden Männer waren am 9. Januar 2025 im Frontbereich der russischen Region Kursk von Kräften der Taktischen Gruppe 84 der ukrainischen Spezialkräfte gemeinsam mit Luftlandetruppen lebend gefangen genommen und schwer verwundet nach Kiew evakuiert worden. Dort vernahm sie der ukrainische Sicherheitsdienst SBU gemeinsam mit dem südkoreanischen Nachrichtendienst NIS.
Einer der beiden, Jahrgang 1999 und Angehöriger einer Scharfschützeneinheit, trug einen russischen Militärausweis auf den Namen einer real existierenden Person aus der sibirischen Republik Tuwa. Beide gaben an, vor der Abreise getäuscht worden zu sein: Man habe ihnen gesagt, sie würden zu Ausbildungszwecken verlegt. Der Transport führte verdeckt über Frachtschiffe in den russischen Fernen Osten und von dort per Schlafwagenzug an die Westgrenze.
Von Kursk nach Südkorea
- 2024Nordkorea entsendet Truppen
Pjöngjang beginnt, Russland mit Soldaten zu unterstützen – nach Schätzungen des südkoreanischen Geheimdienstes insgesamt rund 14.000 bis 15.000, überwiegend in die Region Kursk.
- 9. Januar 2025Zwei Soldaten lebend gefangen
Kräfte der Taktischen Gruppe 84 und Luftlandetruppen nehmen in Kursk zwei schwer verwundete nordkoreanische Soldaten gefangen; sie werden nach Kiew evakuiert und von SBU und NIS vernommen.
- März 2026Zusammenarbeit vereinbart
Bei einem Außenministertreffen verständigen sich Südkorea und die Ukraine auf Kooperation in der Frage der nordkoreanischen Kriegsgefangenen.
- Juni 2026Einigung auf die Überstellung
Nach Angaben des Abgeordneten Yoo Yong Won verständigen sich Seoul und Kiew auf die Übergabe der beiden Gefangenen.
- Juli 2026Treffen beim NATO-Gipfel in Ankara
Präsident Lee Jae Myung und Selenskyj erörtern den Status der Gefangenen und wollen ihn im Einklang mit internationalem Recht lösen.
- 20./21. September 2026Ankunft in Südkorea
Die beiden Männer reisen über ein Drittland und kommen „drei bis vier Tage“ vor der Bekanntgabe sicher in Südkorea an.
- 27. September 2026Seoul fordert eine Entschuldigung
Das Präsidialamt verlangt offiziell eine Erklärung und eine Entschuldigung von Kiew und prüft weitere Maßnahmen.
Warum Seoul auf Vertraulichkeit bestand
Südkoreanische Stellen verweigerten zunächst jede Auskunft über Verbleib, Zeitpunkt und Route der Überstellung – aus Sorge um die Sicherheit der Soldaten und ihrer Angehörigen. Denn die Familien nordkoreanischer Kriegsgefangener und Flüchtlinge sind in Nordkorea Repressionen ausgesetzt. Pjöngjang wertet jede Gefangenschaft als Hochverrat und praktiziert Sippenhaft über Generationen.
Hinzu kommt ein völkerrechtlicher Konflikt: Die Genfer Abkommen verpflichten Gewahrsamsstaaten, Kriegsgefangene nach Ende der Feindseligkeiten in ihre Heimat zurückzuschaffen. Das UN-Antifolterübereinkommen verbietet jedoch eine Überstellung, wenn dort Folter oder Hinrichtung drohen. Seoul betrachtet wegen Artikel 3 seiner Verfassung alle Bewohner der koreanischen Halbinsel als eigene Staatsbürger und signalisierte früh Aufnahmebereitschaft.
Beide Gefangenen hatten gegenüber Vernehmern und internationalen Beobachtern ausdrücklich erklärt, in Südkorea Schutz zu beantragen und nicht nach Nordkorea zurückzukehren. Dort durchlaufen sie nach dem nordkoreanischen Flüchtlingsschutzgesetz strenge Sicherheits- und Schutzerfahren.
Nordkorea hat nach Schätzungen des südkoreanischen Geheimdienstes rund 14.000 bis 15.000 Soldaten zur Unterstützung Russlands entsandt, überwiegend in die Region Kursk. Westliche und ukrainische Dienste gehen von 10.000 bis 12.000 Angehörigen der Koreanischen Volksarmee aus, Kern ist das 11. Armeekorps.
Die Verluste gelten als hoch: Im April 2025 schätzte die südkoreanische Auslandsaufklärung rund 2.000 Gefallene; nach Angaben südkoreanischer, ukrainischer und westlicher Vertreter wurden mehr als 6.000 nordkoreanische Soldaten getötet.
Die Zahlen könnten weiter steigen: Bereits im August 2026 hatte Selenskyj vor bis zu 50.000 nordkoreanischen Soldaten für Russland gewarnt.
Ob Kiew auf die Forderung reagiert, ist offen. Seoul prüft nach eigenen Angaben weitere Maßnahmen – bislang hat die Ukraine weder die Vertraulichkeitsabsprache eingeräumt noch sich entschuldigt. Für die beiden Männer ändert der Streit nichts: Sie bleiben in Südkorea, Details zu ihrem Aufenthalt verweigert das Außenministerium weiterhin aus Sorge um ihre Sicherheit und die ihrer Angehörigen.
