Die Polizei von Merseyside hat Robert Del Naja festgenommen, den Frontmann der Trip-Hop-Band Massive Attack. Der 61-Jährige hatte sich am Samstag, dem 26. September 2026, mit einem Pappschild vor das Konferenzzentrum ACC Liverpool gesetzt.
Auf dem Schild stand: „I oppose genocide. I support Palestine Action“ – „Ich bin gegen Völkermord. Ich unterstütze Palestine Action“. Del Naja sagte nichts dazu. Am Sonntag begann im selben Gebäudekomplex der Jahresparteitag der regierenden Labour-Partei, der erste unter Premierminister Andy Burnham.
Der Vorwurf lautet, eine verbotene Organisation zu unterstützen. Rechtliche Grundlage ist der britische Terrorism Act 2000; Palestine Action steht seit Juli 2025 als terroristische Vereinigung auf der britischen Liste. Seitdem kann schon das öffentliche Zeigen eines Gegenstands strafbar sein, der Unterstützung nahelegt.
Die stille Aktion war Teil der Kampagne „Lift the Ban“ der Bürgerrechtsorganisation Defend Our Juries, die die Rücknahme des Verbots verlangt. Für Del Naja ist es nicht der erste Protest dieser Art: Am 11. April 2026 war er auf dem Trafalgar Square in London festgenommen worden – ebenfalls mit einem Schild mit identischem Wortlaut.
Der Wortwechsel mit der Polizei
Aufnahmen der Festnahme zeigen, wie sich mehrere Polizisten dem sitzenden Del Naja nähern. Einer der Beamten fragt ihn, ob er etwas tun könne, um ihn aus dem Bereich zu bewegen, weil er eine Straftat begehe. Als der Beamte auf das Verbot von Palestine Action hinweist, widerspricht Del Naja; ein zweiter Beamter erklärt daraufhin, er sei wegen Unterstützung einer verbotenen Organisation unter Arrest.
Ein zweiter Beamter erklärt daraufhin, er sei unter Arrest wegen Unterstützung einer verbotenen Organisation; den Wortwechsel bei der Festnahme in Liverpool hat das Musikmagazin NME dokumentiert. Anschließend wird Del Naja abgeführt. Polizisten trugen ihn nach übereinstimmenden Berichten unter Applaus und Jubel der Umstehenden weg; das US-Magazin Consequence verortet die Szene auf einer Brücke beim Konferenzzentrum.
„Ich erkenne die Straftat nicht an“, sagte Del Naja. Als der Beamte ihn darauf hinwies, dass Palestine Action eine verbotene Organisation ist, erwiderte er: „Ich stimme dem Verbot nicht zu.“
Ein Videoappell an den Premierminister
Wenige Stunden vor der Festnahme veröffentlichte Del Naja gemeinsam mit der Palestine-Action-Mitgründerin Huda Ammori und dem Menschenrechtsanwalt Michael Mansfield KC eine voraufgezeichnete Videobotschaft an Premierminister Andy Burnham. Darin heißt es, die Festgenommenen seien keine Terroristen. Die Forderung lautet: „De-proscribe Palestine Action“ – das Verbot muss weg.
Burnham ist seit Juli 2026 Regierungschef; der Parteitag in Liverpool ist sein erster als Premierminister. Im Juni 2025 stand er mit Del Naja bei einer Veranstaltung zum Fossil-Fuel-Non-Proliferation-Vertrag auf einer Bühne und lobte dessen „Klarheit und Führung“. Defend Our Juries hält ihm vor, er lasse Del Naja nun wegen eines Stücks Papier nach dem Terrorism Act verhaften.
Für den ersten Parteitagstag kündigte die Organisation ein weiteres Massen-Vigil an, bei dem Schilder still hochgehalten werden sollten. Der Protest trifft eine Regierung, die das Verbot zeitgleich vor dem Supreme Court verteidigt.
Am Parteitagssonntag folgen mehr als 50 Festnahmen
Am Sonntag, dem 27. September, versammelten sich nach Angaben der britischen Nachrichtenagentur PA mehr als 250 Demonstrierende vor dem Konferenzzentrum, viele mit Plakaten und Bannern wie „Ich unterstütze Palestine Action“. Am Abend teilte die Polizei von Merseyside mit, sie habe mehr als 50 Menschen festgenommen; die Betroffenen hätten Material zur Unterstützung der verbotenen Gruppe gezeigt.
Laut Al Jazeeras Bericht über die Festnahmen in Liverpool fragten Polizisten die Sitzenden zunächst, ob sie die Schilder weiter hochhalten wollten, und führten sie dann nach dem Terrorism Act ab. Al Jazeera berichtet außerdem, Aktivistinnen und Aktivisten hätten Außenminister Ed Miliband in einem Restaurant in Liverpool mit der Forderung konfrontiert, das Verbot aufzuheben; Miliband habe einen Kommentar verweigert.
Amnesty International UK verurteilte die Festnahmen als „wahrhaft beschämenden Angriff auf die Meinungsfreiheit“. Geschäftsführerin Kerry Moscogiuri sagte, Protestieren sei eines der wirksamsten Mittel, damit Regierungschefs zuhören; der neue Premierminister könne die Gesetze so reformieren, dass Gemeinschaften geschützt zusammenkommen und demonstrieren können.
Tausende Festnahmen, 484 Anklagen
Die Zahl der Festnahmen im Zusammenhang mit Unterstützung für Palestine Action ist erheblich. Nach Zahlen des britischen Innenministeriums gab es im Jahr bis März 2026 in Großbritannien 2.819 Festnahmen, 484 Anklagen und 2.287 Menschen, die gegen Kaution entlassen wurden.
Al Jazeera berichtet von mehr als 3.600 Festnahmen seit dem Verbot im Juli 2025, oft wegen Schildern mit demselben Wortlaut wie dem von Del Naja. Das Magazin Huck nannte im April 2026 mehr als 2.200 Festnahmen bis zum Frühjahr.
In der britischen Öffentlichkeit ist die Haltung offen. Ein Forschungsbericht von More in Common ergab, dass 46 Prozent zunächst nicht sagen konnten, ob das Verbot richtig oder falsch ist; nach Zusatzinformationen sprachen sich 41 Prozent dafür und 29 Prozent dagegen aus. Unter Labour-Mitgliedern lehnten einer Survation-Umfrage vom August 2025 zufolge 71 Prozent das Verbot ab.
Festnahmen wegen Unterstützung von Palestine Action
Großbritannien, Jahr bis März 2026
Ein Verbot vor drei Gerichten
Del Naja, geboren 1965 in Bristol, ist Gründungsmitglied und Frontmann von Massive Attack, die 1988 entstand und als Pionier des Trip-Hop gilt; sein Künstlername lautet „3D“. Die Band boykottiert Auftritte in Israel seit 1999 und gehörte 2025 zu den Gründern einer Allianz von Musikschaffenden, die gegen Israels Vorgehen in Gaza Stellung bezieht.
Im Juli 2026 wurden Del Naja und Bandkollege Grant Marshall in Singapur festgehalten, nachdem sie auf der Bühne eine palästinensische Flagge gezeigt hatten; zwei Bandmitglieder wurden anschließend mit Einreiseverbot belegt – Massive Attack nach Palästina-Flagge mit Einreiseverbot. Del Naja und weitere Bandmitglieder gehörten außerdem zu den mehr als 200 Musikern, die Burnham aufforderten, Pläne für das Ölfeld Rosebank abzulehnen.
Das Verbot von Palestine Action ist juristisch umstritten. Der High Court erklärte die Einstufung im Februar 2026 für rechtswidrig und unverhältnismäßig; Massive Attack begrüßte die Entscheidung. Der Court of Appeal hob sie im Juni 2026 auf und befand das Verbot für rechtmäßig sowie für einen „gerechtfertigten und verhältnismäßigen“ Eingriff in die Meinungsfreiheit.
Nach dem Terrorism Act ist es strafbar, für eine verbotene Organisation zu werben, eine unterstützende Meinung zu äußern oder öffentlich einen entsprechenden Gegenstand zu zeigen. Für einige Delikte liegt die Höchststrafe bei 14 Jahren Haft, für das öffentliche Zeigen bei maximal sechs Monaten.
Vom Verbot zur Festnahme vor dem Parteitag
- Juni 2025Burnham lobt Del Naja
Andy Burnham, heute Premierminister, und Del Naja treten gemeinsam für den Fossil-Fuel-Non-Proliferation-Vertrag auf; Burnham lobt dessen „Klarheit und Führung“. Im selben Monat dringen Aktivisten in den Luftwaffenstützpunkt RAF Brize Norton ein.
- Juli 2025Palestine Action wird verboten
Die britische Regierung stuft die Gruppe nach dem Terrorism Act 2000 als terroristische Vereinigung ein. Unterstützung der Gruppe wird damit strafbar.
- Februar 2026High Court kippt die Einstufung
Der High Court erklärt das Verbot für rechtswidrig. Es bleibt bis zur Entscheidung über einen Einspruch in Kraft.
- 11. April 2026Erste Festnahme in London
Del Naja wird bei einer Demonstration von Defend Our Juries auf dem Trafalgar Square festgenommen – mit einem Schild identischen Wortlauts.
- Juni 2026Court of Appeal bestätigt das Verbot
Das Berufungsgericht hebt die Entscheidung des High Court auf und nennt das Verbot gerechtfertigt und verhältnismäßig.
- Juli 2026Burnham wird Premier, Zwischenfall in Singapur
Andy Burnham wird Premierminister. Del Naja und Grant Marshall werden in Singapur festgehalten, nachdem sie auf der Bühne eine palästinensische Flagge gezeigt haben.
- 26./27. September 2026Festnahmen vor dem Labour-Parteitag
Del Naja wird am Samstag vor dem ACC Liverpool festgenommen. Am Sonntag nimmt die Polizei mehr als 50 weitere Demonstrierende fest.
Der Supreme Court hat eine begrenzte Berufung gegen das Verbot zugelassen; verhandelt wird im November 2026. Dann entscheidet sich, wo in Großbritannien legitime politische Meinungsäußerung endet und strafbare Unterstützung einer verbotenen Organisation beginnt.
