Russland wirbt Belarussen mit 45.000 Euro für den Krieg an
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Rekrutierung

Russland wirbt Belarussen mit 45.000 Euro für den Krieg an

4,35 Millionen Rubel, russischer Pass in zwei Wochen, Straferlass: Über Telegram und Viber kauft Moskau Belarussen für den Krieg gegen die Ukraine ein. Minsk duldet die Kampagne – und die Angeworbenen landen laut Menschenrechtlern an den verlustreichsten Frontabschnitten.

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Eine Einmalzahlung von 4,35 Millionen Rubel, umgerechnet rund 45.000 Euro, verspricht eine Anzeige — dazu einen russischen Pass binnen zwei Wochen. Bezahlt wird der Lohn mit einem Vertrag in der russischen Armee und einem Einsatz an den verlustreichsten Frontabschnitten des Krieges gegen die Ukraine.

Auslöser der aktuellen Berichte ist eine Recherche, die Euronews am 26. September 2026 unter dem Titel massenhafte Anwerbung von Belarussen für den Krieg veröffentlichte. Sie stützt sich auf Investigationsarbeit der Deutschen Welle, des lettischen TVNET, des belarussischen Portals CityDog und von Current Time sowie auf Screenshots der Menschenrechtsinitiative Belpol.

Der Konflikt dahinter: Moskau rekrutiert, Minsk duldet, und die Rechnung zahlen Männer aus kleinen Städten und Dörfern. Sie werden in Sturmabteilungen geschickt, können sich in Belarus strafbar machen und ihre Staatsbürgerschaft verlieren — der Weg zurück ist praktisch versperrt.

Anwerbung per Telegram, Viber und belarussischer Nummer

Die Angebote laufen über Telegram-Kanäle, über Viber-Chats kleiner Städte und über lokale Gruppen, in denen Menschen über Alltägliches reden. Militärische Angebote stehen unauffällig neben Anzeigen für Gemüseverkauf oder Nachhilfeunterricht. Die Rekruterer nutzen belarussische Telefonnummern, um Vertrauen aufzubauen.

Das Muster ist schematisch: Interessierte antworten auf eine Anzeige, ein Rekruter stellt die finanziellen Bedingungen vor, beteuert die Rechtmäßigkeit des Ganzen, hilft bei Dokumenten und bei der Reise. Die Ausreise führt über die russischen Grenzstädte Smolensk oder Pskow, dort wird unterschrieben. Euronews nennt diesen Weg eine „Straße ohne Ausweg“.

Die Deutsche Welle fand die Anzeigen auch auf spezialisierten russischen Werbeseiten — etwa auf „Защитник РФ“, das „Vertragsdienst in Belarus“ bewarb und als Sammelpunkt die Adresse Minsk, uliza Angarskaja 8 nannte, den Sitz des Militärkommissariats der Stadt. Im Reha-Abschnitt standen Hilfen in der russischen Republik Udmurtien, auf „доброволец-центр.рф“ Dutzende belarussische Städte als angebliche Sammelstellen, wie die Recherche zur Anwerbung von Belarussen im Internet zeigt.

Geld, Pass und Straferlass

Im Zentrum steht Geld. Die Anzeige verspricht eine Einmalzahlung von 4,35 Millionen Rubel; Focus online rechnet das in rund 45.000 Euro um, die Deutsche Welle in rund 47.000 Euro, polnische Medien wie Interia in rund 200.000 Złoty. Dazu kommen hohes Gehalt, bezahlte Ausbildung, Unterkunft und Verpflegung, Lebens- und Krankenversicherung, Militärrente, Veteranenstatus, Kredit- und Steuererleichterungen sowie ein 10-Ar-Grundstück.

Ausdrücklich beworben wird die russische Staatsbürgerschaft in zwei Wochen. Belpol dokumentierte zusätzlich Zusagen, Kredite zu tilgen und Vorstrafen zu annullieren. Die Anwerbung beteuert, sie sei „kein Söldnertum“ — offenbar, um die Angst vor strafrechtlichen Folgen zu nehmen.

Die Zielgruppe ist eng umrissen: Männer aus kleinen Städten und Dörfern mit niedrigem Einkommen, Schulden oder Problemen mit dem Gesetz. Euronews wertet die Kampagne als systematisch gegen Menschen in schwieriger sozialer Lage gerichtet, nicht als Einzelfälle. Amnesty International erhebt einen vergleichbaren Vorwurf gegen Russland auch jenseits von Belarus: Menschenhandel bei der Rekrutierung von Ausländern.

Der Belpol-Vertreter Wolodymyr Schyhar sagt der Deutschen Welle, in den vergangenen zwölf Monaten habe seine Organisation eine deutliche Zunahme der Anzeigen in sozialen Netzwerken und Viber-Gruppen festgestellt. Er beklagt zugleich, dass das Strafrecht einseitig angewendet wird.

„Im vergangenen Jahr stellen wir einen deutlichen Anstieg der Anzeigen in verschiedenen sozialen Netzwerken und Viber-Gruppen fest. Die im Strafgesetzbuch vorgeschriebene Norm wird selektiv angewandt — nur auf jene, die auf der Seite der Ukraine kämpfen.“
Wolodymyr Schyhar, Vertreter der belarussischen Menschenrechtsinitiative Belpol

Kanonenfutter und ein Strafgesetz für eine Seite

Wer unterschreibt, landet laut Belpol fast immer in Sturmabteilungen und in sogenannten „Fleisch-Stürmen“ — Angriffen mit besonders hohen Verlusten. Die Partnerorganisationen der DW nennen die Rekruten „мяso armatnie“, Kanonenfutter eines Krieges, den viele nicht verstehen. Nach Schyhars Einschätzung wollen 90 Prozent der Angeworbenen einfach Geld verdienen, zehn Prozent fürchten Strafverfolgung in Russland oder handeln aus ideologischer Motivation.

Nach belarussischem Recht ist der Dienst in fremden Armeen verboten. Die DW nennt Artikel 133 des Strafgesetzbuchs, Söldnertum, mit drei bis sieben Jahren Haft, und Artikel 132, Anwerbung, Ausbildung, Finanzierung und Einsatz von Söldnern, mit sieben bis 15 Jahren. Die Polizeieinheit GUBOPiK verwies über die staatliche Agentur Sputnik Belarus zusätzlich auf Artikel 361-3 mit bis zu zehn Jahren Haft.

Die Rekruterer behaupten dagegen, es handle sich um rechtmäßigen „Dienst in der Armee des Unionsstaates“. Euronews und die polnische Presse bewerten das als Falschaussage: Russen und Belarussen hätten im Unionsstaat formal gleiche Rechte, und Moskau leite daraus gleiche Pflichten bis hin zur Wehrpflicht ab. Die US-Denkfabrik Institut für Kriegsstudien (ISW) warnte, diese Lesart könne Druck auf Belarussen und Mobilisierungsversuche begründen.

Pawel Latuschko vom Vereinigten Übergangskabinett von Belarus hält das Geschäft auf beiden Seiten für strafbar — für die Werber und für die Angeworbenen.

„Aus Sicht der belarussischen Gesetzgebung sind das strafbare Handlungen, die sowohl als Förderung von Söldnertum und Organisation von Söldnertum verfolgt werden als auch als der bloße Akt der Anwerbung in ausländische Streitkräfte.“
Pawel Latuschko, stellvertretender Leiter des Vereinigten Übergangskabinetts von Belarus

Zwei Zahlenreihen, ein Streit über Minsks Rolle

Wie viele Belarussen auf russischer Seite dienen, erfasst keine amtliche Statistik. Belpol schätzt laut DW, dass seit Beginn des Großkriegs mehr als 3.500 Belarussen für Russland gekämpft haben und rund 500 getötet wurden; viele gelten als vermisst, mehr als 20 sollen sich in ukrainischer Kriegsgefangenschaft befinden.

Belarussen auf russischer Seite: zwei Schätzungen

Kämpfende beziehungsweise Verträge und Getötete

Quelle: Belpol via Deutsche Welle; Pawel Latuschko via FREEДOM

Pawel Latuschko nannte im ukrainischen Fernsehsender FREEДOM unter Berufung auf ukrainische Quellen 2.871 unterzeichnete Verträge und 440 Gefallene. Der ukrainische Auslandsgeheimdienst SZRU hatte laut einem Bericht von Kresy.pl mitgeteilt, Minsk erlaube die Anwerbung eigener Bürger; ein Dienst in der belarussischen Länderdomain bot rund 28.000 Dollar pro Vertrag und wurde später geschlossen.

Latuschko zufolge spricht gerade diese zeitweise Präsenz in der nationalen Domain dafür, dass Lukaschenkos Sicherheitsapparat am Recruiting beteiligt ist. Kontrolliert wurde sie vom Operativ-Analytischen Zentrum beim Präsidenten, einer direkt Lukaschenko unterstellten Struktur.

Er verweist auf drei belarussische Kriegsgefangene aus dem Gebiet Gomel, die sich vor ihrer Ausreise bei einem Militärkommissariat gemeldet hätten — Verteidigungsminister Wiktar Chrenin und Generalstabschef Pawel Murawjeiko seien damit im Bilde. Die Lieferung „menschlicher Ressourcen“ könne eine Zusage Lukaschenkos an Putin sein, vermutet der Oppositionspolitiker.

Spam im Dorfchat, keine Antwort vom Staat

In der belarussischen Öffentlichkeit wächst die Beunruhigung. Menschen beschweren sich über massenhaften Werbe-Spam, manche melden die Fälle beim Innenministerium, eine Reaktion bleibt praktisch aus. Die DW dokumentiert eine Nutzerin, in deren Dorfchat mit mehr als 900 Mitgliedern mehrmals pro Woche Anzeigen für die Teilnahme an der russischen „speziellen Militäroperation“ erschienen; sie wandte sich an die Polizeiverwaltung der Region Minsk.

Die Menschenrechtsorganisation „Brestskaja Wjasna“ konnte eine dieser Anzeigen nachweisen: Text, weiß-rot-weiße Flagge und ein Viber-Konto mit belarussischer Nummer zeigten, dass sie sich gezielt an Belarussen richtet.

Das Regime Alexander Lukaschenkos bestreitet die Anwerbung nicht — unterbindet sie aber auch nicht. Begründet wird das mit der wirtschaftlichen Abhängigkeit Minsks von russischen Subsidien. Die Polizeieinheit GUBOPiK erklärte Anfang Juni 2026, sie beobachte Anwerbungen, verortete die Werber jedoch in Polen und der Ukraine und sprach von „Glückssoldaten“, deren Biografie gescheitert sei.

Parallel verschärft Belarus Maßnahmen der Mobilisierung, was den Druck auf wehrfähige Männer erhöht; Sicherheitskräfte beteiligen sich Latuschko zufolge inzwischen an der Rekrutierung und fördern sie. Der Bedarf an neuen Soldaten bleibt groß: Russland bereitet einem Bericht zufolge bis zu 300.000 zusätzliche Einberufungen vor.

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Eine Antwort des Staates auf die Beschwerden seiner Bürger steht bislang aus. Die Anwerbung läuft seit Monaten, die Zahl der Anzeigen steigt, und die wirtschaftliche Abhängigkeit von Moskau macht ein Einschreiten teuer. Sollte sich die Lesart des Unionsstaates durchsetzen, könnte sie nach Einschätzung des ISW sogar zur Grundlage werden, Belarussen zur Wehrpflicht in einem fremden Krieg zu verpflichten.