Bosch streicht in Nürnberg rund 900 von 1.800 Stellen
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Autozulieferer

Bosch streicht in Nürnberg rund 900 von 1.800 Stellen

Bosch will bis 2029 rund 900 der etwa 1.800 Arbeitsplätze in seinem Nürnberger Werk streichen – rechnerisch jede zweite Stelle. Die IG Metall nennt den Plan ein Armutszeugnis, die Standortsicherung läuft am 31. Dezember aus, betriebsbedingte Kündigungen sind nur bis dahin ausgeschlossen.

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Bosch streicht in Nürnberg rund 900 der etwa 1.800 Stellen – rechnerisch die Hälfte der Belegschaft. Der Automobilzulieferer kündigte den Abbau am Montag, dem 28. September 2026, in einer Pressemitteilung an; am Nachmittag informierte das Unternehmen die Beschäftigten in einer Betriebsversammlung.

Betroffen ist das Werk NuP1 an der Zweibrückener Straße 13 in der Nürnberger Südstadt. Nach Unternehmensdarstellung sollen die Stellen „in den nächsten drei Jahren“ wegfallen, also bis 2029. Der Nürnberger Abbau kommt zusätzlich zum bereits angekündigten konzernweiten Abbau von 22.000 Mitarbeitern, von denen der Großteil auf den Mobility-Sektor entfällt. Weltweit beschäftigte Bosch im Vorjahr mehr als 410.000 Menschen, rund 123.000 davon in Deutschland.

Der Sparkurs trifft einen Konzern mit zuletzt schwacher Rendite. Zum Ende des ersten Halbjahres 2026 hatte Bosch rund 6.500 Beschäftigte weniger als Ende 2025, steigerte den Umsatz im Vorjahresvergleich aber um 3,6 Prozent auf 46,4 Milliarden Euro. Die operative EBIT-Rendite sank auf 4,6 Prozent. Im vergangenen Jahr schrieb das Unternehmen nach Steuern erstmals seit der Finanzkrise 2008 rote Zahlen.

Verbrenner und Brennstoffzelle – ein Werk im doppelten Umbruch

Bosch Mobility fertigt in Nürnberg vor allem Komponenten für den klassischen Verbrennungsmotor sowie Brennstoffzellen-Technik. Mit dem Wandel zur Elektromobilität verlieren Verbrenner-Komponenten an Bedeutung. Zugleich konnte die Brennstoffzelle für Wasserstoffantriebe die in sie gesetzten Erwartungen bislang nicht erfüllen.

Als Gründe nennt Bosch den Wandel der Automobilindustrie und den wachsenden Wettbewerbs- und Preisdruck, vor allem durch Konkurrenten aus China. Der weltweite Automarkt stagniere, die Nachfrage in Europa sei rückläufig. „Da zudem der Hochlauf des Wasserstoffmarktes in Europa hinter den Erwartungen zurückbleibt, sinken Produktionsvolumen und Auslastung des Werks weiter“, erklärte das Unternehmen. In Nürnberg entstehe dadurch ein Personalüberhang, der langfristig wirtschaftlich nicht tragfähig sei.

„Diese Entscheidung fällt uns überaus schwer, da sie für unser engagiertes Team in Nürnberg tiefgreifende Auswirkungen hat“, teilte Bosch mit. „Wir müssen jedoch unsere Strukturen an das veränderte Marktumfeld anpassen und unsere Wettbewerbsfähigkeit wiederherstellen.“ Als Verantwortlicher am Standort wird der kaufmännische Leiter Alexander Weichsel genannt. Bosch will den Abbau „möglichst sozialverträglich“ umsetzen; Arbeitnehmervertretung und Beschäftigte seien informiert, die Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern sollten nun aufgenommen werden.

Die Standortsicherung läuft zum 31. Dezember aus

Kern des Konflikts ist das Auslaufen der bestehenden Standortsicherung zum 31. Dezember 2026. Seit 2007 sicherten Betriebsrat und Werkleitung den Standort mehrfach per Vereinbarung ab; die Beschäftigten zahlten dafür mit Verzicht bei Lohn und Arbeitszeit. Stellen fielen dennoch weg – über Verlagerungen, Vorruhestand und Abfindungen.

Eine Erneuerung scheiterte nach Darstellung der IG Metall zuletzt daran, dass der Arbeitgeber nicht über Zukunftsprodukte für den Standort verhandeln wollte. Der Betriebsrat versucht nach eigenen Angaben seit Herbst 2025, mit dem Arbeitgeber ins Gespräch zu kommen; Bosch erklärte, zeitnah in Gespräche einsteigen zu wollen. Bis zum 31. Dezember 2026 schließt die geltende Vereinbarung betriebsbedingte Kündigungen aus.

Andere Hersteller verbinden den Abbau mit langfristigen Zusagen: Porsche streicht 5000 Stellen und sichert Standorte bis 2035 zu. In Nürnberg läuft die Sicherung dagegen Ende Dezember aus, ein Nachfolgepaket gibt es bislang nicht.

Wie es zum Stellenabbau in Nürnberg kam

  1. 2007
    Beginn der Standortsicherungen

    Seit 2007 sichern Betriebsrat und Werkleitung den Standort mehrfach per Vereinbarung ab. Die Beschäftigten zahlen dafür mit Verzicht bei Lohn und Arbeitszeit; Stellen fallen trotzdem weg.

  2. Juli 2026
    IG Metall warnt vor massivem Abbau

    Die IG Metall Nürnberg geht mit der Befürchtung an die Öffentlichkeit, dass dem Werk ein größerer Stellenabbau bevorsteht.

  3. 21. Juli 2026
    Betriebsversammlung zu Abbauszenarien

    Betriebsrat und IG Metall informieren die Beschäftigten im Werk NuP1 in einer fortgesetzten Betriebsversammlung über mögliche massive Abbauszenarien des Arbeitgebers.

  4. Mitte September 2026
    Betriebsrat warnt erneut

    Betriebsratschef Frank Sell appelliert an die Politik, alles zu tun, um Arbeitsplätze und Autoindustrie in Europa zu schützen.

  5. Montag der Vorwoche
    Bundesweiter Aktionstag der IG Metall

    Vor dem Bosch-Werk in Nürnberg protestieren nach Gewerkschaftsangaben 500 Beschäftigte gegen den Stellenabbau; Betriebsratschef Arne Brandsch fordert neue Produkte für den Standort.

  6. 28. September 2026
    Bosch kündigt Abbau von 900 Stellen an

    Das Unternehmen informiert die Öffentlichkeit und am Nachmittag die Belegschaft: Bis 2029 sollen rund 900 der etwa 1.800 Stellen in Nürnberg wegfallen.

  7. 31. Dezember 2026
    Standortsicherung läuft aus

    Die bestehende Vereinbarung endet. Bis dahin sind betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen; erst jetzt beginnen die Verhandlungen mit dem Betriebsrat.

IG Metall nennt den Abbau ein Armutszeugnis

Die IG Metall kritisiert den Plan scharf. „Ein Kahlschlag in dieser Größenordnung ist ein Armutszeugnis für den weltgrößten Automobilzulieferer“, heißt es von der Gewerkschaft. Nach ihrer Darstellung verlangt Bosch zusätzliche Einsparungen bei den Personalkosten, ohne verbindliche Zusagen für Zukunftsprodukte zu machen. Eine spätere Schließung des Werks hält die Gewerkschaft für möglich – im Juli 2026 hatte sie das öffentlich befürchtet: Warnung der IG Metall vor der Schließung.

Der Betriebsrat rechnet mit mehr Betroffenen als vom Unternehmen genannt. Bei den 900 Stellen handle es sich um Vollzeitäquivalente, daher sei eher von rund 1.000 Menschen auszugehen, die bis 2029 ihre Stelle verlieren – rein rechnerisch mehr als ein Mitarbeiter pro Tag. Der Standort verliere „massiv an Kompetenz“, ein Konzept für die Zukunft habe bei der Entscheidung gefehlt. Bosch hält dem entgegen, dass eine „Kernsanierung“ durch die eingeleiteten Schritte möglich sei. Betriebsratschef Frank Sell hatte schon Mitte September vor einem weiteren Verlust von Arbeitsplätzen gewarnt.

„Wir appellieren an die Politik, alles zu tun, was möglich ist, um unsere Arbeitsplätze und die Autoindustrie in Europa zu schützen.“
Frank Sell, Betriebsratschef bei Bosch

Sell fordert unter anderem, nur den Kauf von E-Autos zu subventionieren, deren Teile alle aus Europa stammen. Chinesische Hersteller überschwemmten Europa mit E-Autos, die wegen Subventionen und Währungspolitik billiger seien, lautete seine Begründung.

Schock in der Belegschaft und offene Fragen

Für die Beschäftigten ist die Nachricht ein tiefer Einschnitt. Am Montagabend stand den meisten beim Verlassen des Geländes der Schock ins Gesicht geschrieben, es fielen Worte wie „Existenzangst“ und „Katastrophe“ – wie der BR über die Stimmung berichtet.

Sorge bereitet den Mitarbeitern auch die Lage auf dem Jobmarkt in einer Branche, in der es vielen anderen Autozulieferern ähnlich schlecht geht – der VDA rechnet mit 225.000 gefährdeten Jobs in der Autobranche bis 2035. Ob Bosch betriebsbedingte Kündigungen zumindest ausschließen kann, beantwortete das Unternehmen auf Nachfrage nicht; es verwies lediglich auf eine möglichst sozialverträgliche Umsetzung des bis 2029 laufenden Abbaus.

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Offen ist auch, wie viele der 900 Stellen am Ende tatsächlich wegfallen und über welche Instrumente – Vorruhestand, Abfindungen oder Verlagerungen. Die Verhandlungen mit dem Betriebsrat beginnen erst jetzt, die Standortsicherung endet am 31. Dezember 2026. Der Betriebsrat bezweifelt, ob der Standort nach 2029 überhaupt noch besteht; ob bis Jahresende ein Zukunftskonzept auf dem Tisch liegt, entscheidet sich in genau diesen Gesprächen.