Erdoğan empfängt Wüst 50 Minuten – Premiere für einen Länderchef
Bild: KI-generiert
Türkei-Reise

Erdoğan empfängt Wüst 50 Minuten – Premiere für einen Länderchef

Als erster amtierender NRW-Ministerpräsident reist Hendrik Wüst in die Türkei – und wird in Ankara überraschend 50 Minuten lang von Präsident Erdoğan empfangen. In Berlin wird der Trip als Bewerbung um die Nachfolge von Kanzler Merz gelesen; Wüst beteuert, in NRW bleiben zu wollen.

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50 Minuten dauerte das Gespräch, länger als erwartet – und es war eine Premiere: Recep Tayyip Erdoğan hat am Nachmittag des 28. September im Präsidentenpalast in Ankara den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Hendrik Wüst empfangen. Aus Wüsts Delegation hieß es, Erdoğan habe noch nie einen deutschen Landesregierungschef getroffen. In Berlin wird die Reise zugleich als Bewerbung um die Nachfolge von Bundeskanzler Friedrich Merz gelesen.

Der 51-Jährige war am Montagmorgen um 7.30 Uhr mit einem Linienflug der Sun Express von Düsseldorf nach Ankara gestartet – als erster amtierender Regierungschef Nordrhein-Westfalens überhaupt und zum ersten Türkei-Besuch seines Lebens. Offizielle Anlässe der dreitägigen Reise durch Ankara und Istanbul sind der 65. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens, das 80-jährige Bestehen Nordrhein-Westfalens und der Empfang zum Tag der Deutschen Einheit, den die Deutsche Botschaft Ankara mit NRW als Co-Gastgeber ausrichtet.

Erdoğan sitzt zwischen zwei Flaggen, Wüst an seiner Seite

Protokollarisch ist der Empfang ungewöhnlich: Regionale Regierungschefs werden in der Türkei normalerweise nicht vom Staatspräsidenten empfangen – die Hintergründe des Treffens mit Erdoğan. Die Sitzordnung machte den Rangunterschied sichtbar: Erdoğan saß in der Mitte des Raumes zwischen zwei türkischen Flaggen unter dem goldenen Sonnensiegel, Wüst an seiner Seite – fast genau dort, wo elf Monate zuvor Kanzler Merz gesessen hatte.

Gesprochen wurde über wirtschaftliche Zusammenarbeit, eine Reform der EU-Türkei-Zollunion, Visa-Erleichterungen und Rüstungskooperation: „Es gibt ein großes Interesse daran, auch im Bereich Rüstung noch näher zusammenzuarbeiten“, sagte Wüst; Erdoğan sei gut informiert, was die Rüstungsindustrie in NRW zu bieten habe. Zur Menschenrechtslage in der Türkei äußerte sich Wüst öffentlich zurückhaltend: „Öffentlich engt man sich im Zweifelsfalle nur ein. Deswegen habe ich es dort besprochen, wo es hingehört.“

Eine Million Menschen, 12 Milliarden Euro

Vor der Abreise forderte Wüst in Interviews mit der türkischen Zeitung Hürriyet und der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu eine Reform der EU-Türkei-Zollunion und schnellere Visa-Verfahren. In NRW leben rund eine Million Menschen mit Wurzeln in der Türkei, knapp 500.000 von ihnen mit türkischer Staatsangehörigkeit – ein Drittel aller Türkeistämmigen in Deutschland. Das jährliche Handelsvolumen liegt stabil bei 10 bis 12 Milliarden Euro, rund ein Fünftel des gesamten deutsch-türkischen Handels.

25.000 bis 30.000 kleine und mittlere Betriebe in NRW werden von Menschen mit türkischen Wurzeln geführt. In Deutschland seien diese Menschen „als Integrationsaufgabe gesehen“ und „gelegentlich auch als Problem“ behandelt worden, sagte Wüst – „viel zu lange“. Sein Dank an die türkischen Migranten fiel deutlich aus: Ohne sie wäre der wirtschaftliche Aufschwung nach dem Krieg nicht möglich gewesen – „die haben im Stahlwerk gearbeitet, unter Tage, bei Ford in Köln, im Straßenbau, überall“.

Vor dem Erdoğan-Treffen hatte Wüst mit Henkel-CEO Carsten Knobel das Henkel-Werk Elmadağ besichtigt, den größten Konsumgüterstandort des Konzerns in der Region, danach legte er am Atatürk-Mausoleum Anıtkabir einen Kranz nieder. Am zweiten Tag folgten Gespräche mit Finanzminister Mehmet Şimşek, Außenminister Hakan Fidan und Industrieminister Mehmet Fatih Kacır sowie ein Empfang zum Tag der Deutschen Einheit für rund 1.500 Gäste. In Istanbul überreichte Wüst dem früheren DFB-Kapitän İlkay Gündoğan die Mevlüde-Genç-Medaille des Landes.

Von der Anwerbung 1961 bis zur Landtagswahl 2027

  1. 30. Oktober 1961
    Anwerbeabkommen unterzeichnet

    Auswärtiges Amt in Bonn und türkische Botschaft tauschen Verbalnoten aus; in den folgenden zwölf Jahren kommen rund 867.000 Menschen aus der Türkei nach Westdeutschland.

  2. Oktober 2025
    Merz startet eine „Positivagenda“

    Bundeskanzler Friedrich Merz besucht Ankara und vereinbart mit Erdoğan eine neue Linie in den deutsch-türkischen Beziehungen.

  3. Mai 2026
    Gerüchte über einen Kanzlertausch

    Nach einer Wüst-Reise nach Polen kommen Spekulationen über einen Wechsel an der Unionsspitze auf; das Kanzleramt nennt sie „wüste Spekulation“.

  4. 27. September 2026
    Wüst dementiert vor der Abreise

    Im ZDF sagt Wüst: „Ich möchte Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen bleiben.“

  5. 28. September 2026
    Erdoğan empfängt Wüst 50 Minuten

    Der Empfang im Präsidentenpalast in Ankara wird erst während des Besuchs im Henkel-Werk Elmadağ bekannt.

  6. 25. April 2027
    Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen

    Wüst tritt erneut an und will fünf Jahre Ministerpräsident bleiben; Spekulationen über Berlin schaden dort eher.

Die Kanzlerfrage reist mit

Die Reise fällt in eine aufgeheizte Lage in Berlin: Nach drei Landtagswahlen – Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt – steht Bundeskanzler Merz massiv unter Druck, die AfD ist der CDU in Umfragen enteilt. Wüst gilt neben CSU-Chef Markus Söder als aussichtsreichster Nachfolger und wird in Medien als „Reservekanzler“ geführt; in der Unionsfraktion setzen etliche Abgeordnete weiter auf einen Kanzlerwechsel. Zuletzt hatte Wüst eine Prüfung eines AfD-Verbotsverfahrens gefordert.

„Ich glaube, dass die außenpolitische und die innenpolitische Lage so ernst ist und so sehr eine stabile Bundesregierung erfordert, dass jetzt nichts falscher wäre, als zu glauben, wir tauschen jetzt einmal die Spitze aus, und dann ist alles erledigt. Das wäre eine Scheinantwort.“
Hendrik Wüst, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen

Wüst wehrt die Deutung ab. „Ich möchte Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen bleiben. Das habe ich auch klar gesagt“, sagte er am Abend vor der Abreise im ZDF. Bei der Landtagswahl am 25. April 2027 trete er für fünf Jahre an – „darauf können sich die Menschen in Nordrhein-Westfalen verlassen, mein Wort steht“. Zugleich räumte er ein, ein Regierungschef von 18 Millionen Einwohnern könne sich „nicht wegducken“. Rund die Hälfte der Türkeistämmigen in NRW hat Wahlrecht in Deutschland; sie wählen bislang eher SPD oder neuerdings AfD.

Für Wüst bleibt die Reise ein Balanceakt: Spekulationen über einen Wechsel nach Berlin schaden im Land eher, wo im April 2027 gewählt wird. Der Bochumer Politikprofessor Oliver Lembcke sieht darin eine strategische Öffnung. Wer Kanzler werden wolle, müsse mehr sein als der „bessere Merz“ und auch Wähler links der Mitte ansprechen. Ab 1. November 2026 wird Wüst Bundesratspräsident und trägt damit das vierthöchste Amt im Staat. Ob er in NRW bleibt, entscheiden die Wähler am 25. April 2027.

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