Acht Tage nach der Landtagswahl verliert Mecklenburg-Vorpommerns Grüne ihre Landesvorsitzende – mitten in der Regierungsbildung. Die 28-jährige Katharina Horn erklärte am Montag, dem 28. September 2026, sie lasse ihr Amt ruhen und werde bei der Neuwahl des Landesvorstands im November nicht erneut kandidieren, wie der NDR über Horns Rückzug berichtet.
Zur Begründung nannte die gelernte Bootsbauerin aus Greifswald ihren Hauptberuf. „Zeitgleich zu den anstehenden Sondierungs- und Koalitionsverhandlungen beginnt für mich die Hochsaison in der Werft“, erklärte Horn. Wie die Ostsee-Zeitung über Horns Arbeit in der Werft berichtet, betreibt sie mit Geschäftspartnern eine eigene Werft in Greifswald; ihre Familie baute die Horn-Werft in Wolgast auf.
Für die Grünen ist der Zeitpunkt heikel: Horn verzichtet nicht nur auf ihr Amt, sondern auch auf die Sondierungs- und möglichen Koalitionsverhandlungen für eine rot-rot-grüne Landesregierung. Dass ihre Partei erstmals in eine Landesregierung einziehen könnte, erlebt sie nicht an vorderster Front mit. Gegenüber dem NDR sagte sie, ihr Entschluss sei schon seit einem halben Jahr klar gewesen.
„Politik lebt vom Wechsel. Ich bin jetzt seit sieben Jahren im Vorstand. Da wird es mal Zeit für neue Gesichter.“
Sondierungen starten ohne die Vorsitzende
Das erste Sondierungsgespräch begann am selben Montag – zunächst nur zwischen der SPD von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig und dem bisherigen Koalitionspartner Die Linke, an einem geheim gehaltenen Ort. Über den Verlauf wollte keine Seite berichten. Die Grünen waren für Dienstag, den 29. September, erstmals zu den Gesprächen geladen.
Im Schweriner Landtag kommt nach dem vorläufigen Ergebnis keine Zweier-Koalition zustande. Die AfD gewinnt 38,2 Prozent und 32 Sitze – die stärkste Fraktion, aber ohne Partner. Die SPD liegt bei 35,5 Prozent und 29 Sitzen, Linke und Grüne kommen auf 6,5 und 5,7 Prozent und je fünf Sitze. CDU, BSW und FDP verpassen den Einzug.
Sitze im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern
Vorläufiges Ergebnis der Landtagswahl am 20. September 2026
Zusammen bringen SPD, Linke und Grüne 39 von 71 Sitzen. Ein Dreierbündnis unter Schwesig ist damit rechnerisch die einzige stabile Mehrheitsoption ohne die AfD, die einzige Oppositionsfraktion wäre. Diese Konstellation war vor der Wahl als Rot-Rot-Grün vor Mini-Mehrheit in MV gehandelt worden. Die Verhandlungen führen Schwesig für die SPD, der 29-jährige Linke-Landes- und Fraktionschef Hennis Herbst und Spitzenkandidatin Claudia Müller für die Grünen.
Müller führt die Grünen jetzt
Geführt wird die grüne Delegation nun von Spitzenkandidatin Claudia Müller. Die 45-jährige Bundestagsabgeordnete hatte bereits am 22. September angekündigt, im November ihr Bundestagsmandat niederzulegen; sie gilt als künftige Ministerin in einer rot-rot-grünen Regierung, möglicherweise für Wirtschaft und Klimaschutz.
Horns Co-Landesvorsitzender Ole Krüger und Müller würdigten ihre Arbeit: Horn habe „großen Anteil daran, dass wir das Ziel Wiedereinzug erreicht haben und voraussichtlich der nächsten Landesregierung erstmals als Bündnisgrüne angehören werden“. Horn ist seit 2022 eine von zwei Landesvorsitzenden des Landesverbands.
Um die Ressorts wird schon jetzt gestritten. Spekuliert wird, dass die kleinen Partner je zwei Ministerien beanspruchen könnten – dann müsste die SPD zwei Häuser abgeben, ohne dass eine Aufstockung der acht Ministerien realistisch wäre. Der Bund der Steuerzahler mahnte, „keinesfalls darf die Zahl der Ministerien erhöht werden, um den Koalitionsproporz zu befriedigen“, und forderte eine Überprüfung des Doppelhaushalts 2026/27.
Der Streit, der den Wahlkampf überschattete
Hinter dem Landesverband liegt ein monatelanger interner Streit, der den Wahlkampf überschattete. Im Zentrum standen Beschwerden zweier Mitarbeiter der Landtagsfraktion gegen die damalige Fraktionsvorsitzende Constanze Oehlrich – der Vorwurf lautete Machtmissbrauch und Belästigung. Oehlrich wies die Anschuldigungen zurück.
Externe Juristen, von der Fraktion beauftragt, stellten nach Angaben der Grünen weder einen Verstoß gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz noch fehlerhaftes Führungsverhalten fest. Der frühere Landtagsabgeordnete Hannes Damm drängte laut Hinweisgebern auf Aufarbeitung, verlor seinen Posten als stellvertretender Fraktionsvorsitzender und scheiterte bei der Listenaufstellung. Wenige Wochen vor dem Urnengang folgte Oehlrichs Rückzug vom Fraktionsvorsitz.
Von der Landesvorsitzenden zur Werft: die Vorgeschichte
- 2022Horn wird Landesvorsitzende
Katharina Horn wird gemeinsam mit Ole Krüger zur Landesvorsitzenden der Grünen in Mecklenburg-Vorpommern gewählt.
- Januar 2026Neuwahl der Landesliste
Nach internen Auseinandersetzungen muss die Kandidatenliste neu gewählt werden; Claudia Müller übernimmt die Spitzenkandidatur von Constanze Oehlrich.
- 20. September 2026Landtagswahl in MV
AfD 38,2 Prozent, SPD 35,5 Prozent, Linke 6,5 Prozent, Grüne 5,7 Prozent. Die Grünen schaffen knapp den Wiedereinzug.
- 28. September 2026Rückzug am Tag des Sondierungsstarts
Horn erklärt, sie lasse ihr Amt ruhen und nehme an den Verhandlungen nicht teil; SPD und Linke beginnen ihre Sondierung.
- 13./14. November 2026Parteitage entscheiden
Die Linke tagt in Güstrow, die Grünen in Stralsund – dort wird auch der neue Landesvorstand gewählt und über den Koalitionsvertrag abgestimmt.
Horn selbst stellte keinen Zusammenhang zwischen ihrem Rückzug und diesen Konflikten her. Sie verwies auf sieben Jahre Vorstandsarbeit, davon vier als Landesvorsitzende: „Nach vielen Jahren im Landesvorstand möchte ich gerne neuen Gesichtern Raum geben.“ Ein Beleg für einen Zusammenhang liegt öffentlich nicht vor.
Was bis zum 14. November passiert
Der grüne Landesparteitag, auf dem der neue Landesvorstand gewählt werden soll, ist für den 14. November in Stralsund vorgesehen. Dort soll auch über den Koalitionsvertrag abgestimmt werden. Die Linke hat sich für ihre Entscheidung den Abend des 13. November in Güstrow reserviert.
Der Rückzug reiht sich in eine Serie von Personalentscheidungen nach der Wahl ein: Bei der Linken steht Bildungsministerin Simone Oldenburg nicht mehr zur Verfügung, bei der SPD Wissenschafts- und Europaministerin Bettina Martin. CDU-Spitzenkandidat Daniel Peters trat nach dem Scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde zurück, ebenso Generalsekretärin Katy Hoffmeister; Philipp Amthor übernimmt den Landesvorsitz kommissarisch.
Offen bleibt, ob Horns Weggang die Grünen in den Verhandlungen schwächt. Bis zum 14. November verhandelt Spitzenkandidatin Müller ohne die Landesvorsitzende an ihrer Seite – dann entscheidet der Parteitag in Stralsund.
