Die Polizei in Frankreich hat am Dienstag, dem 29. September 2026, 440 Menschen festgenommen – überwiegend Minderjährige. Etwa zwei Drittel der Festnahmen endeten im Polizeigewahrsam, die Vorwürfe reichen von Sachbeschädigung bis zu Angriffen auf Ordnungskräfte. Es war der bislang härteste Tag einer Protestwelle, die eine Woche zuvor an einem einzigen Gymnasium begonnen hatte.
Innenminister Laurent Nuñez nannte die Zahl am Dienstagabend im Sender BFMTV. Wie die Meldung von franceinfo zu den 440 Festnahmen festhält, wurden an diesem Tag 48 Mitglieder der Sicherheitskräfte verletzt, in sieben Fällen flogen Salzsäure-Flaschen auf Einsatzkräfte. In Lyon setzte die Polizei Tränengas ein.
Verletzt wurden nach Angaben des Innenministers auch 31 Schüler und Beschäftigte des öffentlichen Dienstes. Insgesamt waren am Dienstag 416 Schulen von Protesten, Blockaden oder Blockadeversuchen betroffen.
Schon am Montag hatte Nuñez von „Gewalt in Reinform“ gesprochen. Damals waren 180 Schulen betroffen, in 27 Fällen stand der Unterricht vollständig still, dazu kamen 50 Blockadeversuche. Binnen eines Tages hat sich die Lage deutlich verschärft.
Ein Tag der Eskalation: Montag und Dienstag im Vergleich
Angaben von Innenminister Laurent Nuñez und französischen Medien
Ein geschlagener Lehrer und ein bedrohter Schulleiter
Die Gewalt traf nicht nur Polizeikräfte. Im Norden Frankreichs wurde ein Lehrer geschlagen. In Hauts-de-Seine verletzte ein Feuerwerkskörper einen Schulleiter, in Essonne wurde einem Schulleiter mit dem Tod gedroht. Acht Lehrkräfte, darunter drei Schulleiter, waren bereits am Montag verletzt worden.
Bildungsminister Édouard Geffray verurteilte die Ausschreitungen am Dienstag scharf. Der Mann, der das französische Schulsystem verantwortet, stellt sich damit gegen die Straße – und gegen jene Politiker, die die Proteste decken.
„Diese Gewalt ist unsäglich.“
Der zweite Teil seiner Kritik zielt auf die Unterstützer der Bewegung: Wer die Gewalt legitimiere oder in diesem Zusammenhang zur Ausweitung der Blockaden aufrufe, bringe die Schüler ebenso wie die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes in Gefahr, sagte Geffray – das sei unverantwortlich.
Von Créteil bis Nizza
Auslöser der Bewegung war ein Protest am 21. September am Lycée Antoine-de-Saint-Exupéry in Créteil gegen unbesetzte Lehrerstellen. Dieser Tag gilt als Beginn. Die Forderungen der Schüler sind seitdem dieselben: mehr Mittel, mehr Lehrkräfte, kleinere Klassen und sanierte Schulgebäude.
Am Freitag, dem 25. September, griffen die Proteste von den weiterführenden Schulen im Großraum Paris auf Lille, Lyon, Nantes, Grenoble, Nizza und andere Landesteile über. Innerhalb von vier Tagen wurde aus einer lokalen Aktion eine landesweite Bewegung mit mehreren hundert betroffenen Schulen.
Wie aus einem Schulprotest eine landesweite Welle wurde
- 21. September 2026Erste Aktion in Créteil
Am Lycée Antoine-de-Saint-Exupéry protestieren Schüler gegen unbesetzte Lehrerstellen. Der Tag gilt als Auslöser der Bewegung.
- 25. September 2026Proteste erreichen den Großraum Paris
An weiterführenden Schulen beginnen die Blockaden, es gibt erste Dutzende Proteste und Festnahmen.
- 28. September 2026180 Schulen betroffen
27 vollständige Blockaden, 50 Blockadeversuche, 164 Festnahmen, zwölf verletzte Sicherheitskräfte und acht verletzte Lehrkräfte. Innenminister Nuñez spricht von „Gewalt in Reinform“.
- 29. September 2026Landesweiter Aktionstag
416 Schulen betroffen, 440 Festnahmen, 31 Verletzte unter Schülern und Beschäftigten, 48 verletzte Sicherheitskräfte, sieben Salzsäure-Angriffe. In Lyon Tränengas.
- 30. September 2026Proteste dauern an
Mehr als 400 Lycées sind betroffen oder blockiert. In Lille löscht die Feuerwehr unter Polizeischutz einen Brand vor dem Lycée Montebello. Geffray zählt 76 Verletzte seit Beginn.
- 1. Oktober 2026Haushaltsentwurf 2027
Premierminister Sébastien Lecornu will den Haushalt mit angekündigten Einsparungen von 54 Milliarden Euro vorlegen.
Streit um die Legitimation von Gewalt
Mitten in den Protesten sagte Bally Bagayoko, Bürgermeister von Saint-Denis und Mitglied von La France insoumise, vor dem Lycée Paul-Éluard, die Gewalt könne legitim sein – „aber jedes Mal, wenn man sie vermeiden kann, ist das besser“, wie der Figaro über Bagayokos Aussage zur legitimen Gewalt berichtet.
Innenminister Nuñez nannte diese Äußerungen „sehr schwerwiegend“. Nuñez selbst formulierte die Gegenposition am Dienstag so: „Die Gewalt ist niemals legitim. Nichts rechtfertigt Gewalt.“ Bagayoko wies später den Vorwurf zurück, selbst einen Mülleimer in Brand gesetzt zu haben, und sprach von Lügen.
Rückendeckung bekam der Bürgermeister von der Parteispitze. La-France-insoumise-Chef Jean-Luc Mélenchon nannte die protestierenden Schüler „harmlos“ und warf der Regierung vor, die Repression angeordnet zu haben; die Härte sei unverantwortlich und habe einen offensichtlich rassistischen Beigeschmack.
Staatspräsident Emmanuel Macron warnte am Mittwoch Politiker davor, Gewalt zu rechtfertigen. Bildungsminister Geffray bezifferte die Zahl der Verletzten seit Beginn der Proteste auf 76.
Der Haushalt als nächster Zündpunkt
Der Schülerprotest fiel am Dienstag mit einem nationalen Streiktag im öffentlichen Dienst zusammen. Rund 170 Demonstrationen waren angemeldet, darunter rund 8.000 Feuerwehrleute. Anlass sind befürchtete Einsparungen im Haushaltsentwurf 2027, den Premierminister Sébastien Lecornu an diesem Donnerstag vorlegen will.
Vorgesehen sind Einsparungen von 54 Milliarden Euro. Trifft Lecornu damit auf den Widerstand der Straße, könnte sich die Welle in eine zweite Woche tragen. Schulstreiks als Druckmittel wirken auch außerhalb Frankreichs: In Deutschland hatte zuletzt ein Schulstreik gegen die Wehrpflicht mehr als 45.000 Schüler mobilisiert.
Offen ist, ob die Regierung angesichts von 440 Festnahmen an einem Tag den Kurs verschärft oder auf die Schulen zugeht. Die Entscheidung fällt am Donnerstag im Haushalt – und auf den Schulhöfen, an denen die Blockaden weiterlaufen.
