Hamburg und Schleswig-Holstein fordern Stromzone mit Dänemark
Bild: KI-generiert
Strompreise

Hamburg und Schleswig-Holstein fordern Stromzone mit Dänemark

Hamburg und Schleswig-Holstein wollen raus aus der einheitlichen deutschen Strompreiszone und rein in eine Nordzone mit Skandinavien. Bayern und Baden-Württemberg blockieren – Bayerns Ministerpräsident Söder will den Plan notfalls gegen die EU-Kommission stoppen.

Veröffentlicht
JUX auf Google folgen

Hamburg und Schleswig-Holstein wollen raus aus der einheitlichen deutschen Strompreiszone – und sich stattdessen mit Skandinavien zusammenschließen. Bei einer gemeinsamen Kabinettssitzung von Hamburgs rot-grünem Senat und Schleswig-Holsteins schwarz-grüner Landesregierung am 29. September 2026 im Hamburger Rathaus wurde die Forderung nach einer Strompreiszone Nord erneut bekräftigt.

Der Frust über die Strompreise im Norden hat einen handfesten Grund: Dort wird Windstrom abgeregelt, während im Süden teure Gaskraftwerke hochfahren. Weil Deutschland eine einzige Gebotszone hat, zahlen Verbraucher fast überall ähnliche Preise – obwohl Erzeugung und Verbrauch regional weit auseinanderfallen. Allein das Netzengpassmanagement kostete 2025 rund 3,1 Milliarden Euro.

Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher hält das Modell für den richtigen Weg. Der SPD-Politiker verweist auf die EU-Kommission, die ebenfalls auf Wettbewerb setze.

„Das wäre marktgerechter und würde Synergien entwickeln im Sinne der Energiewende“
Peter Tschentscher, Erster Bürgermeister von Hamburg (SPD)

Günther rechnet mit dem Süden ab

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) geht weiter. Deutschland sei eines der wenigen Länder, das in diesem Bereich nicht auf Marktwirtschaft setze, sagte er – das werde „ein zunehmendes Ärgernis auch von europäischer Ebene“. Zugleich ist die Stromfrage Wahlkampfthema: In Umfragen steht Schwarz-Grün in Kiel nach dem CDU-Absturz auf 27 Prozent ohne Mehrheit da.

Günther macht die einheitliche Zone für die Verwerfungen verantwortlich. Neue Windräder im Norden führten derzeit teilweise dazu, dass die Menschen vor Ort mehr statt weniger für Strom zahlen. Die Ausschläge sind heftig: Im Juni 2026 explodierten die Strompreise auf 109 Cent.

„Aber wenn der Strom aus dem Süden kommt, haben die plötzlich mit erheblich höheren Kosten zu tun, weil wir eine einheitliche Stromzone bei uns in Deutschland haben.“
Daniel Günther, Ministerpräsident von Schleswig-Holstein (CDU)

Brüssel hat den Nutzen längst berechnet

In Brüssel liegt das Thema seit April 2025 auf dem Tisch. Die europäischen Übertragungsnetzbetreiber errechneten für einen Fünf-Zonen-Split den höchsten Nutzen: 251 bis 339 Millionen Euro pro Jahr, die Regulierungsbehörde ACER kommt auf 450 bis 540 Millionen. Trotzdem entschied das Bundeswirtschaftsministerium am 15. Dezember 2025, die einheitliche deutsch-luxemburgische Gebotszone zu erhalten.

Im Norden gibt es längst einen Gegenentwurf. Die IHK Schleswig-Holstein stellte am 9. Juni 2026 in Brüssel ihr Modell einer Stromzone mit Westdänemark vor: Schleswig-Holstein, Hamburg und die westdänische Preiszone DK1 sollen eine gemeinsame Zone bilden. Das Fraunhofer IEE hält das für machbar – frühestens ab 2030.

Der Weg zur Strompreiszone Nord

  1. 28. April 2025
    Netzbetreiber legen Bidding-Zone-Studie vor

    Für Deutschland und Luxemburg bringt ein Fünf-Zonen-Split den höchsten wirtschaftlichen Nutzen: 251 bis 339 Millionen Euro pro Jahr laut ENTSO-E, die Regulierungsbehörde ACER schätzt 450 bis 540 Millionen.

  2. 15. Dezember 2025
    Bund entscheidet für die einheitliche Zone

    Das Bundeswirtschaftsministerium übermittelt den „Aktionsplan Gebotszone“ an die EU-Kommission und will die einheitliche deutsch-luxemburgische Stromgebotszone erhalten.

  3. 9. Juni 2026
    IHK stellt Nord-Modell in Brüssel vor

    Die IHK Schleswig-Holstein präsentiert eine gemeinsame Energiezone von Schleswig-Holstein, Hamburg und Westdänemark (DK1). Das Fraunhofer IEE bestätigt die Machbarkeit, frühestmögliche Inbetriebnahme 2030.

  4. 29. September 2026
    Kabinettssitzung im Hamburger Rathaus

    Hamburgs Senat und Schleswig-Holsteins Landesregierung beschließen eine gemeinsame Arbeitsgruppe zum Stromnetzausbau und bekräftigen die Forderung nach einer Strompreiszone Nord.

Söder kündigt Widerstand gegen Brüssel an

Berlin hält bislang dagegen: Union und SPD haben den Erhalt der einheitlichen deutsch-luxemburgischen Gebotszone im Koalitionsvertrag festgeschrieben. Baden-Württemberg und Bayern lehnen eine Aufteilung ab. Selbst bei den Grünen ist der Kurs umstritten – auf ihrem Länderrat auf Rügen beschlossen sie im Juni 2026 als erste Partei die Aufteilung, NRW und Baden-Württemberg widersprachen sofort. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder will sich davon nicht beeindrucken lassen.

„Wir werden uns weiter klar gegen mehrere Strompreiszonen zur Wehr setzen und das auch gegen etwaige Bedenken der EU-Kommission aus Brüssel durchsetzen.“
Markus Söder, Ministerpräsident von Bayern (CSU)

Erst 2030 wäre eine Nordzone möglich

Hamburg und Kiel wollen den Druck trotzdem erhöhen. Beide Kabinette beschlossen eine gemeinsame Arbeitsgruppe zum Stromnetzausbau. Man wolle die zuständigen Stellen aktivieren und zugleich Koordination anbieten, sagte Tschentscher.

Günther verlangte zugleich Nachbesserungen am vorliegenden Entwurf, damit es nicht zu einem „Fadenriss“ kommt. Ob der Bund die einheitliche Zone antastet, entscheidet sich nicht in Kiel oder Hamburg – zuständig sind die Bundesregierung und am Ende die EU-Kommission. Eine neue Nordzone könnte nach Einschätzung des Fraunhofer IEE frühestens 2030 ans Netz gehen.

Umfrage
Lädt